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Motorsport
In Zukunft fährt man Rennen virtuell - auch in Eberswalde

Markus Pettelkau / 14.07.2020, 18:30 Uhr - Aktualisiert 15.07.2020, 13:39
Eberswalde (MOZ) Es gibt Traditionen, die bemerkt man nicht auf den ersten Blick. Dass Eberswalde eine lange Rennsporttradition hat, wissen wahrscheinlich nur wenige. Aber bereits seit 1968 gibt es vor Ort organisierten Motorsport.

Eberswalder Rennsportfans bastelten und konstruierten selbst Karts, mit denen sie an verschiedenen Wettbewerben erfolgreich teilnahmen. 1972 wurde der Eberswalder Rainer Freimuth DDR-Meister. Von 1975 bis 1978 fuhr Freimuth zusammen mit Dietmar Scheffler und Günter Graff für die Nationalmannschaft um den "Pokal der sozialistischen Länder". Auch nach der Wende konnte die MSG Erfolge im Kartsport verbuchen. So wurde Stefan Haak im Jahr 1996 Ostdeutscher Meister, deutscher Meister und Europameister.

Das konnte allerdings nicht darüber hinweg täuschen, dass die Lage schwieriger geworden war. Wo zu DDR-Zeiten noch das Verkehrs- und Tiefbaukombinat Frankfurt (Oder) materielle und finanzielle Unterstützung gab, war der Verein nun auf sich allein gestellt. In einem materialabhängigen Sport wie diesem, braucht es allerdings externe Unterstützung. Diese gibt es mittlerweile durch den ADAC, wo die Motorsportgemeinschaft Eberswalde seit dem Jahr 2000 Mitglied ist, sagt der Vereinsvorsitzende Bernd Barig. "Der ADAC unterstützt uns nicht nur finanziell, sondern auch bei Events. Vor allem, wenn es um Material geht. Das bekommen wir dann oft kostengünstig. Das erleichtert uns natürlich die Durchführung. Veranstaltungen auf die Beine zu stellen ist meistens kostenintensiv, da sind wir für jede Unterstützung dankbar."

Seit gut 20 Jahren kooperiert der Verein auch mit der Kartbahn Templiner Ring. Die Bahn ist die offizielle Hausstrecke des Vereins. "Ich hoffe, dass das auch in Zukunft so bleiben kann. Derzeit bahnt sich ein Eigentümerwechsel an. Wir müssen schauen, wie es dann weitergeht." Die MSG Eberswalde lädt in Templin z.B. jährlich zur Ostdeutschen Kart-Meisterschaft, zum Norddeutschen und zum Ostdeutschen ADAC Kart Cup, sowie zur Berlin-Brandenburgischen Meisterschaft auf den Ring.

Die Zugpferde fehlen

Der Verein ist aber auch in anderen Kategorien breit aufgestellt:  Motocross, Rallye, Rundstrecke oder unterstützende Vereinsarbeit – wo Interesse da ist, wird auch unterstützt. Zurzeit sind 127 Hobbysportler in der MSG Eberswalde organisiert. "Das sind aber nicht nur aktive Fahrer, sondern auch Helfer und Unterstützer", sagt Bernd Barig. "Das ist eine stolze Zahl und eine gute Größe. Uns geht es ja auch nicht darum, so viele Leute wie möglich zu sammeln. Dann wird es irgendwann zu anonym. Wir wollen gemeinsam Veranstaltungen auf die Beine stellen und Leute hier haben, die sich auch engagieren und enthusiastisch dabei sind."

Enthusiasmus ist etwas, dass der Motorsport-Nation Deutschland in den letzten Jahren abhandengekommen ist. War es vor 20 Jahren noch der Schumi-Boom, der Massen in Bewegung setzte und Millionen für den Rennsport begeisterte, sieht es in näherer Zukunft düster aus. Mit dem Wegfall der Formel 1 aus dem Free-TV im kommenden Jahr befürchten viele Experten, dass zukünftig noch weniger Interesse für den Sport da sein wird. "Das macht natürlich etwas Sorge!", sagt Bernd Barig. "Unser Ziel hier ist es ja auch, den Kinder- und Jugendsport zu fördern. Wenn das größte und massentauglichste Zugpferd nicht mehr frei zugänglich ist, wird auch das Interesse sinken, das ist klar."

Die Jugend fährt virtuell

Allerdings gibt es Hoffnung am Horizont: Sim-Racing. "Sim" ist die Kurzform von Simulation und bezeichnet eine eigene Esport-Kategorie. Wie der Name bereits vermuten lässt, dreht sich in diesem Genre alles darum, den realen Rennsport möglichst akkurat widerzuspiegeln – und das inklusive möglicher Variablen wie Benzinverbrauch, Reifenabnutzung und Fahrzeug-Setup. Während der Corona-Pause erlebte das virtuelle Rennspektakel einen fulminanten Zuschauerzuwachs. Auch die MSG besitzt mittlerweile einen Simulator. "Am Anfang war ich skeptisch, ich bin halt ein Racer alter Schule", lacht Bernd Barig. "Aber mittlerweile finde ich das richtig gut. Das ist schon ziemlich realitätsnah. Nicht nur das Fahren, auch das Setup. Das muss man sich erst selbst erarbeiten und ich kenne viele Fahrer, die bereiten sich so optimal auf einen Kurs vor."

Der Deutsche Motor Sport Bund (DMSB) hat bereits vor zwei Jahren Sim-Racing als offizielle Motorsport-Disziplin anerkannt. "In keiner anderen Sportart liegen Realität und digitale Simulation so nah beieinander wie im Motorsport”, erklärte Gerd Ennser, Präsidiumsmitglied des DMSB und Sim-Racing-Verantwortlicher.

"Die Darstellung der Rennstrecken und die Einstellungsmöglichkeiten der Fahrzeuge sind so realistisch, dass viele Motorsportler es längst als Trainingsmöglichkeit und zur Vorbereitung auf unbekannte Rennstrecken nutzen. Wer mit anderen nicht nur ein bisschen ‚zocken’ möchte, sondern sich ernsthaft auf Sim-Racing-Wettbewerbe einlässt, wird schnell merken, dass klare Regeln, neutrale Sportwarte und technische Standards sinnvoll und notwendig sind.”

Eigene Sim-Abteilung im Aufbau

Damit könnte man auch die Gamer-Generation für den Sport begeistern, glaubt Barig. "Motorsport ist ein komplizierter Sport. Es ist nicht so, dass man sich nur ein paar Schuhe und einen Ball kaufen muss und dann loslegen kann." Im Gegensatz zu Fahrten im echten Rennfahrzeug biete ein Simulator die Gelegenheit, ohne Risiko und ohne allzu hohe Kosten Erfahrungen zu sammeln, glaubt Barig.

Derzeit baut der Verein eine eigene Abteilung für SIM-Racing auf und beteiligt sich auch an verschiedenen Events, wie z.B. dem ADAC Digital Cup. "Wenn wir demnächst Veranstaltungen haben, werden wir unseren Simulator auch mit an die Strecke nehmen. Ich glaube, so kann man Kids für diesen Sport gewinnen." Ob es den Rennsport hierzulande retten kann, das will Barig nicht prophezeien. "Aber ein interessanter Versuch ist es allemal."

Sim-Racing als Beruf

Sim-Racing bedeutet nichts weiter als Rennsimulation. Es ist ein Computerspiel des Typs Rennspiel, bei dem die Spieler ein, möglichst realitäts-nahes simuliertes Fortbewegungsmittel steuern muss. Neben dem Fahren wird auch immer mehr Fokus auf Liveübertragung, welche auf YouTube, Twitch oder anderen Kanälen zu finden sind, gelegt. Hier wird sich vermehrt an einen Mix aus ESport- und Motorsportübertragung orientiert. Dabei erreichen die Kanäle weltweit mehrere Einhunderttausend Zuschauer. Sponsoren investieren in junge Talente, denen sich oft schon als Teenager die Möglichkeit bietet, vom heimischen Lenkrad aus Geld zu verdienen. Professionelle Teams zahlen ein monatliches Gehalt. Dafür geht der Fahrer Verpflichtungen ein. Nach wie vor werden die meisten Rennen vom heimischen PC gefahren, man muss also ein Trainingspensum erfüllen. ⇥ Markus Pettelkau

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