Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de
Logo Brandenburger Wochenblatt
Unser Gewinnspiel zu Weihnachten - Heute 100€ gewinnen

"Neh'm Se Platz, Herr Jeheimrat!..."

C.U. Wiesner
C.U. Wiesner © Foto: MZV
Thomas Messerschmidt / 12.11.2016, 07:27 Uhr
Brandenburg (MZV) (tms) Der Schriftsteller und Autor Claus Ulrich Wiesner (C. U. Wiesner) starb am 24. Oktober 2016 im Alter von 83 Jahren in seinem Haus in Klosterfelde/Landkreis Barnim. Wiesner, der nach dem Tod seiner Frau Claudia (Hirntumor, 2014) sehr zurückgezogen lebte, war ein Sohn der Stadt Brandenburg an der Havel und seiner Heimat stets verbunden. Wie auch der Fouqué-Bibliothek und dem Brandenburger Wochenblatt: Zwei Jahre war er Juryvorsitzender unseres "Undine-Märchenwettbewerbs" und schrieb 2013 exklusiv für BRAWO eine siebenteilige Serie, in der er all seine Brandenburger Lebensstationen beschrieb. In seiner ganz typischen Art und Weise. Informativ, bodenständig, unterhaltsam. Mit den nachstehenden Auszügen erinnern wir, genauer er selbst, an C.U. Wiesner. Möge er in Frieden ruhen und uns allen in guter Erinnerung bleiben.

C.U. Wiesner: Geboren bin ich in einer Eckkneipe, genau am 1. Januar 1933. Im selben Haus wohnte auch Adolf Sutor, der damalige Besitzer des noch heute auf der Havel verkehrenden Dampfers "Nordstern".

Die Stammkunden nannten das Lokal den "Blauen Affen", obwohl es amtlich "Plauer Eck" hieß. Die Plauer Straße 18. Es verkehrten dort Arbeiter und Straßenbahner, Kommunisten und Sozialdemokraten. Familienväter versoffen dort ihren Wochenlohn und Arbeitslose ihr Stempelgeld. Selbst der Zuhälter und Messerstecher Schmolte Brebeck trank dort ab und zu seine Molle, soll jedoch niemals randaliert haben. Wenn man ihm einen Schnaps ausgab, band er sein Halstuch ab und zeigte die tätowierte Inschrift auf seinem Nacken: "Henker, hau zu!"

Der "Blaue Affe" muss eine mächtig verräucherte Stampe gewesen sein, hatte aber außer den herkömmlichen schlichten Getränken auch einiges zu bieten, nämlich Bockwurst mit Kartoffelsalat, Soleier und Buletten und nicht zuletzt das Klavierspiel meines Vaters. Das war wohl das einzige, was ihm in dieser Kneipe ein bisschen Spaß machte. Schon als Neunzehnjährigen hatte ihn der Familienrat dazu verdammt, meiner Großmutter am Tresen als Zapfer zur Seite zu stehen.

Es waren schlechte Zeiten für den Pächter einer Arbeiterkneipe, zumal er von der Brandenburger Adlerbrauerei kräftig abgezockt wurde. Die verlangte als Pacht vierzig Prozent vom Bierumsatz, wobei mein Vater natürlich ausschließlich das nicht gerade hochwertige Adlerbräu beziehen durfte. Ich war noch keine drei Jahre alt, als meine Eltern 1935 die Kneipe aufgeben mussten...

So musste sich auch meine Großmutter ein neues Zuhause suchen. Sie fand es gleich um die Ecke am Altstädtischen Markt 3. Da meine Eltern selber wenig zu beißen hatten, waren sie froh, dass die alte Dame ihren Enkelsohn fürs nächste mit durchfuttern wollte.

Fortan wohnten wir beide in einem hochherrschaftlich anmutenden Gründerzeithaus mit kunstvoll gedrechseltem Treppengeländer und Flurfenstern mit bunten Glasmalereien im Jugendstil. Großmutter störte es zunächst wenig, dass sie nun zur Untermieterin mit Küchenbenutzung abgestiegen war.

Das riesige Zimmer lag im zweiten Stock, hatte Parkettfußboden und Stuckdecke, einen Erker und sogar einen Balkon. Wenn ich auf die Fußbank stieg, konnte ich zwischen den streng duftenden Petunien auf den Marktplatz schauen. Dort stand noch der prunkvolle Kurfürstenbrunnen, den erst nach dem Krieg ein bilderstürmender Oberbürgermeister zerstören ließ. Auch fuhr damals noch die Grüne Linie der Straßenbahn mitten über den Platz. Wenn ich am Einschlafen war, glitt der Widerschein ihrer Lichter über unsere Zimmerdecke...

Die Wiesners hatten 1935 eine Zweizimmerwohnung in der Kleinen Gartenstraße 30 gemietet. Von der guten Stube aus schauten wir auf die Bäckerei Rohrschneider, und wenn wir das Fenster öffneten, schwebten verführerische Kuchendüfte aus der Backstube zu uns herüber. Ich lebte mal bei meiner Großmutter, mal bei meinen Eltern, die mich 1936 mit einem Brüderchen namens Peter beglückten.

Von der Straße sah man dem einstöckigen, inwendig sehr verwinkelten Haus mit den Mansarden gar nicht an, dass dort zeitweise bis zu dreizehn Mietparteien hausten, von denen sich die meisten nur drei Außenklos teilen mussten.

Auf dem Hofe, in einem barackenartigen Quergebäude an der Friedhofsmauer, wohnte der Arbeiter Franz Jergielski mit seiner Frau und zwei Töchtern. Mit sechs Jahren verliebte ich mich in das gleichaltrige Evchen mit ihrer hellblauen Haarschleife. Wir rückten auf dem Hof zwei alte Stühle zurecht, breiteten eine Decke darüber und spielten immer wieder mit Hingabe "Vater, Mutter, Kind", wobei Evchens jüngere Schwester Gudrun das Kind war. Ich kam von der Arbeit, rief nach einer Flasche Bier, bekam mein Mittagessen: eine Schippe Sand im Blechnapf, und erzählte von der Arbeit - was ich so von den Erwachsenen aufgeschnappt hatte. Dann brachten wir die Kleine zu Bett und legten uns selber schlafen. Manchmal jagte uns die keifende Wirtin Hedwig Lackner vom Hof. Die sah übrigens haargenau so aus wie die Geisterbahnhexe aus meinem Film "Spuk unterm Riesenrad"...

Im Jahre 1938 entstanden westlich der Jakobsgrabenbrücke zwei neue Häuserblocks. Meine Großmutter bezog dort eine Einzimmerwohnung (Wredowstraße 9d), und die wurde mir neben der elterlichen Behausung lange zur zweiten Heimstatt. In der Wredowstraße fühlte ich mich von Anfang an pudelwohl. Die Mutter meines Vaters war für mich eine Großmutter wie aus dem Bilderbuch. Außer den Schularbeiten gab es für mich kaum Pflichten, dafür die Freiheit, immer neue Entdeckungen zu machen. Der schmale Hof grenzte unmittelbar an den Jakobsgraben. Vom anderen Ufer her duftete es Tag und Nacht wie Weihnachten und Ostern zusammen. Dort stand die Süßwarenfabrik von Gustav König. Jedes Kind kannte ihren Werbespruch:

Kennst du erst,

Kaufst du stets

Künftig ohn' zu suchen

Königs Waffeln,

Königs Keks,

Königs Honigkuchen.

Werbung war damals noch von herzergreifender Schlichtheit. Bei Kaufmann Deppe an der Ecke stand im Laden ein Pappaufsteller mit einem süßen Fratz in Lebensgröße, welcher mittels Sprechblase der Kundschaft zurief:

Alle großen und kleinen Leute

essen Schlüterbrot ab heute.

Noch schöner aber war die Werbung des Puddingherstellers Alfred Panknin (APA):

Das Kind gedeiht, die Mutter lacht.

APAs Pudding hat's gemacht.

Die Straßenjungen hatten den Vers ein wenig verändert und dem APA ein P vorangestellt...

Ende 1941 zogen meine Eltern von der Kleinen in die Große Gartenstraße (22). Das war für sie fast so etwas wie ein sozialer Aufstieg: Drei große, helle Zimmer im ersten Stock, Küche und ein Bad mit Wanne, Kohlenofen und Klo. Dazu gab es für jeden Mieter einen Holzstall im Hof, einen muffigen Keller und eine luftige Bodenkammer. Die war mir immer unheimlich. Man munkelte, dort habe sich vor Jahren ein Frisör aufgehängt. Mein Bruder und ich bekamen eine eigene Stube mit Blick auf die Straßenbahnen der Roten, Blauen und Gelben Linie, die vom nahen Bahnhof zum Altstädtischen Bahnhof, zum Görden oder nach Plaue fuhren...

Die Klingenbergsiedlung, uffen Klingberch, wie man in Brandenburg sagte, war nicht gerade die städtische Vorzeige-Gegend. Ihren Namen trägt sie nach keinem Aussichtshügel mit Panoramablick, sondern nach dem bedeutendsten Kraftwerk-Erbauer der 20er Jahre Walter Klingenberg, der dort ein Umspannwerk errichtet hat.´Warum meine Eltern 1951 aus der Großen Gartenstraße hierher gezogen sind, in eine nicht sehr komfortable Reihenhauswohnung (Klingenbergstraße 14), weiß ich bis heute nicht genau. Ich war nach dem Abitur zum Studium nach Berlin gegangen, fuhr aber in den ersten Jahren noch fast jedes Wochenende ins heimische Brandenburg, wo ich bei Muttern und Vatern immer ein Bett, Speis und Trank und ein gutes Wort vorfand, und das reichte sogar noch für die jeweilige Freundin mit aus...

Die Stadt, in der ich lebte, in der ich allmählich stubenrein wurde, Windpocken, Scharlach und Diphterie überwand, gute und mäßige Schulzeugnisse heimbrachte, mit der ersten großen Liebe auf der sommerwarmen Insel Buhnenwerder herumturtelte, diese Stadt Brandenburg habe ich im September1951 hinter mir gelassen, um hinaus in die große, weite Welt zu ziehen. Die bestand für mich fortan aus dem Demokratischen Sektor von Groß Berlin.

Wasserbauwerkerlehrling an der Havel sollte ich, wollte ich aber nicht werden. Schauspielstudent in Weimar wollte ich, sollte ich aber nicht werden. Also folgteich dem Ruf der nächsten Jugendliebe und absolvierte in Berlin ein Institut, das ich nach Jahresfrist mit dem Titel Amtl. gepr. Dolmetscher der englischen Sprache verließ.

Nachdem ich in mehreren Verlagen anderer Leute unvollkommene literarische Werke ausgebessert hatte, befiel mich der hochmütige Gedanke, dass ich solche gleich lieber selber schreiben könne. Meine ersten, noch tapsigen Schritte hatte ich schon als Schüler auf den Lokalseiten der Märkischen Volksstimme getan.

Ich studierte noch ein bisschen Germanistik, trieb mich als Drehbuchstudent an der Filmhochschule Babelsberg herum und verabschiedete mich vor fünfzig Jahren mit einer Träne im Knopfloch von meinem letzten, dafür aber liebsten Arbeitgeber aller Zeiten, dem Eulenspiegel. Seitdem bin ich freischaffender Autor, habe etliche Bücher, Kabarett-Texte, Theaterstücke, Filme und Fernsehserien geschrieben. Womöglich kennt der eine oder andere ja "Spuk unterm Riesenrad", "Mach's gut, Schneewittchen", "Leb' wohl, Rapunzel" oder die Geschichten um "Frisör Kleinekorte", die sich allein 500.000 Mal verkauften.

Ein richtiger Großstädter bin ich wohl nie geworden. In den ersten Jahren fuhr ich fast jedes Wochenende nach Brandenburg, wo bei Fischer Albrecht in der Altstadt mein Faltboot auf mich wartete. Vor einem Vierteljahrhundert aber ergriff ich zusammen mit meiner allergrößten Liebe die Gelegenheit beim Schopfe, für immer zurück in die märkischen Wälder zu kehren: Genau am 9. November 1989 brachte ein Möbelwagen all unseren Krimskrams von Berlin-Pankow nach Wandlitz-Klosterfelde.

Von hier aus beträgt die Entfernung zur alten Heimat keine Lichtjahre. Erst vor kurzem haben wir im Seeblick bei der Plauer Schleuse als ehemalige Goethe-Schüler unser Klassentreffen gefeiert, haben auf dem MS Pegasus die Seenlandschaft überquert und uffe Mallje ne jroße Molle jetrunken. Wenn ick nu sentimental wäre, denn würd ick jetz mit den Schlachtruf Hie guet Brandenburg allewege! schließen, aber det tu ick mir verkneifen, weil ick den schon als Kind bescheuert fand.

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2017 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG