Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de
Logo Brandenburger Wochenblatt

Diskussion
„Auch der Islam muss sich der modernen Zeit anpassen“

Seyran Ateş, Anwältin und Mitbegründerin einer Moschee in Berlin, beantwortete in Falkensee Fragen zum Islam.
Seyran Ateş, Anwältin und Mitbegründerin einer Moschee in Berlin, beantwortete in Falkensee Fragen zum Islam. © Foto: Achilles
Stephan Achilles / 01.06.2018, 21:00 Uhr - Aktualisiert 02.06.2018, 12:11
Falkensee ( ) Sie ist Anwältin und Mitbegründerin einer islamischen Glaubensgemeinschaft. In einem kürzlich beendeten Rechtsstreit hat sie das Land Berlin vertreten und das Kopftuchverbot für eine Lehrerin erwirkt. In ihrer Moschee betet sie gemeinsam mit Männern und Frauen, mit Schiiten, Sunniten und Moslems anderer Glaubensrichtungen. Sie kämpft für Frauenrechte, gegen Zwangsheirat und für einen liberalen, weltoffenen Islam. Toleranz gegenüber dem politischen Islam hält sie für falsch und warnt vor dem Einfluss der Islamverbände.

Seyran Ates, die Mitbegründerin der Berliner Ibn-Rushd-Goethe-Moschee und Trägerin des Bundesverdienstkreuzes, war am 26. Mai zu Gast im B80, dem Begegnungsraum der Willkommensinitiative „Wir in Falkensee“. Moderiert von Christoph Böhmer, hatten die rund 70 Besucher zwei Stunden Zeit, um Fragen zu stellen und mit der 55-jährigen, in der Türkei geborenen Rechtsanwältin zu diskutieren. Das Thema „Kopftuch“ spielte dabei eine wichtige Rolle. Ates betrachtet die Zunahme der Kopftücher, insbesondere bei Kindern, mit Sorge. „Das Kopftuch wird vom politischen Islam als Waffe verwendet, zur Klarstellung ihrer Frauen- und Männerrollen“, meint Ates.

Hintergrund sei immer noch, die frei bestimmte Sexualität zu unterbinden und das Patriarchat zu erhalten. Gerade dieses Patriarchat sei aber nicht zeitgemäß und müsse bekämpft werden. Kopftücher akzeptiert Ates nur dann, wenn sie von selbstbewussten, erwachsenen Frauen ohne Zwang getragen werden. Dort, wo Frauen den Staat repräsentieren, gehöre ein Kopftuch überhaupt nicht hin.

Eine Lehrerin aus Spandau berichtete, dass mitunter schon Kinder ab der 2. Klasse ein Kopftuch tragen. In solchen Fällen solle man unbedingt Gespräche mit den Eltern und der Islamgemeinde führen, meint Ates. „Kopftuch bedeutet Erziehung zur Geschlechtertrennung, Konservativität, gegen Gleichberechtigung. Ich würde alles tun, um mein Kind ein Kind sein zu lassen und seine Entwicklung nicht zu behindern.“

Als ein junger Mann aus dem Iran nach dem „richtigen Islam“ fragt, antwortet die Imamin: „Den gibt es nicht.“ Der Islam sei eine pluralistische Religion und würde weltweit auf verschiedenste Weise interpretiert. „Wir in unserer Moschee sagen, wir leben im 21. Jahrhundert und müssen unsere Religion der Zeit anpassen wie es andere Religionen auch getan haben.“ Das andere außer Gott über ihre Religiosität richten, lässt sie nicht zu. In der von ihr mitbegründeten Moschee rede man friedlich über Glaubensunterschiede.

Mit sechs Jahren kam die Tochter einer türkischen Mutter und eines kurdischen Vaters nach Berlin-Wedding, lernte schnell Deutsch und gehörte bald zu den besten Schülern. Nach dem Abitur studierte sie Jura und engagierte sich für die Frauenrechte von Migrantinnen. 1984 überlebte sie knapp ein Attentat. Heute steht sie unter Personenschutz. Mehrere Beamte begleiteten sie auch nach Falkensee und überwachten die Sicherheit bei der Veranstaltung im B80. Schon die Tatsache, dass dieser Schutz notwendig ist, spräche für die Probleme des Islam, meinte ein Besucher.

Der Kampf für einen modernen Islam sei lebensgefährlich, betont Seyran Ates. Genauso wie es eine Entwicklung zum konservativen Islam gebe, würden aber auch moderne Strömungen zunehmen. In Wien, Zürich, London, Paris und anderen Städten gäbe es liberale Islam-Projekte. Die Staaten und die EU müssen den modernen Islam jedoch mehr fördern und nicht nur die Verbände der Islamkonferenz unterstützen.

Eine kritische Haltung gegenüber dem intoleranten Islamströmungen hält Ates für angebracht. Man solle Leute, die gegen Islamismus und konservativen Islam seien, nicht gleich in die AfD-Ecke stellen. Die AfD werfe teilweise richtige Fragen auf, gäbe aber die falschen Antworten. Mit einer Einladung in die Berliner Ibn-Rushd-Goethe-Moschee endete das interessante Gespräch mit der mutigen, eloquenten Frau.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG