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Tests auf Waldversuchsfläche des Thünen-Instituts: Wissenschaftler untersuchen Sturmanfälligkeit der Baumarten

Vorsicht, Fällarbeiten!
Thünen-Institu

Viola Petersson / 15.08.2018, 22:46 Uhr
(MOZ) Eberswalde/Britz. Wissenschaftler des Eberswalder Thünen-Instituts machen Wind. Kräftig Wind. Sie simulieren einen Orkan. Auf der Versuchsfläche in Britz laufen dieser Tage im Rahmen des Projektes „Schutz des Waldes vor Umweltgefahren“ Tests zur Sturmfestigkeit von Bäumen.

Das Testobjekt,  eine 47 Jahre alte Douglasie auf der Versuchsfläche des Thünen-Instituts für Waldökosysteme, ist bereits verkabelt. Das Forscherteam hat etliche Sensoren am Stamm angebracht, die Krone ist im Vorfeld abgenommen worden. Um etwaige Folgeschäden beim Experiment zu verhindern. In 13 Metern Höhe haben die Männer ein großes Tau um den Baum gelegt. „Nein, wir haben keinen Windkanal hier“, sagt Jürgen Müller, Wissenschaftler am Thünen-Institut, sogleich. Die Kraft des Sturmes und die Auswirkungen werden stattdessen in einem „Zugversuch“ untersucht. Die Fachleute sprechen von „Windersatzlast“.  Deshalb also das starke Seil. Und der vorbereitete Seilzug.

Wird die Douglasie bei Orkan – bei Windstärke 12 und Geschwindigkeiten von bis zu 150 km/h – brechen oder entwurzelt der Sturm sie? Wird sie geworfen? Die Männer um Jürgen Müller sowie Professor Steffen Rust von der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Göttingen haben – ganz unwissenschaftlich – im Vorfeld eine Wette abgeschlossen. Die meisten im Team setzen auf Entwurzeln. Jürgen Müller, promovierter Forsthydrologe, hält dagegen: „Ich sage mal, sie bricht.“ Obwohl er davon nicht so ganz überzeugt ist. Prof. Rust hingegen ist etwas unentschlossen. Bevor er sich entscheiden kann, startet der Versuch auch schon.

Andreas Bahr beginnt, das Tau per Seilzug zu spannen. Er steht östlich der Douglasie. Natürlich mit dem entsprechenden Sicherheitsabstand. Genau dorthin soll der Baum fallen. „Denn die Hauptwindrichtung ist hierzulande Westen“, erklärt Müller am Rande. Wenige Minuten später hat sich das Gehölz bereits klar erkennbar geneigt. Von 0,2 Kilonewton Zugkraft ist die Rede.  Etliche Ruckzuck-Armbewegungen Bahrs später ist ein deutliches Knacken zu vernehmen. Das sich mit jeder Bewegung verstärkt. Langsam, aber sicher löst sich das Wurzelwerk aus dem Boden. Keine 20 Minuten nach dem Beginn des Experiments sinkt der Stamm hernieder. Kein Krachen, beinahe lautlos fällt er. Am Wurzelwerk steigt eine Staubwolke auf. Und senkt sich. Das war es. Ein relativ unspektakulärer, aber für die Wissenschaftler sehr aufschlussreicher Fall.

Am Ende habe eine relativ kleine Kraft von 0,8 Kilonewton und weniger ausgereicht, heißt es. Als der kritische Punkt bei fünf Kilonewton überwunden war, hatte der Wind sozusagen leichtes Spiel. Müller zeigt auf die recht kurze Pfahlwurzel. Insofern sei das Ergebnis nicht überraschend. Aber warum ausgerechnet eine Douglasie? Diese Baumart, die etwa zwei Prozent des Waldbestandes bundesweit ausmacht, gelte unter Forstleuten als „Zukunftsbaum“. Eben weil er gut mit Trockenheit und Hitze klarkomme. Im Übrigen sei dies natürlich nicht der einzige Versuch. Auch Kiefer und Buche werden noch auf ihre Stand- und Bruchfestigkeit bzw. ihre Anfälligkeit hin getestet.

Sturmschäden, so fügt Marco Natkhin hinzu, haben eine enorme wirtschaftliche Dimension. Das wisse man nicht erst seit Lothar, Kyrill, Xavier und Co. 53 Prozent aller Schäden im Forst werden durch heftigen Wind verursacht. Orkane seien zwar relativ selten, aber das Ausmaß der Verwüstung und die Folgen umso gravierender. „Zum Vergleich: Waldbrände haben einen Anteil an der Schadensbilanz von unter 20 Prozent.“ Genau deshalb beschäftige sich das Institut für Waldökosysteme neben dem Thema Trockenheit/Hitze eben auch seit Längerem schon mit dem Sturm.

Die Fall- oder Bruchneigung der Bäume hänge von mehreren Faktoren ab, so Müller. Die Struktur des Waldes spiele eine Rolle, ebenso wie die Bodenverhältnisse. Gleichzeitig gebe es natürlich Unterschiede zwischen den Baumarten. Die Tests und die Auswertung dauern zwar an, eine Empfehlung können Müller und Kollegen aber schon geben: Einbau von Laub- in Nadelholzbestände, Waldumbau also.

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