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Fouqué
Trotz unrühmlichen Endes nie vergessen

Dieses Gemälde von Friedrich de Motte Fouqué malte Caroline Burdua 1827.
Dieses Gemälde von Friedrich de Motte Fouqué malte Caroline Burdua 1827. © Foto: privat
Bernhardt Rengert / 28.01.2018, 10:04 Uhr
Havelland (BRAWO) "Mein Gott, wie war er herunter! Der edle, ritterliche, feine, liebenswürdige Dichter, der uns so theure, so zuverlässige Freund, zuletzt ein alter versoffener Lump, ein Narr, und ein Schuft dazu! Nicht sein Tod thut mir leid. Sein Leben freute keinen Menschen mehr, auch ihn selbst nicht, er lebte eigentlich in beständiger Verzweiflung, und die nahm ihm jede Scham und jede Zurückhaltung."

Was Karl August Varnhagen von Ense da am 24. Januar 1843 - nur einen Tag nach dem Tod von Friedrich de la Motte Fouqué über dessen letzten Lebensjahre im Tagebuch festhielt, klingt wenig schmeichelhaft. Ja, nicht nur Varnhagen, fast alle der einstigen Freunde und Wegbegleiter Fouqués hatten sich zu dieser Zeit schon längst von ihm abgewandt und einen zutiefst Verbitterten, Gebrochenen und so fast schon zu Lebzeiten Vergessenen, zurück gelassen. Der Lebensleistung des Undine-Schöpfers wird die Reduktion auf die letzten Lebensjahre aber gewiss nicht gerecht.

Ein großes Manko jedweder Forschung zu und über den 1777 auf der Brandenburger Dominsel geborenen Romantiker Friedrich de la Motte Fouqué ist die Tatsache, dass Briefe oder gar Tagebuchnotizen von ihm als authentische zeitgenössische Lebensäußerungen bis heute nur sehr vereinzelt vorliegen. Varnhagen ist da eine löbliche Ausnahme.

Dessen akribischer Sammeltätigkeit geschuldet, konnte 2015 in Heidelberg der weitgehend vollständige Briefwechsel zwischen ihm und Fouqué in einem opulenten Band herausgegeben werden. Systematisch hatte sich Varnhagen seine Briefe an den Dichter von Fouqués Erben zurückgeben lassen und mit Fouqués Briefen an ihn vereint. Warum es zu Lebzeiten Varnhagens - er starb 1859 - dann zu keiner Veröffentlichung des Briefwechsels mehr kam, darüber lässt sich nur spekulieren. Bereitgelegen hatte er jedenfalls und trat als Teil der Nachlass-Sammlung Varnhagens nun aber erst einmal eine jahrelange Reise durch halb Europa an.

Quer durch Preußen gelangte er über Italien 1880 wieder zurück nach Berlin an die dortige Staatsbibliothek, wo er allerdings erst 1911 katalogisiert wurde. Offenbar hat ihn aber nicht einmal der Schriftsteller und Fouqué-Biograph Arno Schmidt dort zu seinen Recherchen einsehen können. Er konnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nur bedauernd feststellen, dass die 76 Briefe Fouqués wohl als verloren betrachtet werden müssten. Tatsächlich war der Bestand im Krieg ausgelagert worden und blieb verschollen, bis er zu Beginn der 1980er Jahre im polnischen Krakau wieder auftauchte, wo die Originalbriefe in der Jagiellonischen Bibliothek bis heute verwaltet werden.

Ihrer dortigen Zugänglichkeit für Forschungszwecke ist es letztlich zu danken, dass die Briefe in Gänze auf schließlich 240 Druckseiten doch noch veröffentlicht werden konnten. Den beiden Herausgebern, Erich H. Fuchs und Antonie Magen, ist zudem eine vorangestellte, sehr lesenswerte historisch-biographische Einordnung und ein gut 240-seitiger wissenschaftlicher Anhang zu verdanken, der den Briefwechsel weitergehend erschließt.

Aus der Lektüre lässt sich die Wandlung des Verhältnisses der beiden Briefeschreiber zueinander sehr gut nachvollziehen. Beide glühende Verehrer der Brüder Friedrich und August Wilhelm Schlegel, hatte Varnhagen den Briefwechsel mit dem gleich ihm zu dieser Zeit noch aufstrebenden Literaten Fouqué am 23. Juni 1806 mit einem geradezu vor Begeisterung strotzenden Brief eröffnet. Der sich daraus entwickelnde rege, vor allem literarische Austausch der beiden ist gekennzeichnet durch gegenseitige Versicherungen und Beförderungen eigenen Schreibens. In dem Maße, in dem sich Varnhagen von seinen anfänglichen Plänen, so wie Fouqué, Dichter zu werden, verabschiedete, lässt die Intensität des Schreibens nach. Schon bald drehte es sich im Briefwechsel der beiden, die sich zudem wiederholt auf Schloss Nennhausen und alljährlich in Berlin auch persönlich trafen, nur noch um die Schilderung von Kriegsereignissen und eigenem Erleben.

Kurz nach einem ersten, gänzlichen Abbruch jeden Kontakts (1814) streicht Fouqué Varnhagen auch gegenüber Dritten - zumindest vorläufig, wie er da wohl noch hoffend betont - ganz offiziell aus der Liste seiner Freunde. Fouqués zeitlebens bewahrte, eher rückwärtsgewandte konservative Einstellung ließ sich mit dem liberalen Denken und rastlosen Wesen Varnhagens nicht mehr vereinbaren. Eine zweite, sehr viel zögerlichere und distanziertere Phase gegenseitiger Annäherung beginnt dann 1823 mit der Bitte Varnhagens um die Hilfe Fouqués bei seiner ersten historischen Biografie. Auch sandte Fouqué auf Varnhagens Bitte hin nach dem Tod von dessen Frau Rahel (1833), die von ihr an die Fouqués in Nennhausen gerichteten Briefe zurück. Aber auch diese zweite Phase direkten Austauschs der Beiden endete bald nach Fouqués 1834 erfolgten Umzug von Nennhausen nach Halle. Damit entfielen zudem die persönlichen Begegnungen in Berlin, und der das Ende markierende letzte Brief Fouqués aus Halle vom 10. April 1834 blieb wohl schon ohne Antwort. Selbst als Fouqué dann 1841 wieder zurück nach Berlin zog, wurde der Kontakt zueinander bis zu Fouqués Tod vor 175 Jahren, am 23. Januar 1843, nicht wieder aufgenommen.

Im Gegensatz dazu hatten die Varnhagens den Briefkontakt zu Fouqués Tochter Marie, die ihrerseits längst mit dem Vater gebrochen hatte, nie abreißen lassen. An das schon zu deren Lebzeiten ausgesprochene Verbot Maries, die von ihrer Mutter Caroline an Varnhagens Frau Rahel gerichteten Briefe zu veröffentlichen, hat sich Varnhagen stets gehalten. Marie nutzte ihrerseits diesen Kontakt, um von Varnhagen bis zu dessen Tod befördert, eine kleine Karriere als Übersetzerin zu beginnen.

Zu bedauern ist bei der alles in allem ehrenwerten Briefpublikation, dass auch sie auf dem Schutzumschlag und wiederholt auf Seite 261 mit einem Bildnis versehen wurde, das jüngsten Forschungen zu Folge möglicherweise einen von Fouqués Waffengefährten aus Befreiungskriegstagen, Graf Gröben, darstellt, aber niemals den Romantiker aus dem Havelland. Auf einem anderen Blatt steht, dass selbst die schon stattlichen Anmerkungen des Briefbands zur besseren Handhabung eigentlich noch mancher Ergänzung bedürfen. Dafür sei an dieser Stelle aber auf die umfangreichen Ergänzungen und Korrekturen verwiesen, die Dietmar Pravida schon 2016 in seinem "Korrespondieren und Publizieren" betitelten Aufsatz im Band 26/27 der Bettina-von-Arnim-Gesellschaft veröffentlicht hat. Sie würden den Briefband auf gute 550 Seiten anwachsen lassen.

Wer es dennoch genau wissen will, findet beides unkompliziert im Bestand des Fouqué-Archives der Fouqué-Bibliothek am Altstädtischen Markt in Brandenburg an der Havel. Erich H. Fuchs und Antonie Magen bleibt in jedem Fall der unbestrittene Verdienst der Erstveröffentlichung, mit der jetzt die Möglichkeit gegeben ist, sich in die Gedankenwelt zweier Männer vertiefen zu können, ohne dafür zuvor eine Reise ins ferne polnische Krakau antreten zu müssen.

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