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Fitness
Fitnessstudios fürchten um Existenz

Markus Pettelkau / 19.03.2020, 05:30 Uhr
Eberswalde (MOZ) Die wirtschaftlichen Folgen der Ausbreitung und Eindämmung des Corona-Virus lassen sich langsam aber sicher erahnen. Viele Branchen fürchten um ihre Existenz. Dazu zählen neben Reisebüros, Restaurants und anderen auch Fitnessstudios. Seit Mittwoch sind alle Fitnesseinrichtungen in Berlin und Brandenburg vorübergehend geschlossen. Ob die Schließung wirklich nur vorübergehend bleibt, hängt von den finanziellen Mitteln des jeweiligen Betreibers ab.

Dass die Studios vorübergehend schließen müssen, war aus Behördensicht unausweichlich. Fitnessstudios sind Orte mit besonders hoher Ansteckungsgefahr. Viele Menschen auf engem Raum, alle verschwitzt und der unausweichliche Körperkontakt sind schlagkräftige Argumente für die erlassene Verordnung. Der Schutz der Gesundheit hat aber gravierende Folgen für viele Existenzen. Kommen keine Kunden, gibt es keine Einnahmen. Die Versicherungen greifen hier in den meisten Fällen nicht. Sogenannte Betriebsunterbrechungspolicen, die auch im Seuchenfall Betriebsschließungen abdecken, haben die wenigsten abgeschlossen.

Kein Entschädigungsanspruch

Die Betreiber sitzen also derzeit allein auf ihren Kosten. Viele Fitness-Center haben neben den laufenden Kosten auch Verbindlichkeiten für Gerätschaften abzubezahlen. Oft geht es dabei um fünfstellige Beträge.

Wenn auf behördliche Anordnung Geschäfte nicht mehr öffnen dürfen oder Veranstaltungen abgesagt werden, könnte man die Hoffnung haben, dass der Staat dann automatisch per Gesetz verpflichtet ist, für den entgehenden Gewinn einzustehen. Dies ist aber nicht der Fall. Es gibt zwar eine Vorschrift im Infektionsschutzgesetz, die sich mit Vermögensnachteilen auch außerhalb der Quarantäne beschäftigt. Die dürfte aber nicht greifen. Führende Verfassungsrechtler gehen davon aus, dass sich daraus kein allgemeingültiger Entschädigungsanspruch ableiten lässt.

Betreiber warten auf Lösungen

"Die Situation ist wirtschaftlich absolut gefährlich. Wir werden die April-Beiträge nicht einziehen, weil wir geschlossen haben werden. Damit fallen 100 Prozent unserer Einnahmen weg und das würde eine Zahlungsunfähigkeit bedeuten. Wir können unsere Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken. Das würde Ausgaben sparen, aber unsere Miete und andere Kosten müssen wir weiter zahlen. Wir müssen jetzt schauen, welche Hilfen es von Land und Bund gibt und wie wir die nutzen können", berichtet Tobias Finé, Geschäftsführer des TheosGym in Eberswalde. Diese Angst umtreibt die gesamte Branche, egal wie groß oder klein der Betrieb ist. "Wir müssen um unsere frisch aufgebaute Existenz bangen. Der Kostenapparat für Reha-Sport und Fitness ist intensiv. Es sind ja nicht nur die Mieten oder Sozialabgaben. Es hängt auch die Existenz von freiberuflichen Trainern davon ab", so Christian Buhr, Geschäftsführer von Ostend-Aktiv in Eberswalde.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier verspricht zwar zu helfen, aber wie, das ist noch unklar. "Wir haben so viele Reserven, dass wir versprechen können, dass wir alles tun, damit kein Arbeitsplatz und kein gesundes Unternehmen wegen Corona verloren geht und schließen muss", sagte der Minister in einem Interview mit der ARD. Die Finanzspritzen des Staates sollen vor allem kleine und mittlere Mittelständler auffangen. Insgesamt seien mehr als eine Milliarde Euro im Topf, so Altmeier weiter. Wann und wie das Geld fließt, darüber muss allerdings schnell Klarheit herrschen.

Kurzarbeit unumgänglich

Viele Studios sind Mitglied beim "Arbeitgeberverband Deutscher Fitness- und Gesundheitsanlagen" (DSSV) und derzeit in engem Kontakt mit dem Verband. Dieser rät derzeit zur Kurzarbeit, so Pressesprecher Alexander Wulf. Das seien die einzigen Kosten, die wirksam heruntergefahren werden können. "Ansonsten warten wir auf weitere Informationen der zuständigen Ministerien zu etwaigen Hilfen und informieren dann weiter, welche Möglichkeiten es gibt. Auf so eine Situation waren wir, war niemand, vorbereitet."

Grundsätzlich müssen Arbeitgeber, in diesem Fall die Fitnesscenter, die Löhne zahlen, wenn Arbeitnehmer ihre Arbeitskraft weiterhin anbieten. In diesen Fällen haben die Betriebe aber die Möglichkeit, Kurzarbeitergeld zu beantragen. Betriebe, die von einer Schließung oder auch von einem massiven Rückgang des Umsatzes betroffen sind, können ihre Angestellten in Kurzarbeit schicken und dann entsprechend weniger Lohn zahlen. Die Differenz zum vollen Lohn übernimmt dann zeitweise die Bundesagentur für Arbeit. Die Sozialversicherungsbeiträge werden den Arbeitgebern in voller Höhe erstattet. Das Kurzarbeitergeld soll nach Aussagen von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil schon rückwirkend zum ersten März beantragt werden können.

Diesen Weg geht auch die "Figur Lounge im Mona Lisa" in Bernau, so Inhaberin Andrea Deutschmann: "Wir loten derzeit alle rechtlichen Schritte aus, um über die Zeit zu kommen. Wir haben ja auch Angestellte, für die wir eine Fürsorge tragen. Kurzarbeit ist eine Lösung, damit wir nach dieser schwierigen Zeit wieder für unsere Kunden da sein können."

Zehntausende Jobs in Gefahr

Derzeit gilt die Regelung bis zum 19. April. Falls sich die Situation bis dahin nicht spürbar bessert, könnte es in eine Verlängerung gehen. Wer keine Reserven hat, muss aber auch erst mal bis zu diesem Datum durchhalten.  "Man bekommt Informationen von allen Seiten, aber wir müssen jetzt erst mal herausfinden, was überhaupt für uns möglich ist.  Wir sind dazu auch in Gesprächen mit verschiedenen Akteuren, dem Deutschen Sportstudioverband und Unternehmensberatungen. Man merkt, die Branche rückt gerade zusammen und arbeitet intensiv an Lösungen für die Studioinhaber und Mitglieder. Wenn es Hilfen gibt, nehmen wir sie natürlich an", so Andrea Deutschmann weiter.

Deutschlandweit befinden sich derzeit 9 343 Fitnessstudios in dieser schwierigen Situation. An ihnen hängen die Existenzen vieler Familien. Die Betroffenen erwarten deshalb, dass die Art und die Höhe der Hilfe schnell von den zuständigen Ministerien festgelegt werden.

Zahlen und Fakten zu Fitnessstudios

9 343 Fitnesscenter gibt es bundesweit.

11,6 Millionen Menschen sind Mitglied in einem Fitnessclub.

4,3 Millionen Mitglieder trainieren mehrmals wöchentlich.

Die 20- bis 29-Jährigen sind am häufigsten in Fitnessstudios vertreten.

Selbst in der Altersgruppe ab 70 Jahren sind beinahe 1,4 Millionen Menschen in Fitness-Anlagen aktiv.

Mehr als 5,5 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftete die Fitness-Branche im Jahr 2018 in Deutschland.

52 Prozent der Nutzer sind männlich, 48 Prozent sind weiblich.

Quelle: Arbeitgeberverband deutscher Fitness- und Gesundheitsan-lagen

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