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Geschichte
Vor 111 Jahren erbauter Dampfschlepper fährt noch heute

Alexandra Gebhardt / 12.03.2018, 10:35 Uhr - Aktualisiert 14.03.2018, 11:56
Brandenburg (BRAWO) Gerade einmal ein halbes Jahr ist es her, dass den Verein Historischer Hafen e.V. die Sensationsnachricht erreichte, dass das Wrack der Saaleck - eines der rund 365 Schiffe, die von 1907 bis zur Enteignung 1947 in der Gebrüder Wiemann Werft vom Stapel liefen - in der Ostsee von russischen Tauchern geborgen wurde (BRAWO berichtete). Nun scheint es, als sei ein weiteres Rätsel um das Schicksal eines Dampfschleppers gelöst - und das aufgrund eines einfachen Saunabesuchs.

Denn genau dort traf Peter Gröwe, langjähriges Vereinsmitglied beim Historischen Hafen, zufällig auf seinen alten Bekannten Jürgen Gladow. Dieser gibt während des Gesprächs an, sein Opa - Gustav Gladow - hätte damals ein Schiff bei den Gebrüdern Wiemann in Auftrag gegeben. Eine Spur, welcher der passionierte Schiffer kurzerhand nachging. "Tatsächlich ist in unserer Schiffsliste im Jahr 1907 ein Schiff, das von Gustav Rudolf Adolf Gladow, Wohnsitz in Plaue, bei der Firma Gebrüder Wiemann in Brandenburg an der Havel in Auftrag gegeben wurde, vermerkt. Es wurde auf den Namen "Westhavelland' getauft und erhielt die Baunummer 67", erklärt der 76-Jährige. Jürgen Gladow weiß zudem, dass das Schiff später auf die Namen der Tochter und Ehefrau seines Opas, Bertha und Anna, umgetauft wurde und bis zur Requirierung durch die Zentrale Einkaufsgesellschaft (ZEG) 1916 die Strecke Böhmen-Hamburg befuhr. An Bord zumeist Obst.

Sodann erlebte die "Bertha Anna' wechselvolle Zeiten: Zunächst über den Ludwig-Donau-Main-Kanal nach Regensburg verschifft, diente der nun in "Leine' umbenannte Dampfer primär der Versorgung des Deutschen Kaiserreiches in Rumänien und war im Dienst der K.u.K. Kriegsmarine auf der Donau und im Schwarzen Meer anzutreffen, ehe er im Oktober 1918 als Kriegsbeute an Frankreich fiel. Zwei Jahre später erfolgte dann die Übergabe des Schiffes an die Societe Francais de Navigatia Danubienne, womit der Schlepper unter französischer Flagge auf der Donau zum Einsatz kam. Zu diesen Zeitpunkt erhielt die "Pascal' auch ihren heutigen Namen.

Im Zweiten Weltkrieg von der Wehrmacht zurückerobert, erfolgte 1943 schließlich die Übergabe des Dampfschleppers an Deutsche Reich, ehe es wiederum nur zwei Jahre später erneut an Frankreich übergeben und 1967 an Rumänien verkauft wurde. Hier war die "Pascal' bis 1992 auf der Donau im Einsatz und wurde sodann stillgelegt.

Kurz danach befand sie sich durch Verkauf im Besitz des Österreichers Franz Scheriau, der das Schiff 2001 an die "Freunde historischer Schiffe" in Korneuburg, eine Bezirksstadt nahe Wiens, verkaufte. Auf deren Internetseite ist über die "Pascal' zu lesen. "Es handelt sich um das einzige Dampfschiff, das im Raum Wien stationiert ist. Es ist 19,8 m lang, 4,35 m breit und wird zugelassen für zwölf Gäste zuzüglich Besatzung.Das Schiff wurde im Jahr 1907 in der Werft Gebrüder Wiemann in Brandenburg als Dampf-schlepper gebaut. Es wird von einer vorbildlich restaurierten original Dampfmaschine mit einer Leistung von 176 PS angetrieben, die Verdrängung beträgt 78,28."

Auch heute ist das vor 111 Jahren in Brandenburg vom Stapel gelaufene Schiff also eine Rarität - zumindest in Österreich. Umso stolzer ist man im Historischen Hafen e.V., nun ein weiteres Puzzleteil zu den vielen noch unbekannten hinzufügen zu können. "Leichter macht so eine wechselvolle Geschichte mit vielen Namensänderungen das Auffinden eines Schiffes natürlich nicht. Weshalb es umso schöner ist, das wir nun um den Verbleib der "Pascal' bzw. "Westhavelland' wissen."

Um auch weiterhin solch spektakuläre Funde vermelden zu können, freut sich der Verein stets über neue Gesichter. Ein ungezwungenes Kennenlernen ist beispielsweise am 1. Mai beim großen Wiemann-Fest möglich.

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