Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de
Logo Brandenburger Wochenblatt

Historisches
Examen im Schatten des Domes

Beim Fahnenappell im Karreehof des Domes.
Beim Fahnenappell im Karreehof des Domes. © Foto: MZV
Manfred Lutzens / 15.04.2018, 10:00 Uhr
Brandenburg (BRAWO) Frühjahr 1958: Schon wochenlang hatten sie, die Mädchen und Jungen aus den drei zwölften Klassen der damaligen Theodor-Neubauer-Oberschule auf der Dominsel, ihrem Examen entgegengefiebert. Und das mit einer gewissen Portion Angst, schließlich sollte ja das Abitur auch gelingen. Schlag auf Schlag ging es damals zunächst in die schriftlichen Reifeprüfungen. Deutsch, Mathematik, Russisch sowie Englisch standen für den 2., 3., 5. und 6. Mai 58 auf dem Plan. Zu den Noten hatten die allermeisten der angehenden Abiturienten bald darauf noch mündlich in einigen Fächern ihr Wissen zu demonstrieren. Letztlich ging es noch in der Leichtatletik sowie im Schwimmen um entsprechende Leistungsnachweise.

Unabhängig von alledem gab es in jenem Jahr eine Besonderheit. Es sollten nämlich die letzten Abi-Klassen sein, die diese Bildungsstätte in der einstigen Ritterakademie (1705 bis 1937/38) mit ihrem Paradesaal, der Spiegelburg, mit der Klausur und weiteren markanten Baulichkeiten - bis hin zum Kreuzgang -, verlassen. Gab es doch seinerzeit von den örtlichen Machthabern einen Beschluss, die Reifeprüfung fortan ausschließlich in der Goethe-Oberschule (Jakobstraße) zu ermöglichen. Dadurch kamen nach vier Jahren sprachbetontem Unterricht - neben Russisch nun auch Englisch und für zwei Jahre Latein -, auch die 20 Schüler der Klasse 12 A 2 zu diesem besonderen "Abschied vom Dom". Aber statt gewisser Sentimentalität unternahmen die Jungen, mit dem Abi-Zeugnis in der Tasche, eine Kneipentour. Einige Tage darauf folgten der kleine und abschließend der große Abiball.

Unlängst, genau 60 Jahre danach, trafen sie sich, um einmal mehr in geselliger Runde an dieses Ereignis zu erinnern. Hatte doch bereits 1963 der umtriebige Wolfgang Glaeser seine Mitschüler zum ersten Wiedersehen dieser Art "zusammengetrommelt". Alle fünf bzw. zweieinhalb Jahre traf man sich seitdem. Gewiss, anno 2018 war nun der Kreis der ehemaligen Dom-Oberschüler leider nicht mehr so groß wie dereinst. Aber schon nach kürzester Zeit schien es bei diesem Wiedersehen erneut so, als hätte man gerade erst vor einem Monat zuletzt gemeinsam die Schulbank gedrückt. "Weißt du noch?! - blieb die an diesem Tage die wohl am meisten kursierende Frage, oft bei lautem Hallo der mittlerweile 78-Jährigen.

Ja, selbst der so gutmütige Klassenlehrer Alfred Göring, der sich einst wahrlich gemüht hatte, seinen Schülern die höhere Mathematik beizubringen, war präsent. Des Rätsels Lösung: Als lebensgroße Pappmachee-Figur begleitet er stets diese Treffen. Darüber hinaus ist es immer wieder üblich, die von einem der Jungen verfasste "Mathestunde" unter viel Gelächter vorzutragen, ebenso wie eine Lateinstunde bei Dr. Johannes Danneberg - seit Schülergenerationen mit Spitznamen "Esau" tituliert. In diesem historisch so bedeutenden Gebäudeensemble auf dem Burghof schien der "Duft der Geschichte" gar noch durch die Gänge zu wehen, als am 1. September 1954 die Mädchen und Jungen aus verschiedenen Bildungsstätten Brandenburgs, vor allem von der Rolandschule, erstmals den Weg "zum Dom" nahmen. Nun, anno 2018, ließen die damaligen Oberschul-Neulinge wiederum gern die gemeinsamen Zeiten lebendig werden, wussten vielerlei Episoden aufzufrischen.

Da kamen ihnen dereinst Lateinlehrer Studienrat Rudolf Tilgener ("Poldi"), Russischexperte Dr. Sonnenburg und Erdkundelehrer Friedrich-Karl Grasow - der spätere Ehrenbürger - , mit steifem Kragen bzw. Hemd und Fliege entgegen. Ausgezeichnet verstand es Frau Dr. Elisabeth Gloe`l, die englische Sprache und später zudem weiteres Wissen in Deutsch zu vermitteln. Gesungen wurde oft und gern - so das"Gaudeamus igitur", das beim "60." natürlich nicht fehlen durfte. Übrigens, im Musikunterricht schien Philipp Plogmaker längst nicht immer zufrieden gewesen zu sein. Unvergessen sein Ausspruch: "Ihr singt wieder, als wenn eine Katze auf`s Parkett pinkelt...". Ebenso präsent blieben bis heute die Ausführungen der damals schon ergrauten Kunsterzieherin Frl. "Muttchen" Sauerbier über den Goetheschen Farbenkreis. Ja, wohl kaum einer aus dem Lehrerkollegium mit Direktor Herbert Runge an der Spitze (1941 - 44 Deutschlehrer von Ritterakademie-Zögling Otto Graf Lambsdorff), blieb beim Jubiläumstreff unerwähnt. Da machten die "Naturwissenschaftler" Aengst, Hoffmann und Hampf, die Russisch-Experten Preuß und Schayna ebenso wie beispielsweise Mathe- und Erdkundelehrer Telschow keine Ausnahme.

Unterrichtet wurde zumeist (auch sonnabends) in überaus kleinen, während des Winters durch Kachelöfen beheizten Räumen. Fast alle Eltern hatten zunächst noch Schulgeld für ihre Sprösslinge zu zahlen. Übrigens, nur zwei, drei der Pädagogen gehörten der "Partei der Arbeiterklasse" an. Recht "gemäßigt" verlief der politische Schulalltag, gehörten doch nur zwei, drei Pädagogen der Partei der Arbeiterklasse (SED) an. Gewiss, ab 1955 versammelten sich jeden Montag morgen Lehrerschaft und sämtliche Klassen im Karreehof des altehrwürdigen Doms zum Fahnenappell; für gewisse Zeit stand einmal wöchentlich FDJ-Arbeit auf dem Programm. Auch etliche andere Vorgaben gehörten dazu z.B. Kino-Pflichtbesuche und Aufmärsche. Bedingt durch die Misere in der Landwirtschaft (viele Bauern flüchteten gen Westen) gab es stets im Herbst Ernteeinsätze auf Kartoffelfeldern in der Umgebung bzw. sogar in der Prignitz. Für die damals 14- bis 18-Jährigen immer verbunden mit vielerlei Erlebnissen, die auch sechs Jahrzehnte später schnell wieder fröhliche Urstände feiern sollten. So trugen diese Aktionen - wie zudem Enttrümmerungs- und Aufbaueinsätze auf dem Marienberg, Dampferfahrten und Ausflüge (Bohnenland war das Standardziel) letztendlich mit dazu bei, sich weiter kennenzulernen und zudem gute Tugenden zu entwickeln.

Und bis zum heutigen Tag zeichnen solche Merkmale wie Kameradschaft, Bescheidenheit, Toleranz und Hilfsbereitschaft diese Abiturienten des Jahrgangs 1958 aus. Begründet eben zu großen Teilen während ihrer ach, so guten Zeit auf der Dom-Oberschule. Aus allen von ihnen "ist etwas geworden", ob nun in der Medizin, im Bildungswesen, in Wissenschaft, Technik, Handel, Handwerk und Gewerbe oder auch bei der schreibenden Zunft. Durchaus Grund, ein wenig stolz zu sein.

Heutzutage setzen das evangelische Dom-Gymnasium und die Grundschule gewissermaßen die Traditionen in Sachen Bildung auf der Halbinsel fort.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2018 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG