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Premiere
Das weiße Bild und die Weltverbesserer

"Die Welt ist schlecht und wir sind dagegen." In der Wohnung von Sydney (Katharina Kusch/l.) geht es chaotisch zu. Jugendliche Revoluzzer und ein schwules Paar (dargestellt von Phileas Heim und Christoph Birke/r.) haben sich eingenistet.
"Die Welt ist schlecht und wir sind dagegen." In der Wohnung von Sydney (Katharina Kusch/l.) geht es chaotisch zu. Jugendliche Revoluzzer und ein schwules Paar (dargestellt von Phileas Heim und Christoph Birke/r.) haben sich eingenistet. © Foto: Achilles
Stephan Achilles / 20.11.2017, 11:54 Uhr - Aktualisiert 21.11.2017, 21:45
Falkensee (MOZ) Zwei Komödien präsentierte das Kleine Theater Falkensee bei der Premiere am vergangenen Freitag im Falkenseer Kulturhaus "Johannes R. Becher". In beiden Stücken versucht das Schauspielensemble den Balanceakt zwischen Komik und menschlicher Tragik, zwischen Lächerlichkeit und bitterem Ernst. Sie wagen sich damit auf schwieriges Terrain, denn einfach nur albern sind gute Komödien nie. Zusammen mit dem professionellen Regie-Dramaturgie-Duo Sebastian Eggers und Sebastian Maihs vom "Theater.Redux" hat das Ensemble ein Stück von Yasmina Reza, die zu den weltweit erfolgreichsten Bühnenautorinnen zählt, und einen Text des amerikanischen Boulevardtheater-Autors Nicky Silver ausgewählt und etwa drei Monate lang geprobt.

In der ersten Komödie "Kunst" wird die Freundschaft dreier wohlsituierter, kultivierter Damen auf eine harte Probe gestellt. Sabine, erfolgreich, wohlhabend und Kunstliebhaberin, zeigt ihren Freundinnen Marion und Yvonne stolz ihre extrem teure Neuerwerbung: Ein weißes Gemälde mit weißen Streifen. Marion ist entsetzt, soviel für diese "weiße Scheiße"! Ihre Toleranzgrenze ist erreicht.

Balanceakt zwischen Komik und menschlicher Tragik: Das Kleine Theater in Falkensee hat bei der Premiere gleich mit zwei Komödien das Publikum überzeugt...
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Kleines Theater feiert Premiere

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Ein Streit bricht aus. Eifersüchteleien, Konkurrenz, Rechthaberei, alte Zwistigkeiten durchstoßen die dünne Kruste der Freundschaft. Lachen kann man nur noch über-, nicht aber miteinander. Yvonne versucht zu vermitteln, um die Freundschaft zu erhalten. Dabei gerät sie in die Zwickmühle, weil sie sich mal von der einen Seite und gleich darauf wieder von der anderen Seite vereinnahmen lässt.

Die drei Damen werden großartig dargestellt von Brigitte Römer als kunstliebende Sabine, Gesine Falke als ihrer etwas phantasielos, realdenkenden Freundin Marion und Christina Sellenthin als Vermittlerin zwischen beiden. Wer am Ende die Sympathie des Publikums gewinnen kann, ist im Hin und Her des Disputs nicht leicht zu entscheiden. Am ehesten gelingt das Christina Sellenthin, die mit der Rolle der Yvonne ein echtes Glanzstück hinlegt.

In einem ganz anderen Milieu spielt die zweite Komödie "Die Altruisten". Es geht schrill und turbulent zu in der Wohngemeinschaft der selbsternannten jugendlichen Weltverbesserer Cybil (Cassandra Lenz), Ronald (Phileas Heim) und Ethan (Sebastian Maihs). Eigentümerin der Wohnung ist Sydney (Katharina Kusch). Sie verdient ihr Geld als Seifenoper-Darstellerin und sponsert damit die anderen. Vom Revoluzzer-Gehabe der Mitbewohner ist sie genervt, vergöttert aber den arbeitslosen Macho Ethan.

Der wiederum scheint sich dem Kampf um Gerechtigkeit nur angeschlossen zu haben, um möglichst schnell in die Betten junger Revoluzzerinnen zu gelangen. Als Sydney wieder einmal glaubt, ihn dabei erwischt zu haben, schießt sie auf das Bett, in dem sie ihn vermutet.

Derweil versucht Cybil, die sich wegen der "political correctness" als Lesbe gibt und sich nur versehentlich mit Männern einlässt, verzweifelt herauszufinden, wogegen oder wofür die nächste Demo ist und ob sie Molotowcocktails oder Stinkbomben mitbringen soll. Im siebten Himmel schwebt dagegen Ronald. Der schwule Sozialarbeiter geht völlig auf in seiner Liebe zum Stricher Lance (Christoph Birke), den er von der Straße holen und retten will.

Anrührend und tragisch ist das Spiel zwischen dem egozentrisch, schwärmerischen Ronald und dem naiven Lance mit seinem sonnigen Gemüt. Phileas Heim und vor allem Christoph Birke lassen das Publikum mitfühlen. Cassandra Lenz, erst seit wenigen Monaten im "Kleinen Theater", überzeugt mit der Darstellung der sich rauhbeinig gebenden Pseudo-Lesbe, die an den organisatorischen Anforderungen der Revolution verzweifelt.

bsolut stimmig ist auch das Spiel von Sebastian Maihs als cooler Macho, der nie den Überblick verliert und den Weltverbesserungskampf für seine erotischen Abenteuer zu nutzen weiß. Brillant ist Katharina Kusch als überdrehte Seifenoperdiva im Kreis der verarmten jungen Chaoten. In dieser Rolle kann sie ihr komödiantisches Talent voll ausspielen und erntet damit Szenenapplaus, etwa wenn sie die Vorzüge ihres Lovers Ethan beschreibt.

Eine ausgefeilte Beleuchtungstechnik ermöglicht eine schnelle Folge kurzer Szenen, die den Zuschauer in ihren Bann ziehen und die Spannung erhöhen. Für Techniker Stefan Römer und Souffleuse Katja Bremer eine Herausforderung, die sie jedoch problemlos meistern.

Die Aufführung der beiden modernen und intelligenten Komödien sorgt für ein unterhaltsames, turbulentes Theatererlebnis. Gelegenheit dazu gibt es am kommenden Freitag und Samstag sowie Montag, jeweils um 19.30 Uhr. Karten sind für zehn Euro an der Abendkasse im Kulturhaus Johannes R. Becher oder via Telefon unter 03322/3287 erhältlich.

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