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Leonhard Lindner durchforstet Brandenburg auf den Spuren seines russischen Vaters. Dieser saß erst im Eberswalder Gefängnis und später im Sachsenhausener Speziallager ein.

Familiengeschichte
Senior sucht nach dem russischen Vater im Eberswalder Gefängnis

Stolz auf das Amulett: Leonhard Lindner hat die Kette von seinem Vater erhalten, dessen Geschichte er folgt. MOZ-Leser können dabei helfen.
Stolz auf das Amulett: Leonhard Lindner hat die Kette von seinem Vater erhalten, dessen Geschichte er folgt. MOZ-Leser können dabei helfen. © Foto: Andrea Linne
Andrea Linne / 12.01.2020, 06:45 Uhr
Eberswalde (MOZ) Leonhard Lindner ist ein überaus zuvorkommender Mann. Höflich fragt er nach, telefoniert zurückhaltend und ist dankbar für jeden Hinweis. Die Geschichte seiner Eltern treibt ihn um. Um alle Erkenntnisse festzuhalten, die er auf dem Weg durch Archive und zu Zeitzeugen geht, hat er ein Familienbuch für seine eigenen Kinder geschrieben. Ein Sohn lebt in Berlin.

Leonid Denisow kam aus Kursk und war mit der sowjetischen Armee nach Deutschland gekommen. Er war Militärarzt und verliebte sich in die deutsche Maria Lindner, die als Krankenschwester arbeitete. Sie stammte aus Oberschlesien und kam später über Umwege in die Gegend von Landshut.

In alten Schulheften hielt sie die wichtigsten Details ihres Lebens fest, sie waren ihr Tagebuch. Leonhard Lindner ist das Kind dieser Liebe, die 1948 bitter endete. Da wurde der Knabe durch Oranienburg im Kinderwagen gefahren, wie eine Zeitzeugin dem längst erwachsenen Mann erzählen konnte.

Die Liebe der beiden muss so groß gewesen sein, dass Leonid Denisow der jungen Frau hinterher reiste und 1948 sogar zu einem Fahnenflüchtling wurde, obwohl er das laut Lindner nicht war. Der Vater kam über das Gefängnis in Eberswalde nach Sachsenhausen, wo er von der Militär­polizei im Speziallager Nummer 7 verhört und hart verurteilt wurde.

Im Februar 1949, da war Leonhard Lindner noch nicht ganz drei Jahre alt, kam der Häftling in einen Gulag in Sibirien, wohl in den Holzab- und Kohletagebau.

Seine große Liebe, Lindners Mutter, hat er nie wiedergesehen. Doch ein Familienfoto mit russischer Schrift und eine goldene Kette als Amulett zeugen von seinem Vater. Samt eingravierter Daten, das der in Wartenberg bei Erdingen wohnhafte Bayer noch ehrwürdig trägt.

Seit Jahren ist Lindner nun auf der Suche. Vor allem Fotos vom Gefängnis in Eberswalde, in dem seine Eltern zuerst beide einsaßen, sucht der heute 73-Jährige. Große Hilfe erhielt er in Oranienburg: "Eine Nachbarin konnte sich an mich als Baby und die jungen Leute erinnern, die im Mai 1948 verhaftet wurden." Während die Mutter nach drei Monaten Verhören und Gefängnis in Eberswalde wieder freikam, blieb der Vater verschollen.

"Mir hat Dr. Enrico Heitzer sehr geholfen. Der Historiker, der auch für die Stiftung Brandenburgischer Gedenkstätten in Sachsenhausen arbeitet, weiß sehr viel über jene Zeit und die militärischen Gefangenen in Sachsenhausen nach Ende des Zweiten Weltkriegs", erzählt er. "Da waren die Russen nicht zimperlich."

Inzwischen weiß Lindner, dass Vater Leonid später eine andere Frau kennenlernte. "Kontakt hat er aus Angst vor Repressalien nie wieder zu uns in Deutschland aufgenommen", berichtet der Familienforscher. Stattdessen schrieb dieser bis an den damaligen Bundeskanzler Schröder, ihm beim Öffnen der sowjetischen Archive behilflich zu sein. Es half. Leonhard Lindner durfte darin suchen. Das Auswärtige Amt offerierte die Chance, Unterlagen einzusehen. Der Vater blieb in Kursk hängen und wurde nach dem Tod Stalins wie viele andere rehabilitiert. 1952 kam er aus dem Gulag frei und bekam gemeinsam mit einer Litauerin noch zwei Söhne, Lindners Halbbrüder in Russland. Die hat der Wartenberger inzwischen getroffen. Gemeinsamkeiten wurden entdeckt. Und es wurde viel erzählt, sagt Lindner, aus dem Leben des Vaters.

Den Verlobungsring der Eltern, den Leonhards Mutter bis zu ihrem Tod aufbewahrte, konnte er zeigen. Eine Dolmetscherin half beim Übersetzen. Der Vater selbst studierte an der Universität in Kursk weiter. Am 6. Juni 2000 starb er, die Mutter von Leonhard bereits 1967. Sie erfuhr nie, was aus ihrem Leonid geworden war.

"Für mich ist das Gefängnis in Eberswalde, in dem meine Eltern zuerst interniert waren, von besonderer Bedeutung. Vielleicht gibt es Leser, die mir aus jener Zeit erzählen können, vielleicht waren Zeitzeugen dort ebenfalls eingesperrt", hofft Leonhard Lindner auf Hilfe aus der Leserschaft dieser Zeitung. Informationen zum Königlichen Amtsgericht, das sogar 2015 einen Barni zierte, hat er inzwischen erhalten. Nach dem Zweiten Weltkrieg, das hat der Eberswalder Hobby-Historiker Eberhard Wühle im Jahrbuch 2006/07 erforscht, gab es das sogenannte Russenviertel.

Dankbar für Hinweise

Das umfasste das Quartier zwischen Pfeil- und Ossietzky-Straße, westlich der Goethestraße. Die komplette Gerichtsstraße lag in diesem eingezäunten Areal.

Das frühere Amtsgericht an der Pfeilstraße war ein "zentrales Gebäude" in dem Quartier. "Das angrenzende Gefängnis in der Gerichtsstraße nutzten die Russen für straffällig gewordene Angehörige der Roten Armee", schreibt der Eberswalder. Das sind für Lindner wichtige Hinweise, aber Fotos hat er nicht. Die Archive nahmen die Russen mit oder verbrannten vieles.

"Das Tagebuch meiner Mutter hat mir sehr geholfen. Es war von meinem Vater begonnen worden, mehr hatte ich nicht. Ich lebte als Zweijähriger mit ihr in Eberswalde, dann in Oranienburg", sagt der 73-Jährige und dankt schon im Voraus für jede Hilfe.

Kontakt:eberswalde-red@moz.de

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