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Historisches
"Opel Brandenburg steht in Flammen"

Manfred Lutzens / 11.08.2019, 09:15 Uhr
Brandenburg Sonntag, 6. August 1944: Meine Mutter (32) fährt mit mir per Städtebahn am Vormittag von Brandenburg in das 35 Kilometer entfernte Belzig. Denn unser Familienoberhaupt Kurt Lutzens war -  glücklicherweise von der Ostfront ins Wehrmachtslazarett verlegt -, dort an der Niemegker Landstraße untergebracht. Auf der leicht bewaldeten Fläminganhöhe finde ich da als wissbegieriger, knapp fünfjähriger Junge sofort Gefallen am Sammeln von Stanniolstreifen. Durch deren Abwurf wollten die Alliierten ein Orten ihrer Flugzeuge per Radar verhindern. Wollten. Zur Mittagsstunde dann aber helle Aufregung unter den im Barackenlager auf Genesung hoffenden deutschen Soldaten: "Das Opelwerk in Brandenburg steht in Flammen!". Ihr Blick gen Norden lässt keinen Zweifel: Steigt doch nach einem weithin zu verfolgenden Fliegerangriff ein mächtiger Rauchpilz über unserer Havelstadt auf, genau dort, wo sich seit 1935 die hochmoderne Lkw-Fabrik am Silokanal befindet.  So waren meine Mutter und ich an jenem ersten Augustsonntag vor genau 75 Jahren "dank" unserer Belzig-Fahrt einem der schwersten Bombardements in dem von Deutschland entfesselten Zweiten Weltkrieg seitens der Alliierten auf Brandenburg  entgangen.

Zurück zu Opel. Mit imponierendem Tempo war für 14 Millionen Reichsmark der Aufbau jenes zum US-Konzern General Motors gehörenden Werkes vollzogen worden. Geplant von Reichsregierung und Wehrmacht, finanziert vornehmlich mit amerikanischem Kapital. Die Stadt stellte 1935 das angeforderte Gelände von 850 000 qm bereit; ein Teil blieb "vorerst" Ackerland. Probleme bildeten indes der unzureichende Kostenausgleich seitens Opel wie auch Enteignungen und etliche, für den Magistrat unerwartete  infrastrukturelle Aufgaben. So das  Umverlegen eine Teils der Carl-Legien-Straße (heute Bebelstr.), vorbei am neuen Werk.

Dem am 1. April 1935 gefassten Baubeschluss für diesen Betrieb, der zum größten und modernsten seiner Art zumindest in Europa avancierte, folgte nur sechs Tage später der erste Spatenstich. Und bereits Anfang Juli ragte das so markante Stahlbetonsklelett der 178 m langen und 136 m breiten, zweigeschossigen (!) Fertigungshalle in den Himmel. Es sollte mit seinen roten Klinkerwänden aus 1,5 Millionen Backsteinen neben gar 17 500 qm Glas, durch das optimal Licht fluten konnte, Maßstäbe setzen. 1300 Beschäftigte benötigten im Drei-Schicht-System zwei Millionen Stunden, um das Ensemble samt seiner rechteckigen, turmartigen Anbauten fertigzustellen. Schon am 10. August 1935 folgte das Richtfest. 13 Maschinenstraßen mit eingebauten Transportbändern ermöglichten über 5 km das Befördern der Fahrzeugteile zu den Montagestationen. Binnen einer Nacht (zum 16. Oktober 1935) gelang der Maschinen- und Anlagentransport aus dem Stammwerk Rüsselsheim per Spezialwaggons eines Eil-Expresszuges.

Und schon am Folgetag begannen die zunächst 680 Arbeiter sowie Monteure mit der Produktion. Binnen drei Wochen wurden 1200 einzeln angetriebene Werkzeugmaschinen umgesetzt. Der erste Lastkraftwagen rollte bereits am 11. November vom Band. Schließlich ging der legendäre 3-Tonner Opel-Blitz - unverkennbar dieses Symbol am Kühlergrill -, im April 1937 in Serie. Sein  70 PS starker Motor ermöglichte bis zu 90 km/h. Wurde zunächst vornehmlich die Wirtschaft bedient, so galt es alsbald, befehlsgemäß die Wehrmacht mit dem geländefähigen Laster auszurüsten. Dadurch erhielt dessen Erfolgsgeschichte einen äußerst bitteren Beigeschmack. Vom Mannschaftstransporter über eine Sanitäts- sowie auch Pkw-Version bis hin zu dem für große Steigungen geeigneten Allrad-Blitz oder einer teilweise mit Ketten ausgestatteten Variante hatten diese Fahrzeuge fortan Hochkonjunktur.

Der 100 000. "Opel-Blitz" verließ schon Anfang 1940 den Betrieb. Gar 4000 Beschäftigte (Höchststand 1. Halbjahr 43), unter ihnen inzwischen fast 2100 Zwangsarbeiter versuchten  mit enormen Leistungen - nicht im Schichtbetrieb -, die wachsenden Verluste an den Fronten auszugleichen. Eine gut qualifizierte Belegschaft, darunter ehemalige Kräfte von Brennabor, fertigten täglich trotz zunehmender Bombenangriffe bis zu 120 Wagen. Vorteile boten der Gleisanschluss zum Bhf. Altstadt und der eigene Hafen, so für den Rohmaterialnachschub bis in die Hallen hinein  bzw. für das von dort mögliche Ausliefern des "Blitz".

Zu ebener Erde befanden sich neben Galvanik und Härterei zudem Karosseriefertigung nebst Lackiererei. Dem Obergeschoss waren der Fahrgestellbau sowie die Achsen- und Motorenmontage vorbehalten. Die 4000-kW-Dampfturbinen des Kraftwerkes mit seinem unverwechselbaren Schornstein leisteten Schwerstarbeit beim Produktionsablauf. Dieser erreichte 1943 mit 23 232 Fahrzeugen eine neue Höchstmarke, über 16 000 Stück folgten bis zum 6. August des folgenden Jahres. Doch mit dem Bombenangriff kam das abrupte Ende. Schätzungen zufolge legten die alliierten Flieger dabei nahezu die Hälfte dieser imposanten Fabrik in Schutt und Asche; 31 "Opelaner" wurden getötet. Trotz aller Bemühungen und  Improvisationen misslang die Wiederaufnahme der LKW-Fertigung. Bis zu genannten Schicksalstag waren es immerhin 82 356 Wagen des Typs "S" (Standard). Hinzu kamen fast 25 000 Laster mit Allradantrieb - Blitz "A", darunter das über ein Halbkettenlaufwerk verfügende Opel-"Maultier" sowie mehr als 23 000 in abgewandelten (Spezial-) Ausführungen.

Zum Unternehmen gehörten neben Lehrwerkstatt sowie Betriebsschule u. a. das sogenannte Kameradschaftshaus und ein Sportplatz zwischen Kanal und Gallberg (seit Jahrzehnten nun Kleingartenverein). Für einen erheblichen Teil ihrer Belegschaft hatte die Adam Opel AG trotz Schwierigkeiten (Bauleute, Material) Wohnsiedlungen errichten lassen, so im Stadtteil Görden. Heutzutage sind diese längst modernisierten Quartiere im "Blumenviertel" ein Stück Wohnungsbaugeschichte. Dagegen wurde alles, was sonst vom  Werk übrig geblieben war, bald nach Einrücken der Sowjettruppen (30. April 1945) als Reparationsleistung demontiert. Erhalten gebliebene Gebäudeteile riss man später ab. Lediglich der nun als Tischtennishalle genutzte Flachtrakt und bedingt auch unterirdische Fundamente erinnern ein wenig an Opel, in dessen einstigen Eingangsbereich sich eine Ausstattungsfirma befindet. Zu DDR-Zeiten hatten ein auf dem Gelände errichtetes Beton- bzw. Plattenwerk (auch heutzutage) und das Tiefbaukombinat ihr Domizil. Zudem erhielt das SWB gewisse Flächen. Nach 1989 wurden noch 30 ha Werkeigentum vermarktet, Teilareale nach Absprache in den Zentrumsring (Fontanestraße) integriert.

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