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Gerettet
Hiobs-Botschaft für die Gotthardtkirche

Th. Messerschmidt / 12.06.2019, 13:19 Uhr
Brandenburg (MOZ) "Am 4. Juni 2019 kommen die restaurierten Löwenfiguren und das restaurierte Hiob-Bildnis in die St. Gotthardtkirche zurück", ließ die St. Gotthardtgemeinde auf www.gotthardtkirche.de wissen und lud herzlich zur gefeierten Ankunft ein. So wie es die Gemeinde in großer Dankbarkeit immer tut, wenn wieder ein Kunstschatz gerettet werden konnte. Denn viele Rettungen gelingen nur dank breiter Spendenbereitschaft. Und um Spenden zu bekommen, gilt es, das Interesse zu wecken. Dass die Gotthardtkirche Loriots Taufkirche ist, half oft genug bei großen Projekten. Wie auch das emsige Wirken von Kirchenmeisterin Bettina Damus. Bei kleineren Rettungsaktionen können zudem kleinere Beträge in Summe zum Erfolg führen – so wie bei den rätselhaften Löwen. Als  Quartett zierten sie einige Zeit die Orgel, wirkten allerdings wie Fremdkörper – aus der Zeit geraten und mit Musik kaum in Verbindung zu bringen. So landeten sie in der Sakristei. Weil sie alt waren, sollte ihnen in jedem Fall eine Restaurierung widerfahren, wobei man auf Erkenntnisse zu Alter und Herkunft hoffte. Im Jahr 2017 nahmen sich die Restauratoren Thoralf Herschel und Christel Janacek-Herschel den ersten der vier Löwen vor, konnten ihn ins 16. Jahrhundert datieren, zur Herkunft nur weiter spekulieren. Klar war allerdings schnell, dass die von der Gemeinde und der Deutschen Stiftung Denkmalschutz bereitstehende Summe keinesfalls fürs Herrichten aller vier Löwen nicht reicht. Spender wurden gesucht und – wie passend – mit dem Brandenburger Lions-Club gefunden. Dazu noch eine Privatspende von Frank Robby Wallis und das insgesamt 6.000 Euro teure Gemeinschaftswerk konnte im Herbst 2018 fortgesetzt werden. In der Falkenseer Werkstatt wurden die aus Eichenholz zumeist in einem Stück gefertigten Objekte von ihrer rot-braunen Farbe befreit, worunter sich zwei weitere Farbfassungen fanden: ocker-bronze und zuletzt etwas ganz Dunkles, das sich als verschwärztes Silber entpuppte. Demnach strahlten und glitzerten die Löwen einst, während die Locken und Augen durch rote Strichen akzentuiert waren. Restaurator Thoralf Herschel beschreibt sie als "sehr außergewöhnlich und fein gearbeitet". Drei der Löwen tragen Schilder, einer vermutlich Zunftzeichen der Schreiner oder Holzbildhauer. Wofür sie ursprünglich geschaffen wurden, versucht Denkmalschützerin Anja Heinecke zu ergründen. Sie hat ganz ähnliche Objekte in den Rathäusern von Lübeck und Bremen entdeckt. Berührungspunkte, sind gut möglich, da die Havelstadt einst zur Hanse gehörte. Vermutlich aber nicht mehr im 16. Jahrhundert, als die Brandenburger Löwen "geboren" wurden. Heinecke vermutet, dass sie als Zierde fürs Ratsgestühl geschaffen wurden. Entweder fürs Altstädtische Rathaus oder für die Ratsherrenloge in der St. Gotthardtkirche. Allerdings könnten sie auch Bestandteil dortiger Treppengeländer gewesen sein. Da zwei Löwen über ihre linke und zwei Löwen über ihre rechte Schulter schauen, wären sie in allen Fällen gut paarweise anzuordnen gewesen. "Sie bleiben ein Rätsel", gesteht Anja Heinecke, die nicht aufgibt: "Ich habe Fotos an bekannte Fachleute geschickt und hoffe mehr zu erfahren."

Damit nicht genug des rätselhaften, freudigen Ereignisses, denn die Restauratoren hatten sogleich noch ein faszinierendes Gemälde heimgebracht.  Das Hiobs-Bildnis, das einst strahlendes Gemälde eines Epitaphs war. Während der schmuckvolle Rahmen abhandengekommen ist, hat das Bild in einem Versteck überlebt. Und gelitten. Das bemalte Holz hatte Risse bekommen, die Farben waren stark verschmutzt. Nun strahlen sie wieder und geben mit der Lupe herrlichste Details wie eine Schafherde oder einen springenden Hund preis. Ein Rätsel bleibt auch hier, denn das Monogramm "HL" konnte noch keinem Künstler zugeordnet werden. Datiert werden kann das Bild indes genau und zwar ins Jahr 1586. Somit zählte es zur Neuausstattung der Kirche nach der Reformation. Seinen neuen Platz wird es in der Südkapelle finden. Und da in geheimen Ecken und Nischen der Kirche sich auch immer wieder neues Inventar findet, beziehungsweise auch die bekannte Vielfalt noch nicht durchrestauriert ist, hat Kirchenmeisterin Bettina Damus auch schon neue Ideen, bei denen Spender helfen und Restauratoren wirksam werden können: Die Epitaphien an der linken und rechten Säule vor  der Orgel haben Hilfe nötig. Ein Gemälde ist nur noch schwer zu erkennen, eine Predella nicht mehr zu entziffern. Damus‘ Herzensprojekt ist allerdings die Reinigung der Kanzel, "was sehr aufwendig wird und wofür sich leider noch kein Gönner finden ließ." Und dann ist da noch Heineckes und Damus‘ Gemeinschaftsvision von der Öffnung der Nischenfenster rund um den Hauptaltar. "Das würde für tolles Licht sorgen, wäre aber ein gewaltiges Projekt", so Bettina Damus.

Wer sich für eine Projektunterstützung vormerken lassen möchte, wendet sich ans Gemeindebüro auf dem Gotthardtkirchplatz 8, Tel. 03381-522062.Wer noch etwas Überzeugungskraft benötigt, durchschreitet den Eingang im Westturm und somit das älteste steinerne Bauwerk des Landes,  schaut sich in der regelmäßig geöffneten Kirche um, bestaunt die Baukunst und bewundert die sicht- und lesbare Geschichte.

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