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Heimatgeschichte
Gekochter Karpfen in der Jungsteinzeit

Unten zu sehen  die Kruste am 1979 entdeckten Artefakt vom Fundplatz Friesack 4. Jetzt deutet alles darauf hin, dass es sich um Karpfenrogen als Mahlzeit  handelte.
Unten zu sehen  die Kruste am 1979 entdeckten Artefakt vom Fundplatz Friesack 4. Jetzt deutet alles darauf hin, dass es sich um Karpfenrogen als Mahlzeit  handelte. © Foto: BLDAM
René Wernitz / 07.12.2018, 09:13 Uhr
Friesack/Dresden (MOZ) Wie könnte das Dresdener Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik (MPI-CBG) brandenburgischen  Archäologen behilflich sein? Durch neue Analysemethoden für Nahrungsmittelreste lieferte es Details zum Speiseplan der steinzeitlicher Menschen in Friesack.

„Neue Proteinanalyse-Methode offenbart prähistorisches Fischrezept“, heißt es seitens des MPI und des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalschutz (BLDAM), das auch das Archäologische Landesmuseum in Brandenburg an der Havel betreibt. „Verbrannte Speisereste werden sehr oft anhaftend an Gefäßscherben auf archäologischen Ausgrabungen gefunden. Die Analyse ihres Proteingehalts hilft uns, viele Aspekte des vorgeschichtlichen Lebens zu verstehen“, erklären die Massenspektronomie-Experten aus Dresden. Mit ihrer neuartigen Proteomik-Analyse konnten sie in den verkohlten Überresten prähistorischer Nahrung Fischrogen eines Karpfens entdecken.

Schon 1979 hatten Archäologen Fragmente von 6.000 Jahre alten Tongefäßen in Friesack gefunden. Der dortige Fundort („Friesack 4“) sei für die hervorragende Erhaltung zahlreicher Artefakte, überwiegend aus der Mittelsteinzeit, bekannt, wie es weiter heißt. „Für die Nahrungsmittelspuren gab es zu dieser Zeit noch kein Analyseverfahren. So mussten die Keramikgefäße bis 2013 warten. Inzwischen waren leistungsstarke Technologien zur Proteinanalyse entwickelt worden. Nun kamen die Wissenschaftler des Massenspektrometrie-Bereiches am MPI-CBG ins Spiel.“  Anna Shevchenko erklärt die Herausforderungen: „Wir mussten uns mit der Frage auseinandersetzen, wie Lebensmittelproteine in verkohlten Ablagerungen auf archäologischen Scherben überleben können und wie wir die ursprünglichen Proteine von modernen Verunreinigungen wie menschlicher Haut, Speichel oder Pflanzen, die einst auf dem Ausgrabungsfeld angebaut wurden, unterscheiden können.“

Die neu entwickelte Proteomik-Analyse für Nahrungsmittelkrusten habe etwa 300 Proteine in der 6.000 Jahre alten Keramikschale identifiziert. Dies ermögliche eine Bewertung der biologischen Herkunft und der verwendeten Lebensmittelverarbeitung. Die Forscher hätten Fischproteine gefunden, die zum gemeinen Karpfen und speziell auf dessen Kaviar oder Rogen passten. Die Analyse habe jedoch keine Hinweise auf eine Fischgärung erbracht, was darauf hindeute, dass man das Lebensmittel höchstwahrscheinlich mit Hitze verarbeitet hatte. Größe und Form der Keramik, eine verkohlte Kruste und die Identifizierung eines bestimmten Fischproteins hätten darauf hingedeutet, dass Karpfenrogen in einer kleinen Menge Wasser oder Fischbrühe gekocht worden war. Elektronenmikroskopische Bilder würden darauf hindeuten, dass der Topf wahrscheinlich mit Blättern bedeckt war. Bei der Analyse anderer Topfscherben aus der Umgebung sei auch Schweinekollagen nachgewiesen worden. Das sei Indiz dafür, dass Schweinefleisch mit Knochen, Sehnen oder Haut in dieser Keramik gekocht wurde.

Dies passe gut zu weiteren zooarchäologischen Artefakten aus der Stätte „Friesack 4“, zu der auch Wildschweinknochen gehören, und unterstütze die Annahme, dass diese Stätte als Jagdstation gedient hat. „Dass die Untersuchungen mit der neuen Methode so erfolgreich am Beispiel über 6.000 Jahre alter Keramik von der Fundstelle bei Friesack durchgeführt werden konnten, dürfte ein Meilenstein in der Annäherung an die Lebensgewohnheiten unserer Jäger- und Sammler-Vorfahren sein“, erklärt Günter Wetzel, ehemaliger Archäologe des BLDAM.

Die Mahnung ergeht an heutige Ausgräber, noch sorgfältiger mit den Funden bereits ab der Auffindung auf der Ausgrabung umzugehen, um derartige Untersuchungen später überhaupt zu ermöglichen. Der aktuellen Analyse kam zu gute,  dass der Ausgräber und ehemalige Direktor des Museums für Ur- und Frühgeschichte Potsdam, Bernhard Gramsch, die Keramik nach der Auffindung nicht waschen ließ.

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