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Alpakas
Therapeuten mit weicher Nase und sanftem Blick

Die Alpakas nähern sich den Gästen im Rollstuhl sehr behutsam an.
Die Alpakas nähern sich den Gästen im Rollstuhl sehr behutsam an. © Foto: Silvia Passow
Silvia Passow / 11.08.2018, 11:26 Uhr
Börnicke In den großen, dunklen Augen liegt eine buddhistische Ruhe, jene Sanftmut, unterlegt von dieser Aufmerksamkeit, die nur wenig mit einfacher Neugier zu tun hat. Fast scheint es, die schneeweiße Alpaka-Dame würde ihr gegenüber scannen, dann tritt sie etwas näher, Schritt für Schritt, langsam, behutsam, in den Augen die Frage: Ist es okay, wenn ich näher komme? Ist es, denn Kirsten Heil hat sich bereits seit gestern auf diesen Moment gefreut, wie sie sagt. Auf die Begegnung mit dem Alpaka, das sich vorantastet, vor ihr stehen bleibt, den Kopf neigt, dann steht die Zeit für einen Moment still. Stirn an Stirn genießen beide den Moment.

Tiere als Therapeuten

Tiere als Therapiehelfer sind nicht neu – Hunde, Pferde, Delfine. Alpakas dagegen sind in der Tiergestützten Therapie eher selten anzutreffen. Dabei bringt das Alpaka einige Vorteile mit sich. Zunächst, das Alpaka ist im menschlichen Bewusstsein nicht negativ besetzt. Vor Hunden fürchtet sich so mancher, für Pferde kann das Gleiche gelten. Anders als Hunde oder Pferde neigt das Fluchttier Alpaka nicht zu hektischen Bewegungen. Man könnte sagen, so ein Alpaka ist die Ruhe in Person. Und anders als Delfine, sind Alpakas auch im Havelland zu finden.

Alpakas sind naturgemäß freundlich und zurückhaltend, sie haben offenbar gute Antennen für Menschen, nähern sich nur, wenn es erwünscht ist, bleiben ansonsten auch schon mal auf Abstand und warten. Alpakas haben etwas, was Menschen oft fehlt: Zeit. Abwarten, die Bekanntschaft mit dem Alpaka kann sehr intensiv werden, wenn beide es wollen. Vielleicht liegt hier das Geheimnis in der therapeutischen Unterstützung durch ein Alpaka. Es sucht Bekanntschaft, es bewertet nicht und man muss einem Alpaka auch nichts erklären. Ein Blick in diese Augen verrät, ein Alpaka weiß ohnehin schon alles.

Zu Besuch auf der Alpaka-Farm

Die 1. Alpaka-Farm im Havelland wird von Nora und Joachim Kuntzagk seit rund 20 Jahren betrieben. „Ein Hobby“, sagt Kuntzagk. Eine Leidenschaft trifft es vielleicht besser. Wie auch immer man es nennen möchte, Kuntzagks teilen die Liebe zu den sanftmütigen Alpakas gern.

Eine kleine Gruppe kommt aus Berlin/Frohnau, fast alle sitzen sie in Rollstühlen, ein Mann nutzt einen Rollator, nur eine der Frauen kommt ohne Gehhilfe zurecht. Joachim Kuntzagk begrüßt die Gruppe, erzählt Wissenswertes über seine Alpakas und dann geht es auch schon rüber auf die weitläufige Koppel.

Im Halbkreis stehen die Rollstühle und der Rollator. Auf der Koppel verstreut stehen die Alpakas, Ohren aufrecht, das eine oder andere Tier nähert sich langsam. Kuntzagk verteilt Knäckebrot in die Runde der Besucher, als Begrüßungsgeschenk für die Alpakas. Nun geht auch das letzte Alpakaköpfchen hoch, die Tiere setzen sich in Bewegung, nähern sich hüpfend oder im leichten Trab der Gruppe, die letzten zwei, drei Meter dann behutsam, fast so, als würden sie auf eine spezielle Einladung warten. Die weichen Schnauzen schnappen vorsichtig nach der Köstlichkeit, die Tiere lassen sich streicheln, Alpaka-Köpfchen reiben sich hier und da vertrauensvoll an Schultern. Einer der Männer verzieht das Gesicht, reden kann er nicht, doch man sieht sein Unbehagen. Die Alpakas nehmen zur Kenntnis, bleiben auf Abstand, interessiert folgen die Augen des Mannes den Tieren. Für alle scheint die Distanz zu stimmen.

Kirsten Heil hat inzwischen ihr Lieblingsalpaka entdeckt. Das Tier mit dem rötlichen Fell genoss ein Bad in der Wanne, lässt sich nun streicheln. Hinter Heil schmust ein weiteres Alpaka mit ihren Haaren. Sie lacht und müht sich redlich den Schmusebedarf zu decken. Heil ist nicht zum ersten Mal hier und auch nicht zum letzten Mal, wie sie versichert. Sie hat den heutigen Ausflug, mit den Bewohnern der Fürst-Donnersmark-Stiftung aus Berlin, organisiert.

Wissenswertes über Alpakas

Alpakas gehören zur Familie der Kamele. Und ähnlich wie ein Kamel hat es eine Gaumenspalte mit der das Alpaka das Schwitzwasser wieder einfängt und direkt ins Maul laufen lässt. Alpakas, so erfährt man hier, haben auch keine Wolle, sondern Edelhaar. Daraus hergestellte Kleidung hält die Haut im Sommer kühl und im Winter warm und ist dabei noch optimal für Allergiker und Neurodermitis-Erkrankte geeignet. Das hat das Alpaka dann doch mit dem Schaf gemein, es wird auch geschoren.

Neben den Alpakas halten Kuntzagks hier auch drei Nandus, in Chile beheimatete Laufvögel. Deren Federn glänzen wie Seide im Sonnenlicht und gleichzeitig haben sie etwas Urzeitliches an sich. Kuntzagk gibt Auskunft über die straußenähnlichen Vögel, zeigt eines ihrer Eier, verteilt später Federn, beantwortet die Fragen der Besucher, gibt kleine Anekdoten zum Besten.

Ein tierisches Hobby

Wie kommt nun aber das Alpaka ins Havelland? Nora Kuntzagk leitete im Tierpark Berlin über viele Jahre den Bereich der Kamele. Sie liebt die Tiere, besonders die Alpakas, deren private Haltung früher verboten war. 1996 bekam sie dann ihr erstes Alpaka, eine trächtige Stute. Inzwischen ist daraus eine hübsche Alpaka-Familie geworden. Kuntzagks haben mit ihren Tieren diverse Preise abgeräumt, ihr Alpaka-Hengst Caral war Fernsehstar in der ZDF TV-Serie „Unser Charly“.

Die tierbegleitende Therapie, wie auch die Fernsehauftritte, sind Ergebnis einer lang währenden Arbeit. „Man muss sich mit den Tieren beschäftigen“, sagt Kuntzagk. Das Alpakas den Menschen helfen können, davon ist das Paar fest überzeugt. Erkrankte Menschen, allein oder in Gruppen, kommen hierher, nach Börnicke, oder Kuntzagks fahren in Pflegeeinrichtungen, manchmal ganz regelmäßig oder zu besonderen Anlässen wie Feierlichkeiten. Besondere Freude macht dem Paar auch die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Für ihre Arbeit verlangen Kunzagks kein Geld, nehmen aber sehr gern Spenden für die Futterkasse entgegen. Wenn sie mit den Alpakas auf Hausbesuch kommen, wird eine Unkostenpauschale fällig.

Das Alpaka als Therapie

Der anfangs so kritische Besucher im Rollstuhl lächelt, als eines der Alpakas ihm ganz zum Schluss noch einmal näher kommt und er sieht ihm lange nach, als es für ihn nach Hause geht. Auch Kirsten Heil streicht noch einmal durch das seidige Fell. „Die strahlen so eine Ruhe aus.“ Ein Alpaka macht aus dem Lahmen keinen Gehenden. Es lässt jedoch Vertrauen fassen, in das Tier selbst und, durch diese vorbehaltslose Zuwendung des Alpakas, vielleicht auch wieder Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Die 1. Alpaka-Farm im Havelland kann nur mit Voranmeldung besucht werden. Kontakt und weitere Infos auf www.hvl-alpaka.de.

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