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Freudentränen
Sehbehinderter Aidan aus Finowfurt erhält Lesegerät

Bewegender Moment: Dietmar Ortel freut sich mit Aidan und Franziska Rieck darüber, dass das Lesegerät endlich zur Verfügung steht. Mutter und Sohn bedanken sich mit Blumen für den Einsatz des Unternehmers.
Bewegender Moment: Dietmar Ortel freut sich mit Aidan und Franziska Rieck darüber, dass das Lesegerät endlich zur Verfügung steht. Mutter und Sohn bedanken sich mit Blumen für den Einsatz des Unternehmers. © Foto: Sven Klamann/MOZ
Sven Klamann / 21.05.2020, 17:50 Uhr - Aktualisiert 21.05.2020, 21:30
Eberswalde (MOZ) Schokoriegel, Bonbons, Kekse und Farbstifte liegen an dem eMAG 150 HD, der auf einem Tisch in der Filiale von Optic Ortel Hören & Sehen im Altstadtcarreé im Eberswalder Stadtzentrum wie auf einem Präsentierteller thront. Schleifchen und Luftballons unterstreichen das Besondere der Situation.

"Für Aidan ist die Übergabe ein wenig wie Weihnachten", sagt Dietmar Ortel und schaut auf den Jungen, der vorsichtig vor dem Lesegerät Platz nimmt und sichtbar entzückt über die kindgerecht bunten Schalter und Knöpfe streicht. Immer wieder greift der Neunjährige nach der Hand seiner Mama, die vor allem erleichtert ist. "Endlich kann mein Kind auch daheim in die Bücher schauen", sagt die Finowfurterin, die nicht mehr als Krankenschwester arbeitet, seit sich Aidans Gesundheitszustand verschlechtert hat.

Zusage kommt am 14. Mai

Anderthalb Jahre lang hatte sich die Alleinerziehende vergeblich bemüht, die DAK zur Übernahme der Kosten für ein Lesegerät zu bewegen, das ihrem Sohn hilft, mit den Hausaufgaben klar zu kommen, die er von der Sehbehindertenschule in Königs Wusterhausen heim bringt. Erst nachdem sie sich in ihrer Verzweiflung an die Märkische Oderzeitung gewandt hatte, war Bewegung in die Angelegenheit gekommen. Am 14. Mai hat sich die Krankenkasse endgültig bereit erklärt, für die technisch anspruchsvolle Lesehilfe zu zahlen, die 3000 Euro teuer ist. "Jeder Euro davon ist genau richtig angelegt", findet Dietmar Ortel, der Mitinhaber von Optic Ortel Hören & Sehen, der sich über den glücklichen Ausgang der Geschichte ungemein freut.

"Der Junge hat es schon schwer genug. Da ist es doch ein Gebot der Menschlichkeit, ihm den Alltag ein wenig zu erleichtern", sagt der Unternehmer, der bei der Betreuung von Aidan eng mit dem Zentrum für Augenheilkunde der Charité in Berlin zusammenarbeitet. Zudem ist Dietmar Ortel Vertragspartner des Unternehmens, das den eMAG 150 HD produziert hat. Und er kooperiert mit der DAK, so dass am Ende alle Fäden bei ihm zusammengelaufen sind.

Der kleine Patient leidet an einem genetischen Defekt, der Stickler-Syndrom heißt. Die chronische Erkrankung schwächt seine Sehkraft und sein Hörvermögen. Es ist keineswegs übertriebener Mutterliebe geschuldet, dass ihn Franziska Rieck mit Samthandschuhen anfasst. Aidan darf nicht rennen und nicht springen, weil dies seinen Blutdruck zu stark in die Höhe schießen lassen könnte. "Dann würde die Gefahr bestehen, dass sich noch mehr Netzhaut ablöst", berichtet die Mama. 2014 war es das erste Mal dazu gekommen, dass der Junge von einem Tag auf den anderen viel schlechter sah. Und 2019 hat es im Februar einen weiteren massiven Rückschlag gegeben. Damals war seine Sehschärfe im Nahbereich von 25 auf vier Prozent gesunken.

30 Operationen hat der junge Finowfurter bislang überstehen müssen. Vor allem an den Narkosen liegt es, dass Aidan mittlerweile überdies an einer Angststörung leidet. Deshalb übernachtet er, wenn nach der coronabedingten Zwangspause am Mittwoch kommender Woche wieder der reguläre Schulunterricht beginnt, auch nicht im Internat, sondern wird vom Fahrdienst täglich gebracht und abgeholt. "Das mag alles traurig klingen, aber wir genießen dennoch unseren Alltag. Jetzt erst recht, wo wir endlich das Lesegerät erhalten haben", verrät Franziska Rieck.

Keine Bange vor Hausaufgaben

Der kleine Patient ist immer noch ein Kind. Eines, das am liebsten mit Playmobil spielt und von Hörbüchern mit Abenteuergeschichten nicht genug bekommen kann. Eines, das auf seinem Fahrrad mit drei Rädern die ihm bestens bekannten Wege auf dem zur Mietwohnung gehörenden großen Grundstück entlangflitzt. Und eines, dass sich sehnlichst Haustiere wünscht. "Vielleicht schenke ich ihm zu seinem zehnten Geburtstag im September ein Aquarium mit vielen bunten Fischen darin", überlegt die Mama.

Derweil freut sich der Junge schon darauf, am Mittwoch kommender Woche seine Mitschüler wiederzusehen. Der Zweitklässler mag am liebsten Sachkunde, weil der Unterricht in diesem Fach manchmal in die Natur verlegt wird. Und sollte es Hausaufgaben hageln, ist ihm davor nicht mehr bange. "Daheim habe ich ja jetzt ein genauso tolles Lesegerät wie in der Schule", sagt Aidan.

Seine Dankbarkeit darüber ist so groß, dass er die vielen Beigaben kaum beachtet. Dabei ist der Kleine, was Schokolade betrifft, sonst kein Kostverächter.

Lob und Dank aus dem Paul-Wunderlich-Haus

Bei der Übergabe des Lesegerätes an den neun Jahre alten Aidan Rieck wäre auch Yvonne Dankert, die Dezernentin für Jugend, Soziales und Gesundheit der Barnimer Kreisverwaltung, gern dabei gewesen, sagt sie. Da dies wegen anderer wichtiger Termine aber nicht möglich war, bekundet sie ihre "freudige Anteilnahme" per E-Mail. Es sei nur zu begrüßen, dass der Junge, der seit Langem vom Barnimer Gesundheitsamt betreut werde, nunmehr durch die Unterstützung der Krankenkasse, durch die Hilfe des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes und durch den Einsatz des Unternehmens Optic Ortel das ersehnte Hilfsmittel erhalten konnte, so die Dezernentin. ⇥sk

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