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Hoeck-Stiftung begrüßt beim 12. Diplomatischen Salon den polnischen Botschafter. Der wartet mit streitbaren Thesen auf.

Botschafter
"Esperanto statt Englisch"

Wirbt um Verständnis und polarisiert gleichzeitig: der polnische Botschafter Andrzej Przyłębski. Der 60-Jährige war Gast beim 12. Diplomatischen Salon der Hoeck-Stiftung in Eberswalde.
Wirbt um Verständnis und polarisiert gleichzeitig: der polnische Botschafter Andrzej Przyłębski. Der 60-Jährige war Gast beim 12. Diplomatischen Salon der Hoeck-Stiftung in Eberswalde. © Foto: Torsten Stapel
Viola Petersson / 08.05.2019, 07:00 Uhr - Aktualisiert 08.05.2019, 07:16
Eberswalde (MOZ) Am Montagnachmittag habe er ihn noch in Berlin beim offiziellen Empfang anlässlich des polnischen Nationalfeiertags, also auf diplomatischem Parkett, getroffen. Am Abend begrüßte Martin Hoeck von der gleichnamigen Stiftung den polnischen Botschafter Andrzej Przyłebski in der deutschen Provinz – beim 12. Diplomatischen Salon.

Der übte sich denn abseits der politischen Bühne im Streitgespräch mit den Barnimern nicht unbedingt in der Kunst der Diplomatie. Przyłebski redete Klartext. Immer wieder müsse er seit seinem Dienstantritt in Berlin 2016 Polen verteidigen, ließ der Botschafter das Publikum wissen, um auch in Eberswalde sogleich diese Rolle einzunehmen.

Mehr Philosophie als Diplomatie

Przyłebski sprach über die Transformationsprozesse seit Ende der 1980er-Jahre, über die – seiner Meinung nach – Misswirtschaft unter Donald Tusk, über das angebliche Versagen des Staates und die unter der neuen Regierung 2015 eingeleiteten Reformen.  "Polen geht es gut, so gut wie in den letzten 30 Jahren nicht", behauptete er. Das Verständnis für Polen im Ausland indes sei "ungenügend" bis "falsch". Der Botschafter sparte nicht mit Kritik, gegenüber Brüssel, gegenüber der deutschen Politik, der Justiz und vor allem auch den Medien, den Journalisten, die Objektivität vermissen ließen. Gleichwohl, so konstatierte der 60-Jährige, sei die Sympathie der Polen für Deutschland groß.

Was ihm an Deutschland besonders gefalle, fragte Gastgeber Martin Hoeck. Und Przyłebski hob die "deutsche Philosophie" hervor. Er selbst sehe sich als "polnischer Botschafter und deutscher Philosoph". Przyłebski, der Philosophie und Sozialwissenschaften studiert hat, ist u. a. Mitglied des Vorstands der Internationalen Hegel-Gesellschaft. Was ihm an Deutschland indes missfalle, seien die "postmodernen" Entwicklungstendenzen. Etwa der Hang zu "multikulti" oder die Ehe für alle. Womit er – erwartungsgemäß – das Publikum herausforderte und auf Widerspruch stieß. Ebenso wie mit seinem gewagten (und sicher nicht ganz ernst gemeinten) Vorschlag zur Überwindung sprachlicher Barrieren: "Wenn England jetzt die EU verlässt", gebe es keinen Grund mehr, Englisch zu sprechen. Stattdessen sollte Esperanto eingeführt werden.

Kopfschütteln bei Zuhörern, nachdenkliche Mienen, Gegenworte. Aber auch die Meinung: "Das ist die große Politik", so Roman Sadowski, Geschäftsführer der HTS Targatz GmbH, die 2016 die Wäscherei übernahm. Auch er sei damals mit Ängsten nach Deutschland gekommen – und habe hier eine zweite Heimat gefunden, so der Pole. Er hoffe, dass es "irgendwann keine Vorurteile mehr gibt". Und nicht mehr von "polnischer Wirtschaft" die Rede ist, sondern von "wir Europäer". Beifall.

Beziehungen zwischen Nachbarn

Bürgermeister Friedhelm Boginski zeigte sich ebenfalls davon überzeugt, dass es jenseits der großen Politik zum Teil schon eine sehr gute Zusammenarbeit gebe. Eberswalde sei dafür ein Beispiel. Etwa mit der Partnerschaft zu Gorzow, mit Verbindungen von Kulturakteuren und Zoo nach Stettin oder dem Seniorenbeirat nach Barlinek. Sowie zwischen Unternehmen.

Ein Abend mit großem Diskussionspotenzial, wie Martin Heock resümierte. Ein streitbarer Austausch. Eben unter Nachbarn. Getragen aber durch ein großes Interesse, wie die Resonanz zeigte.

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Louis v. Wunsch-Rolshoven 10.05.2019 - 10:53:14

Allmähliche Einführung von Esperanto

Der polnische Botschafter meint es durchaus ernst mit seinem Vorschlag, Esperanto als internationale Sprache einzuführen; er hat seine Auffassung gegenüber dem Deutschen Esperanto-Bund bestätigt. Vgl. unsere Pressemitteilung hierzu, https://www.esperanto.de/de/PolnischerBotschafter2019 . Klar ist dabei, dass es sich um eine allmähliche Einführung des Esperanto handeln muss - und ebenso klar ist, dass die Öffentlichkeit zunächst sehr viel stärker über Esperanto informiert werden muss. Nur wenige Menschen wissen, dass sich Esperanto seit langem mehr und mehr ausbreitet, in über 120 Ländern weltweit. Ein paar Millionen Menschen haben nach Schätzungen bisher Esperanto gelernt und es gibt sogar Kinder, die mit Esperanto als Muttersprache aufwachsen; man schätzt, dass es heute etwa 2000 Esperanto-Muttersprachler gibt. Bisher sind etwa 10.000 Esperanto-Bücher erschienen; jährlich kommen etwa 120 Neuerscheinungen hinzu. Auf youtube kann man sich Esperanto-Lieder anhören, https://www.youtube.com/results?search_query=Esperanto+muziko ; jährlich dürften zumindest etwa hundert Lieder hinzukommen. (Falls das wenig klingt: Hören Sie sich doch einfach mal hundert Esperanto-Lieder in Folge an...) Wenn man Esperanto gelernt hat, kann man Esperanto-Sprecher in vielen Dutzend Ländern besuchen oder zu Esperanto-Veranstaltungen fahren; das ist schon recht attraktiv. Mehr Infos auf http://esperantoland.org/presse/ oder https://www.esperanto.de/de/InfoHamburg Esperanto kann man weit schneller lernen als Englisch; man braucht nur etwa ein Viertel der Zeit. Das heißt für Schulen, dass die Schülerinnen und Schüler statt z.B. 1000 Stunden Englisch nur 250 Stunden Esperanto lernen müssten, um dasselbe Sprachniveau zu erreichen - eine erhebliche Zeiteinsparung. Polnische Muttersprachler brauchen mehr Zeit als wir für Englisch, weil die Sprachen weiter voneinander entfernt sind. Damit ist für Polen die Lernersparnis durch Esperanto sogar noch deutlich größer als für uns. Leider ist es so, dass eine ganze Reihe von unzutreffenden Vorstellungen zu Esperanto in Umlauf sind - falsche Gerüchte. Hier habe ich mal eine Auswahl zusammengestellt, was Sprachwissenschaftler so alles an falschen Aussagen über Esperanto verbreitet haben, http://www.interlinguistik-gil.de/wb/media/beihefte/JGI2018/JGI2018-Wunsch.pdf Es wird wohl noch lange dauern, bis die breite Öffentlichkeit akzeptieren wird, dass viele Sprachwissenschaftler sie über Esperanto falsch informiert haben - vermutlich vor allem deshalb, weil Esperanto als Konkurrenz zu den eigenen Sprachen angesehen wurde und wird. Louis v. Wunsch-Rolshoven, Deutscher Esperanto-Bund, Pressesprecher

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