Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de
Logo Brandenburger Wochenblatt

Keine Zwischenfälle bei Pegida-Kundgebung

Silke Schulz / 24.01.2016, 13:30 Uhr - Aktualisiert 29.01.2016, 16:46
Schönwalde-Glien (MOZ) Den unmittelbar bevorstehenden Einzug von rund 400 Flüchtlingen in das Containerdorf auf dem Erlenbruchgelände hatte die Organisation „Pegida Havelland“ zum Anlass genommen, um für Samstag in Schönwalde-Glien zu einer Kundgebung unter dem Motto „Masseneinwanderung stoppen – Rechtsstaat wiederherstellen“ einzuladen.

Trotz Kälte, Nieselregen und Glätte waren sogar mehr Teilnehmer als erwartet dem Aufruf gefolgt. Gut besucht war mit rund 70 Teilnehmern ebenfalls die vom Kreisverband der Grünen kurzfristig zeitgleich organisierte Veranstaltung für Offenheit und Toleranz. Zu Ausschreitungen oder ungewöhnlichen Zwischenfällen kam es indes nicht. „Wir sichern beide Veranstaltungen, aber es ist alles ruhig und friedlich, mit gewaltsamen Auseinandersetzungen rechnen wir nicht“, erläuterte Jana Birnbaum, Pressesprecherin der Polizeidirektion West, während der Kundgebungen. Gleichwohl lag der Umfang des Polizeiaufgebots im oberen zweistelligen Bereich.

In Schönwalde wurde am Samstag demonstriert. Der Protest beider Lager verlief friedlich.
Bilderstrecke

Pegida-Demo und Gegenprotest

Bilderstrecke öffnen

Mehr als 150 Zuhörer hielten sich vis-à-vis der Gaststätte „Schwanenkrug“ auf, um verschiedenen Rednern der Pegida-Kundgebung zu folgen. Unter den Teilnehmern waren Anwohner, die sich ein Bild von den Zielen der Veranstalter machen wollten. Ob die häufig von Pegida-Gegnern geäußerte Vermutung, bei einem Großteil der Besucher handle es sich gar nicht um Ortsansässige, zutraf, war nicht zu ermitteln.

Detlef Lehwald als Organisator der Kundgebung räumte gegenüber dieser Zeitung ein, er könne nicht ausschließen, dass auch der ein oder andere Teilnehmer von außerhalb dabei sei. Zudem betonte er, nicht prinzipiell gegen das Asylrecht zu sein: „Wer um sein Leben fürchtet, soll auch herkommen dürfen.“ Es müsse jedoch in zügigen Verfahren kontrolliert werden, wer dieses Recht zu beanspruchen habe. Nichtanspruchsberechtigte sollten zurückgeführt, die Grenzen dichtgemacht werden. „Die Situation im Schullandheim Schönwalde etwa ist nicht zu beanstanden, dort ist alles in Ordnung“, so Lehwald. Dies sei jedoch darauf zurückzuführen, dass dort vorwiegend Familien lebten.

Bei den Rednern handelte es sich unter anderem um Mitorganisatoren der „Pegida Havelland“, wie Gerald Hübner aus Schönwalde, der früher Sprecher der AfD Havelland war, sowie Mitglieder der „Identitären Bewegung“, die ursprünglich aus Frankreich stammt und sich als aktivistischer Arm der „Neuen Rechten“ versteht. Diese grenzt sich nach ihrem eigenen Verständnis von der dem Nationalsozialismus verhafteten „alten Rechten“ ab, ist vor allem intellektuell ausgerichtet und sucht Querverbindungen ins konservative Spektrum. Neben Bürgern, die offenbar massive Ängste vor Flüchtlingen haben, waren auch bekennende Neonazis zahlreich vertreten.

Kritik wurde in erster Linie an der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung geäußert. Es sei Zeit, Widerstand zu leisten, denn die Deutschen seien ein zutiefst hintergangenes Volk – die Menge skandierte die Parole: „Merkel muss weg!“. Eine der Rednerinnen behauptete: „Die wenigen Menschen, die wirklich Hilfe brauchen, stellen kein Problem dar, aber die Realität ist anders – die Kriminalität bei den Flüchtlingen ist hoch, und die Polizei ist gehalten, zu anonymisieren und zu vertuschen, damit unsere gefühlsduseligen Willkommensbürger nicht aus ihrem Traum vom bunten Deutschland aufwachen!“ Trotz des Anlasses hatte die Kundgebung der „Pegida Havelland“ insgesamt allerdings kaum kommunalpolitischen Charakter.

Der Kreisverband der „Grünen“ indes setzte bei der rund 100 Meter entfernt stattfindenden Kundgebung auf die Präsenz von Politikern aus dem Osthavelland und Schönwalde, dies trotz überaus kurzer Vorbereitungszeit. „Hier spielt kein Parteienstreit eine Rolle – wir müssen dem Hass gemeinsam etwas entgegensetzen und dürfen denjenigen, die ihn schüren, nicht die Straße überlassen, denn sie sind nicht das Volk“, erklärte Ursula Nonnemacher (Bündnis 90/Die Grünen). Friedlich Gesicht und Flagge zeigen für eine Willkommenskultur in Schönwalde und anderswo, so lautete die Intention der Veranstalter, und so will auch die Initiative „Neue Nachbarn in Schönwalde“ ihr Engagement verstanden wissen.

„Auch wir treten für die Freiheit der Meinungsäußerung und der Demonstration ein. Nach unserer Überzeugung sind jedoch zunächst Hilfe und Beistand gegenüber den Kindern und Jugendlichen, den Frauen und Männern, die vor dem Krieg in ihrer Heimat zu uns geflüchtet sind, unsere Pflicht. Zugleich fordern wir alle Flüchtlinge und Asylsuchenden auf, unsere Gesetze und Regeln zu achten“, heißt es in einer entsprechenden Presseerklärung. Bewusst wurde am Samstag auf Parolen verzichtet, die provozierend wirken könnten – nichtsdestotrotz fanden sich auch Anhänger mit Plakatsprüchen wie „Nazis essen heimlich Döner“ ein.

„Wir selbst wollen eher deeskalierend wirken. Die Organisation einer eventuell folgenden Veranstaltung dieser Art wollen denn auch alle demokratischen Parteien gemeinsam übernehmen, es haben bereits alle zugestimmt“, berichtete Gerd-Henning Gunkel (Bündnis 90/ Die Grünen) erfreut.

Laut wurde es aber dennoch vor der Post: Spontan und mit kraftvoller Performance trommelte die Percussiongruppe „Cilindros e Cantar“ aus Falkensee für Toleranz und Völkerverständigung.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG