Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de
Logo Brandenburger Wochenblatt

Von Emotionen überwältigt

Sabrina Zellinger / 18.02.2018, 00:01 Uhr
Falkensee (MOZ) Ein Filmteam aus Moskau weilte jüngst in Falkensee. Der Flug und die Bahnfahrt verliefen überraschend schnell, sagte die Regieassistentin und Dolmetscherin Elena Lvova. Im Gepäck hatten Regisseur Oleg Galitsky, Tontechnikerin Lena Petrosyan und Kameramann Sergei Amirazhanow jede Menge Technik und eine große Idee: Ein Dokumentarfilm über die Zeitzeugen Wilfred Redlich, der als Soldat in russische Gefangenschaft geriet, und die 90-jährige Weißrussin Alexandra Barkowskaja, die von ihren eindringlichen Erfahrungen aus der Zeit der deutschen Besetzung Russlands im Zweiten Weltkrieg erzählt. Die deutsch-russische Geschichte aufzuarbeiten, ist die Motivation für den Film. Elena Lvovas Oma hat ihre Erlebnisse verdrängt. Es sei "zu traurig und zu schrecklich darüber zu reden". Fragen wurden totgeschwiegen bis fast niemand mehr lebte, der sie hätte beantworten können.

Im Juni 1926 wurde Wilfred Redlich in Ziegelscheune, nahe Posen, geboren. Mit nicht einmal 18 Jahren wurde er im April 1944 als Soldat einberufen und geriet während eines Partisaneneinsatzes im August des selbigen Jahres in Gefangenschaft. Auf der vierwöchigen Deportation harrten unzählige Männer in erbärmlichen Zuständen qualvoll aus. Für viele war es die letzte Reise.

Gewiss war nur eins. Es ging nach Osten, tausende Kilometer schnurgerade in Richtung der endlos wirkenden Uralregion. Vom Zentrallager ging es weiter nach "Kultubanka". In sieben Erdbaracken im Nirgendwo hausten gut 1.400 Männer. Die meisten nur mit Mantel, einer Mütze, die auch als Handtuch und Kopfkissen fungierte, und ein paar Fußlappen bekleidet. Es war wichtig, dass die Kleidung trocken blieb, sonst sanken die Überlebenschancen gen null. "Es war eigentlich immer bitterlich kalt, wer auf den wenig wärmeren Pritschen oben schlafen konnte, hatte Glück", berichtete Wilfred Redlich während des Drehs. Die Zeit des Überlebens der unterernährten und kranken Männer verging schleppend und stets unter härtester Arbeit. Sie bekamen täglich zwei Mahlzeiten mit 600 Gramm Brot und heißer Wassersuppe - das war alles, jahrelang gab es trotz Durst nichts extra zutrinken.

Jeder kämpfte um sein eigenes Überleben. Auf die Frage, wie Redlich dies überstehen konnte, antwortete er mit schwerer Stimme: "Der Glaube und positive Gedanken. Auch das Weinen reinigte die Seele. In Sibirien erinnerte jeder Sonnenuntergang an die Heimat." Freundschaften gab es keine, nur zwei Bekanntschaften wird er nie vergessen. Willi aus Berlin und Rudolph aus dem Spreewald. Was aus ihnen wurde: ungewiss.

Nur ein Drittel der in Gefangenschaft Geratenen überlebte die eisige Hölle. Nach drei Jahren wurde er aus der Gefangenschaft entlassen. Nur gut 1.600 Männer kamen nach Frankfurt (Oder) zurück. Er wurde registriert, bekam einen Entlassungsschein und ein paar Mark Entschädigung. Die jungen Männer wurden mit ihren Traumata allein gelassen. Für manche Männer blieb eine Art "Überlebensschuld" zurück. Jahre brauchte der von Unterernährung und neurologischen Störungen geplagte junge Heimkehrer, um die Freiheiten des Lebens wieder genießen zu können. Ohne die Hilfe seiner geliebten Familie wäre dies nicht möglich gewesen.

"Es gibt keine Gewinner im Krieg! Für beide Seiten ist es schlimm. Die sowjetische Geschichte wurde patriotisch geschrieben. Daher ist es heute wichtiger denn je, diese uneindeutige Historie aus Sicht der Zeitzeugen aufzuarbeiten", betonte die Regieassistentin Elena Lvova. "Indes gibt es noch viele Betroffene, die nichts über den Verbleib ihrer Angehörigen wissen. Der Bezug zu heute ist das Aufklären, das Bewahren der Geschichte und das Verstehen für Morgen." Die Suche war dank der Zeitzeugenbörse in Berlin erfolgreich und so fand das Team einen Protagonisten, der bereit war, seine Geschichte aus Sibirien zu erzählen. Stundenlang saß Wilfried Redlich geduldig vor der Kamera um Elena Lvovas Fragen ausgiebig zu beantworten.

Alexandra Barkowskajas Enkel, Iwan Ryzhikow, der das Team finanziell unterstützt, reiste extra nach Finkenkrug um den Dreh des Films zu begleiten und Wilfried Redlich kennenzulernen. "Wir fühlten uns in der Pension Plickert sehr gut beherbergt. Die Gegend ist so schön, sehr gemütlich und eignet sich großartig zum Filmen", so Elena Lvova. Sie drehten in fünf Tagen mehr als zwölf Stunden Filmmaterial. Schauplätze waren neben Haus und Garten des Protagonisten das Esszimmer der Pension, wo sich der Seniorenrat zum Tee traf, der Falkenhagener See sowie auch Börnicke. Es gelangen trotz der trüben Winterstimmung eindrucksvolle Aufnahmen.

Der heute 91-jährige Wilfred Redlich engagierte sich jahrzehntelang ehrenamtlich für die Unterstützung Verwandter und Hilfsbedürftiger in Polen mit Spenden, Denkmalpflege und dem Erhalt lebendiger Erinnerungskultur. 2015 wurde er für seinen ehrenamtlichen Einsatz zur deutsch-polnischen Völkerverständigung ausgezeichnet.

In seiner freudigen Art fiel es ihm nicht schwer zu sagen, wie stolz er darauf sei, dass sich junge Leute auf den weiten Weg zu ihm nach Finkenkrug begaben und seine emotionale Geschichte erzählen wollten. Immer wieder bedankte er sich und lobte die Bemühungen des ganzen Filmteams. "Es geht mir noch gar nicht in den Kopf, dass es einen Film darüber geben wird. Danke!"

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2018 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG