Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Wirtschaft
Eberswalder Startup entwickelt Humus aus menschlichem Kot

Marco Marschall / 28.06.2020, 17:07 Uhr - Aktualisiert 29.06.2020, 07:26
Eberswalde ([]) Finizio heißt die Firma, die Öko-Toiletten in Eberswalde betreibt. Mit dem, was dort drin landet, gibt es große Pläne.

Florian Augustin hält die Schippe mit dem Humus hoch. Keine 30 Zentimeter trennen die Nase des Zeitungsreporters von der Ladung auf der Schaufel. Obwohl diese zum Teil aus menschlichem Kot besteht, stinkt es nicht. Das gilt auch für die weiteren Berge der schwarzen erdigen Masse, die auf einer von der Barnimer Dienstleitungsgesellschaft zur Verfügung gestellten Fläche in Eberswalde Ostende lagern. Trotz heißer Temperaturen, riecht es dort nach gar nichts. Das liegt am abgeschlossenen Kompostierungsprozess und an der Zusammensetzung: 30 Prozent Menschenkot, 30 Prozent Strohmehl, 30 Prozent Grünschnitt. Der Rest sind Zellstoffreste des Toilettenpapiers sowie beigefügtes Tonmehl und Pflanzenkohle.

Extrem nährstoffreich

Doch warum nutzt der junge Unternehmer überhaupt die Exkremente der eigenen Spezies? "Menschlicher Kot ist extrem nährstoffreich", sagt der ehemalige Student an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung, der sich schon immer für geschlossene Kreisläufe interessiert hat. Um den Kreislauf zu starten, sammelt sein Startup das, was beim Menschen hinten rauskommt, selbst ein. Der Rohstoff, um den es Augustin und seiner jungen Firma Finizio geht, stammt aus den eigenen Öko-Toiletten, wie sie mittlerweile an drei Stellen der Stadt Eberswalde aufgestellt wurden. Unter anderem im Park am Weidendamm kann wer möchte, nun die Basis für wertvollen Humus beisteuern.

Dabei handelt es sich im Grunde um ein Plumpsklo – ein Begriff den Florian Augustin nicht sonderlich mag, weil er befürchtet, dass das Assoziationen von stinkenden Gartentoiletten weckt. Trocken- oder Trenntoilelette gefällt ihm besser. Es ist ein Klo ohne Wasserspülung. Das Geschäft fällt hinab und wird vom jeweiligen Nutzer anschließend mit Strohmehl bedeckt. Das macht den Toilettengang für den Nachfolger optisch und geruchstechnisch angenehmer.

Von der Festival-Toilette zum Humus

Noch ist der gewonnene Kot nicht das, womit Finizio das Geschäft macht. Es sind die Toiletten, die die Firma baut und auf Musikfestivals und anderen Freiluftveranstaltungen vermietet. 60 Toilettenhäuschen kann das Unternehmen stellen. "Wir waren gerade dabei weitere 70 zu produzieren", sagt der Geschäftsführer. Den Karneval der Kulturen in Berlin oder das Immergut bei Neustrelitz hatte Finizio bereits mit Klos ausgestattet, 15 Großveranstaltungen im vergangenen Sommer. Das bricht aufgrund von Corona in diesem Jahr weg. Die Festivalsaison findet nicht statt. "Scheiße für uns", sagt Augustin, der häufiger Wortwitze im Zusammenhang mit seinem 2019 gegründeten Unternehmen ertragen muss, das mittlerweile sechs Vollbeschäftigte zählt.

Ebenfalls ungünstig ist die Tatsache, dass Humus oder Dünger aus menschlichem Kot rechtlich noch nicht zugelassen ist. Grund sind ein gesellschaftliches Tabu, meint Augustin, und hygienische Befürchtungen. Mehrere Labortests aber hätten bereits nachgewiesen, dass das Produkt von Finizio hygienisch unbedenklich ist. Dafür durchlaufen die Exkremente einen Prozess, Flüssigstoffe werden abgesaugt und die verwendete feste Masse pasteurisiert.

Dünger für den Mars

Das Unternehmen ist nun dabei, die Eignung seines Humus in Feldversuchen zusammen mit dem Leibnizinstitut für Gemüse- und Zierpflanzenbau in Großbeeren zu untermauern. Florian Augustin ist sich sehr sicher, dass der Humus aus Menschenkot kommen wird. Mit Urin als Düngemittel dürfte es sogar noch etwas schneller gehen. Die Forschung der geschlossenen Nährstoffkreisläufe schreitet voran und Fininzio ist nicht allein. Das deutsche Luft- und Raumfahrtzentrum tüftele gerade an einem Recyclingdünger für die Marsbesiedlung, berichtet Augustin.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
© 2020 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG