Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Staatssekretär Michael Stübgen (CDU) besucht den Agrarbetrieb ABP in Neugrimnitz und diskutiert mit Landwirten über die schwierige Zukunft der Erzeuger im Barnim.

Landwirtschaft
Politiker zu Gast bei glücklichen Kühen

Ranger unter sich: ABP-Miteigentümer Franz-Anton Berding (r.) zeigt den CDU-Politikern Jens Koeppen, Michael Stübgen und Danko Jur (v.r.n.l.) die jungen Angus-Kälbchen.
Ranger unter sich: ABP-Miteigentümer Franz-Anton Berding (r.) zeigt den CDU-Politikern Jens Koeppen, Michael Stübgen und Danko Jur (v.r.n.l.) die jungen Angus-Kälbchen. © Foto: susan hasse
Susan Hasse / 13.08.2019, 10:00 Uhr
Neugrimnitz (MOZ) Leere Ställe soweit das Auge reicht, konnte der parlamentarische Staatssekretär im Bundeslandwirtschaftsministerium, Michael Stübgen vergangene Woche in Neugrimnitz besichtigen. "Alle Kühe sind bei uns im Sommer auf der Weide", erklärt Betriebsleiter Nils Landmann. "Wir setzen konsequent auf Weidehaltung", so der Agrarwissenschaftler. Rund 1000 Charolais- und Angus-Kühe grasen stattdessen auf den zahllosen Weiden des Betriebes in Neugrimnitz, Althüttendorf und Friedrichswalde. Auf drei Standorte sind die Tiere verteilt. Allein in Neugrimnitz sind 300 der hübschen braun- und beigefarbenden Mutterkühe unterwegs.

Den hohen Besuch aus Berlin betrachteten die Tiere mit unbeeindruckten Blicken. Umso interessierter zeigte sich dagegen die Delegation rund um den parlamentarischen Staatssekretär und brandenburgischen CDU-Politiker Michael Stübgen. Mit dabei war auch CDU-Landtagskandidat Danko Jur, der um das Direktmandat im Barnim kämpft und der Bundestagsabgeordnete Jens Koeppen.  Welchen Wunsch der Betrieb an die Politik habe, fragte Michael Stübgen eingangs. Die Antwort kam prompt: "Lassen Sie uns in Ruhe unsere Arbeit machen", so Franz-Anton Berding, Miteigentümer der ABP Landwirtschaft Neugrimnitz. Landwirte hätten es derzeit schwer in Deutschland. Sie würden von allen Seiten kritisiert, bekämen immer strengere Vorgaben und ständen wirtschaftlich unter starkem Druck. Dabei gibt es sehr viele professionell geführte, hoch-effiziente Betriebe. Einer dieser Vorzeigebetriebe dürfte auch ABP Neugrimnitz sein.  Bereits vor über zehn Jahren hat der Betrieb, der auf Mutterkuhhaltung und Ackerbau spezialisiert ist, auf Bio umgestellt. Von April bis November leben die Kühe auf der Weide. Die Kälbchen werden nach einigen Monaten verkauft: Die männlichen Tiere werden gemästet, die weiblichen Tiere Milchkühe oder selbst Mutterkuh in der Herde.

Nach der Betriebsbesichtigung nahm sich Staatssekretär Stübgen Zeit für Debatten: Zusammen mit einem Dutzend Landwirten aus Barnim und Uckermark diskutierte er über Probleme und Herausforderungen der Branche.

Die jüngst ins Spiel gebrachte Idee einer Fleischsteuer erteilt der CDU-Staatssekretär eine Absage: "Das ist ein typisches Sommerlochthema", so seine Einschätzung.  Für die Medien ein attraktives Thema, das sich am Ende als Nullnummer herausstelle. Würde etwa die Mehrwertsteuer von derzeit sieben auf 19 Prozent für Fleisch erhöht, würde aufgrund der bestehenden Handelsstrukturen, kein Geld bei den Erzeugern ankommen, ist Stübgen überzeugt. Wichtig wäre es für die deutschen Landwirte allerdings, dass mittelfristig die Preise steigen und mehr bei den Landwirten hängenbleibt. "Lebensmittel müssen stärker wertgeschätzt werden", meint der CDU-Politiker. Wie die Preise der Nahrungsmittel allerdings steigen sollen, wenn gleichzeitig billiger-produziertes Fleisch aus Südamerika auf den deutschen Markt drängt, beantwortet er nicht. Doch die Landwirte stehen nicht nur wegen geringer Preise unter Druck: So fordert etwa die EU unter Androhung von Bußgeldern, dass Deutschland seine Düngemittel-Regeln verschärfen muss. Für die Bauern würde der Einsatz schwieriger und noch teurer. Auf Düngung verzichten geht ebenfalls nicht, da die Erträge sinken würden. "Ich kann noch nichts versprechen", räumt Stübgen ein, aber das Landwirtschaftsministerium arbeite an einer akzeptablen Lösung in Sachen Düngemittelverordnung. Ungemach droht den ostdeutschen Bauern auch in Sachen EU-Fördermittel. Diese sollen künftig nicht mehr nur nach Fläche gezahlt werden. Vielmehr schlägt die Kommission eine Kappungsgrenze und Degression der EU-Gelder vor. Das würde für die Barnimer Agrarbetriebe zu massiven Einnahmeverlusten führen und könnte sogar existenzbedrohend werden. "Wir werden hart verhandeln, um das zu verhindern", verspricht Stübgen den anwesenden Landwirten.

Auch das Thema Regionalität wurde in der landwirtschaftlichen Debatte angesprochen: Die Metropole Berlin giere zunehmend nach regionalen Lebensmitteln. Der Berliner Senat will Regionalität eigens fördern. Doch der Selbstversorgungsgrad in Berlin-Brandenburg ist weiterhin unterdurchschnittlich. Selbst zu DDR-Zeiten war der Anteil regionaler Produkte deutlich höher. Äußerst gering ist etwa die Tierhaltungsdichte in Brandenburg und vor allem im Barnim.

Nutztiere sind Mangelware

Würden die Berliner allein mit brandenburgischem Fleisch versorgt, würde es ab April kein Fleisch mehr geben, rechnet einer der Landwirte vor. Dass allerdings künftig mehr Kühe und Schweine in Brandenburg leben, hält Staatssekretär Michael Stübgen (CDU) für unwahrscheinlich. Zum einen gäbe es keine Investoren, um derartige Projekte finanziell zu stemmen, zum anderen sei die gesellschaftliche Stimmung derzeit gegen den weiteren Ausbau der Tierhaltung.

Ausbaufähig im Barnim sei allerdings das Thema Direktvermarktung, so Stübgen. Zwar sehe man immer öfter Hofläden, die regionale Lebensmittel anbieten, doch auch hier sei die Quote im Vergleich zu anderen Regionen weit unter dem Durchschnitt. Das kann der Barnimer Landtagskandidat Danko Jur nur bestätigen. Er sieht hier noch viel Potenzial. Die neue Landesregierung müsse die Bauern stärker bei der Vermarktung unterstützen und endlich eine schlagkräftige Marketinggesellschaft aufbauen, fordert der CDU-Politiker.

Kommentar: Raus aus der Ziellinie

Wie keine andere Berufsgruppe stehen die Landwirte derzeit in der Kritik. Mit bunten populistischen Behauptungen, die zumeist der empirischen und wissenschaftlichen Basis entbehren, wird viel behauptet, gefordert und wenig Probleme gelöst. Es wimmelt in der Debatte nur so von Widersprüchen: Wie soll das wachsende Berlin nachhaltige, regionale Lebensmittel bekommen, wenn die Landwirtschaft in Brandenburg nicht wachsen soll? Was passiert mit den nährstoffarmen Wiesen, wenn darauf keine Kühe mehr weiden? Wer kann sich in einem Land der Mindestlöhner hohe  Lebensmittelpreise und teures Bio-Fleisch leisten? Wovon leben  Vögel, wenn es keine Insekten am Kuhfladen mehr gibt, weil es weniger Tiere und Fleisch gibt?

Kurzum: Das Thema Landwirtschaft ist viel zu komplex, um es in nicht durchdachten Plattitüden zu verpacken und unter grün-ökologischer Flagge zu verkaufen.  Stattdessen sind sachliche Debatten mit fachlichem Tiefgang gefragt. Den Landwirten fehlt es derzeit an Strategien, sich aus der Schusslinie zu nehmen und die Debatte in andere Richtungen zu lenken. Stattdessen steigt der wirtschaftliche Druck und sinkt der Ertrag. Stellt sich die Frage, woher die Lebensmittel kommen sollen, um alle satt zu machen?⇥Susan Hasse

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG