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Lückenlabor erinnert an Eberswalder Graffito gegen Abtreibungsparagraphen

Stadtgeschichte
Historische Schmiererei

Grafitto diskutiert: Heike Scharpff mit den Zeitzeuginnen Claudia Schallat und Marieta Böttger (von links)
Grafitto diskutiert: Heike Scharpff mit den Zeitzeuginnen Claudia Schallat und Marieta Böttger (von links) © Foto: Ulrich Wessollek
Marco Marschall / 06.12.2018, 07:30 Uhr
Eberswalde (MOZ) „Es wachse Schimmel um die Pimmel“ steht auf der grauen Betonmauer der alten Dachpappenfabrik. Der Beamer wirft das mittlerweile historische Foto an die Leinwand. Heute wird den Spruch niemand mehr vorfinden. Die Mauer hinter der Bahnhofsbrücke Richtung Finow ist Geschichte und mit ihm das Graffito, das sich gegen die Wiedereinführung des Abtreibungsparagraphen 218 wendete, der den Schwangerschaftsabbruch illegal machte. Heute steht an der Stelle ein Lidl.

Claudia Schallat hat noch ein Stück der Mauer. Sie war zur Wendezeit am Aufbringen des bunten Textes beteiligt und am Dienstagabend eine der Zeitzeuginnen der Gesprächsrunde im Lückenlabor des Museums. Die Lücke, die die Mauer nach dem Abriss hinterließ, war eine der 43 historischen Leerstellen, die ans „Tatort Lücke“-Team des Kanaltheaters gemeldet wurden. Bei der Auswahl der Orte, die 2018 mit einer Performance erkundet wurden, war sie nicht dabei.

Trotzdem ist die Lücke vielen ein Begriff. Der Stadtverordnete Lutz Landmann, früher im Ordnungsamt, gestand, noch heute daran zu denken, wenn er an der Stelle vorbeifährt. Dem Amt seien die Sprayer damals bekannt gewesen. Doch habe man sich entschieden, nichts zu tun. „Wir haben gesagt. Klappe halten und durch. Ist ne tolle Sache“, erklärte Landmann.

Zehn Jahre blieb der Spruch lesbar, wurde nie übersprüht. Ihn behördlich zu ignorieren zu können, führten die Zeitzeugen im Lückenlabor auch auf die damalige Umbruchzeit zurück. Außerdem war der Eigentümer seinerzeit unklar.

Weniger schön sind die Erinnerungen an die alte Dachpappenfabrik, die mit der Kontamination des Bodens Spuren auf dem Gelände hinterließ. Erst kürzlich konnte die Sanierung des Areals abgeschlossen werden. Mit ihrer Pappe von der Rolle sei die Firma Büsscher & Hoffmann einst weltweit führend gewesen. Ende des 19. Jahrhunderts entstanden, wurde das Gebäude nach dem Zweiten Weltkrieg unterschiedlich genutzt. Die Gäste im Museum erinnerten sich ans Lager eines Getränkehandels, eine Fahrschule und eine schulische Einrichtung für behinderte Kinder.

Die Fabrik und der prominente Spruch waren am Abend einer von drei Schwerpunkten. Eingeladen war auch die Soziologin Julia Binder, die über Dynamik von Erinnerung und Veränderbarkeit von Räumen sprach. Außerdem ließen die Gäste die Tatort-Lücke-Performance zur Radrennbahn in Finow Ende April Revue passieren.

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