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Ernte-Einsatz
Als Brandenburger Schüler während ihrer Herbstferien noch arbeiten mussten

Manfred Lutzens / 20.10.2019, 07:00 Uhr
Brandenburg an der Havel Morgen beginnt für Brandenburgs Schüler nach zweiwöchigen Herbstferien mit vielerlei Angeboten, eigenen Unternehmungen und Reisen wieder der Unterricht. Völlig anders gestaltete sich da Mitte der 1950er Jahre diese unterrichtsfreie Zeit im Herbst speziell für die Mädchen und Jungen der oberen Klassen. Statt lockeren Ferientreibens - an Reisen indes war erst ein Jahrzehnt nach Kriegsende kaum zu denken -, hieß es für sie "Rein in die Kartoffeln!". Also auf zum Ernteeinsatz, weil es rings um Brandenburg wie beispielsweise zugleich in der relativ weit entfernten Prignitz mittlerweile nun auch an ausreichend Arbeitskräften zum Einbringen dieser Hackfrüchte (inklusive Rüben) fehlte. Ursache hierfür war die 1952 von der Arbeiter- und Bauernpartei SED eingeleitete Zwangskollektivierung der Landwirtschaft. Diese sollte gemäß dem lautstark verkündeten Aufbau des Sozialismus, ausgerichtet am Beispiel des "großen Bruders" Sowjetunion, erfolgen. Damit einhergehende Repressalien der Bauern und Ackerbürger - so auch in unserer Heimatstadt, wo vor allem an ihrer Peripherie damals Felder bewirtschaftet wurden (später entstanden dort Nord und Hohenstücken) - bewirkten zunehmend die Flucht der Landwirte in den Westen. Überdies bestrafte man immer mehr von ihnen unter dem Vorwand, das Ablieferungssoll nicht erfüllt oder gar Sabotage betrieben zu haben, mit empfindlichen Geldbußen bzw. Gefängnis. Da der selbsternannte Arbeiter- und -Bauern-Staat außerdem viele Landarbeiter zur Kasernierten Volkspolizei (Vorgänger der NVA) rekrutierte, blieben zusehends weitere Äcker unbestellt oder wurden nicht abgeerntet. Daraus resultierend verschärfte sich die ohnehin prekäre Versorgungssituation, Fleisch und andere landwirtschaftliche Produkte wurden noch knapper. Auch deshalb suchte die Partei nach einem Ausweg, propagierte Losungen wie "Stadt und Land - Hand in Hand". In zunehmendem Maße galten Ernteeinsätze als freiwillige Pflicht. Obwohl schon mit hohen Planvorgaben bedacht, hatten außerdem Brandenburger Betriebe riesige Helfergruppen auf die Felder zu schicken, auch sonntags. Oftmals dabei überdies sogar Soldaten - selbst sowjetische traten zur "Ernteschlacht" an. Und da es eben nicht nur an Technik, sondern offensichtlich an Menschenkraft mangelte, waren zugleich die fleißigen Hände der älteren Schüler mehr als willkommen - und längst "eingeplant". Für sie indes, noch weitgehend unbeschwert bei all dem, boten diese Kampagnen zumeist Abwechslung und eine Portion Abenteuer. Aber angesichts oftmals indiskutabler Gegebenheiten vor Ort blieb es nur bedingt ein Spaß. So hieß es vielfach dann schon "Sollen doch die die Kartoffeln rausmachen, die sie reingelegt haben". So beispielsweise zog Ende September 1954 die 9. Klasse der Theodor-Neubauer-Oberschule (Dom-Burghof) nach Prützke auf die Felder. Im Wohnzimmer (!) eines Bauernhauses, dessen Besitzer kurz zuvor geflüchtet waren, konnten die Jungen auf dem mit Stroh karg ausgelegten Fußboden ihr müdes Haupt nach getaner Erntearbeit betten. War es doch für sie anstrengend und ungewohnt zugleich, von den großen, hügeligen Ackerflächen die Knollen aufzusammeln. Und das stets mit Tempo, denn von Pferden gezogene Schatzgräber (Schleuder) rissen unerbittlich Furche um Furche auf. Mit einer manuell betriebenen "Klapper" erfolgte das Sortieren des Erntegutes. Dabei freuten sich die Stadtkinder über jede technische Störung, von denen es recht viele gab. Die hygienischen Bedingungen auf dem Prützker Bauernhof, der inzwischen zur dortigen landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft gehörte, waren alles andere als einladend. Da wuschen sich die jungen Erntehelfer mit Pumpenwasser in einem großen Trog, der offenbar sonst zum Aufbereiten von Viehfutter diente. Wer da allergisch reagierte, hatte alsbald einen Hautausschlag, der ihm zumindest in der zweiten Erntewoche unverhofft doch noch richtige Ferien bescherte...Im gleichen Herbst ging es für die Domschüler nochmals aufs Land, nämlich nun nach Hohenferchesar. In Erinnerung blieb vor allem, wie sie dort von ihren Gastgebern abgespeist wurden. In einer emaillierten Waschschüssel servierte man die "Elbperle", dereinst übelste Margarinesorte. Um die viel zitierte Kultur auf dem Lande kümmerte sich der Rat des Kreises. Er entsandte einen Chor in das Dorfkino, um die Stimmung zu verbessern. In den Folgejahren bis 1957 war dann die Prignitz mehrmals das Ziel. Eine Episode sei hier wiedergegeben, die sich am 1. Oktober 1956 zutrug. Erstaunlich freimütig zog damals Herbert Häfner, einer der sogenannten Volkskorrespondenten  für die SED-Zeitung "Märkische Volksstimme", vom Leder. Unter der Überschrift "In die Kartoffeln  mit Hindernissen" schrieb er:  "In den Vormittagsstunden des Montags hatten alle Straßenbahnen, die zum Altstadt Bahnhof fuhren, Hochbetrieb. Rucksack bepackt, mit Koffern und Netzen rückten 900 Mädchen und Jungen der Mittel- sowie Oberschulen zum Kartoffel-Ernteeinsatz an. Ein Sonderzug sollte sie nach Pritzwalk bringen (...).  Tatenlustig harrte das junge Volk der Dinge, die da kommen sollten. Zu um 9.55 Uhr waren die Schüler bestellt, und ‚schon’ um 11.10 Uhr setzte sich die Bahn endlich in Bewegung. Ein Glück, daß die Sonne lachte, denn bei Regenwetter wäre wohl nur ein Häuflein von ihnen übriggeblieben. Bevor aber der Zug ‚grünes Licht’ erhielt, war ein Musterbeispiel von schlechter Organisation zu erleben. Obwohl zahlreiche Lehrkräfte und wahrscheinlich sogar ein Verantwortlicher anwesend waren, stürzte sich die Menge  beim Öffnen der Sperre auf den Bahnsteig und enterte die Waggons. Wie einfach wäre es gewesen, klassenweise dorthin zu gehen - da hätte man gleich gemerkt, daß nicht genügend Sitzplätze vorhanden waren. Wozu denn auch, es sind ja nur Kinder. Die Krone aber setzte dem Ganzen ein Bahnangestellter auf: ‚Ihr denkt wohl, ich fasse euch mit Glacéhandschuhen an’ und versuchte, die Platzfrage auf seine Art zu lösen (...). Es gehörte schon Begeisterung unserer Jugend dazu, um nicht schon auf dem Bahnhof den Ernteeinsatz zu beenden, bevor er überhaupt begonnen hatte."

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