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Historisches
Fenster schließen, RIAS hören

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historisch © Foto: MZV
Manfred Lutzens / 22.04.2018, 10:24 Uhr
Brandenburg (BRAWO) Als am 31. Dezember 1993 um Mitternacht das unverwechselbare Pausenzeichen von RIAS Berlin erklang, musste dieser Sender gemäß Vereinbarungen auf höchster Ebene nach der vorangegangenen deutschen Wiedervereinigung nun seine Tätigkeit einstellen. Somit verschwand er auch von der Skala auf den Rundfunkgeräten Zehntausender Brandenburger, die den 1946 gegründeten Sender im amerikanischen Sektor stets gern hörten. Vor allem während der oft sehr hitzigen Perioden des Kalten Krieges zwischen den vier Siegermächten kam die Radiostation als "eine freie Stimme der freien Welt" dabei noch zusätzliche Bedeutung zu.

Schließlich schien dieser Sender auch für die allermeisten der heute älteren Havelstädter-Generation eine weitaus glaubhaftere Informationsquelle zu sein als die Ostberliner Stationen. Deren Propaganda und Hetze insbesondere gegen die USA samt ihrer Verbündeten sowie schier endlose Reden, Kommunique´s und Produktionszahlen fanden wohl nur bei überzeugtesten Genossen das erhoffte Gehör. In den meisten Brandenburger Wohnstuben verfolgten deren Mieter - oftmals noch aus einem geretteten "Volksempfänger" - täglich spätestens zur Abendbrotzeit die aktuellen RIAS-Sendungen. Dabei standen Nachrichten, Kommentare und Berichte wie "Aus der Zone für die Zone" und "Die Stimme Amerikas" besonders hoch im Kurs.

Selbst die mit erheblichem Energieaufwand bis 1978 (!) angewiesenen Störungen der zwei Mittelwellenfrequenzen und der Langwelle konnten die Stammhörer kaum abschrecken. Und das, obwohl Repressalien, Verbote, ja, sogar drastische Strafen drohten, wer diesem "Sender der Agenten, Saboteure und Verbrecher" sein Ohr lieh bzw. ihm etwas Informationen lieferte. Aber mindestens bis Ende der 50-er Jahre, als dann die ersten heiß begehrten UKW-Radios im hiesigen Konsum-Kaufhaus (Hauptstraße) zu erstehen waren, verschlossen deshalb auch die Brandenburger vor dem Einschalten aus Angst ihre Fenster und Türen ganz dicht. Auf den monatlich vom Post-Zusteller gebrachten Rundfunk-Quittungen wurde wie oftmals auch in der SED-Presse gewarnt: "Der RIAS lügt, die Wahrheit siegt" oder "Am Lügengift aus RIAS-Munde ging manch armer Tropf zugrunde" und "Lügen haben kurze Beine, RIAS-Enten haben keine". Fürchteten ihn doch die Parteioberen, ja sogar die Regierenden in der verbündeten UdSSR, wie der Teufel das Weihwasser.

Das alles dürfte jenen Havelstädtern der älteren Generation wohl schnell wieder in Erinnerung gekommen sein, als sie unlängst an einer Führung durch das Funkhaus in der Kufsteiner Straße 69 (heute Hans-Rosenthal-Platz) teilnahmen. Wird doch ein derartiger Exkurs des öfteren vom DeutschlandRadio Berlin, gewissermaßen "Nachfolger" des RIAS, angeboten. Zu den Interessierten, die dieser Tage das so markante, denkmalgeschützte Gebäude mit seinem hervorragenden "Innenleben" bei einem Rundgang kennenlernen konnte, gehörte der Autor dieses Beitrages.

Solche Gelegenheit bot sich bereits Jahre vor dem Mauerfall dem Brandenburger Rundfunk- und Fernsehmechaniker Thomas Hanft durch eine ihm von der VP-Passbehörde unerwartet erteilte Besuchserlaubnis seines älteren Bruders im damals abgeriegelten Westberlin. Und dieser war - den schier allwissenden Sicherheitsorganen etwa unbekannt geblieben ? -, seit 1956 einer der profilierten RIAS-Nachrichtensprecher, jedoch unter dem Decknamen Andreas Berg. Das deshalb, um seine auf dem hiesigen Altstädtischen Markt wohnende Familie zu schützen. Was lag bei dem unerwarteten Wiedersehen für die Söhne des Landeskirchenmusikdirektors Walter Hanft von der St. Katharinenkirche da näher, als nun gemeinsam den Arbeitsplatz des gelernten Schauspielers Andreas "Berg" in Augenschein zu nehmen: das Funkhaus mit seiner imposanten Technik, bestens schallisolierten Studios und kleinen Sprecherräumen. Ergänzt sei noch, dass Hanft (Abiturient auf der Dom-Oberschule) in Berlin neben anstrengendem Radio-Schichtdienst noch für das SFB-Fernsehen sowie das ZDF arbeitete, Theater spielte, Filmrollen übernahm und als Synchronsprecher agierte. Er avancierte letztendlich zum dienstältesten Nachrichtensprecher beim RIAS, war danach noch kurzzeitig im Deutschlandradio.

Übrigens, zu den Funkleuten in der Kufsteiner Straße hatten einige andere Brandenburger ebenfalls verwandtschaftliche Bindungen. Diese indes konnten, wie dann alle anderen Interessierten direkte Kontakte zu ihnen in Berlin erst dank der politischen Wende 1989 beispielsweise beim traditionellen Pfingstkonzert des Senders, zur Schlagerparade am Tegeler See oder während der Funkausstellung aufnehmen. Das betraf u. a. eine hiesige Bankangestellte mit der Programmansagerin Regina Pfeiffer ebenso wie einen Mediziner des Städt. Krankenhauses zum Moderator, Sänger und Entertainer Nero Brandenburg. Übrigens, er zitierte in "seiner" deutschen Schlagerparade gern den einst in unserer Stadt so geläufigen Ausspruch "Hie guet Brandenburg allewege". Ihr erwies dieser vielseitige Rundfunkjournalist seine Referenz bei einer Veranstaltung im damaligen Wein-ABC.

Ja, eine Reihe renommierter Schauspieler, Musiker, namhafte Reporter, Moderatoren und Nachrichtensprecher, sogar der spätere SPD-Politiker und Bundesminister Egon Bahr, arbeiteten für den RIAS. Von dort kam, neben den einleitend genannten Sendungen eine Vielzahl weiterer aktuell-politischer Programme. Inklusive der ab 1961 als Novum in der Rundfunklandschaft ausgestrahlten aktuellen Magazine sowie eine Reihe bis heute unvergessener Fach- und Unterhaltungsprogramme. Das waren Schul-, Kirchen, Kinder- und Sportfunk wie auch unzählige Hörspiele, Quizabende, Kultur- und Musikangebote, bis hin zu den legendären "Schlagern der Woche" und "Musik kennt keine Grenzen".

Der Platz reicht nicht aus, um ins Detail zu gehen. Doch als der Autor dieses BRAWO-Beitrages unmittelbar nach seinem Funkhaus-Rundgang mit dem eigens zum Treffen erschienenen ehemaligen RIAS-Mitstreiter Christian Bienert (71) stundenlang vielerlei Reminiszenzen passieren ließen, kam schnell auch das "Klingende Sonntagsrätsel" ins Gespräch. Zehntausende Hörer, jene aus dem Osten schrieben meistens unter einer Deckadresse, sandten dazu ihre Lösungen ein. Bienert, einst von RIAS-Ikone Hans Rosenthal (später ZDF) entdeckt und später immerhin 15 Jahre lang im Sender Chef vom Dienst, war es nämlich, der nach Rosenthals Tod (1987) das so beliebte "Sonntagsrätsel" weiterführte und für einige Jahre in das Programm des DeutschlandRadios "hinüber rettete". Zum anderen hat dieser weiterhin noch sehr engagierte Christian Bienert dem wohl besten politischen Funkkabarett während der Nachkriegsjahre, "Günter Neumann und seine Insulaner", mittlerweile ein bleibendes Denkmal gesetzt. Übernahm er doch das Moderieren einer aus acht CDs bestehenden Edition, stellte sie zusammen, sprach die Zwischentexte. Selbstverständlich wurde eine Ausgabe dieser akustischen Erinnerungen aus RIAS-Zeiten sofort mit nach Brandenburg genommen. Allerdings braucht beim Hören der "Insulaner", die dereinst auch in unserer Stadt hinter vorgehaltener Hand stets für Gesprächsstoff sorgten, nun kein Zimmerfenster mehr geschlossen zu werden...

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