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Frauenstammtisch
Mobilität anders gedacht

Ursula Nonnemacher (li.) und Anja Hänel im Gespräch mit den Frauen.
Ursula Nonnemacher (li.) und Anja Hänel im Gespräch mit den Frauen. © Foto: Silvia Passow
Silvia Passow / 26.10.2018, 12:15 Uhr
Falkensee Man stelle sich vor, der allmorgendliche Weg zur Arbeit würde nicht nach 200 Metern im Stau enden. Statt das eigene Auto im Winter erst einmal vom Eis zu befreien, würde ein autonom fahrendes, kuschelig beheiztes Fahrzeug bereitstehen, wo man nur einsteigen und sich zum Bahnhof fahren lassen kann. Dort wartet eine freundlich ausgestattete und nicht überfüllte Kabinenbahn. Bevor sie sich einen Sitzplatz suchen, und ja, hier gibt es Sitzplätze, holen sie sich am Tresen ihren Latte Macchiato ab. Am Zielbahnhof nehmen sie sich eines der bereitstehenden Fahrräder und setzen ihre Fahrt zur Arbeit fort. Entspannt angekommen, kein Stau, keine überfüllte Bahn, kein Fahrrad schleppen oder anschließen und hoffen, dass das Gefährt auch am Abend noch dort steht. Die Mobilität der Zukunft setzt weniger auf Eigentum, dafür auf die Nutzung unterschiedlicher Verkehrsmittel. Auf Komfort muss deshalb nicht verzichtet werden, im Gegenteil.

Anja Hänel ist die Gastfrau des 54. Falkenseer Frauenstammtisches und Geschäftsführerin des Verkehrsclub Deutschland (VCD) in Brandenburg. Ihr Kurzvortrag sorgt für rege Diskussionen. Hänel führt aus, was Frauen von Männern in Fragen der Mobilität unterscheidet. Als Geschäftsführerin des VCD stellt sie auch die umweltfreundlichen Ziele anderer Auto-Clubs vor. Und die sind gar nicht nur Frauenspezifisch. Nicht nur auf ein Verkehrsmittel, das Auto, setzen, sondern Kombinationen aus den Möglichkeiten schaffen. Autonomes Fahren gehört dazu, für die sogenannte „letzte Meile“, gemeint ist damit der Weg vom Bahnhof oder der Bushaltestelle nach Hause.

Sie fordert einen Grundbetrag für alle. „Jetzt zahlen nur die, die den öffentlichen Nahverkehr (ÖPNV) auch nutzen.“ Dafür aber auch Restriktionen für private PKW: „Besonders in den großen Städten muss Platz für andere Verkehrsmittel geschaffen werden.“ Zum Beispiel für Radschnellwege oder breitere Fahrradwege. Laut Hänel werden schmale Fahrradstreifen auf Fahrbahnen gerade von ungeübten Radlern als nicht sicher eingestuft. Eine weitere Idee: Teilen statt besitzen, nicht nur das Auto, sondern auch Fahrräder oder Tickets für den ÖPNV könnten geteilt werden.

Die Risiken will sie hier nicht verschweigen. Autonomes Fahren könnte auch mehr Menschen in die Autos und damit auf die Straße bringen. Wenn sich jedoch nichts ändert, befürchtet sie, könnten die Klimaziele nicht erreicht werden. Zudem gibt es weitere Platzprobleme in den Städten. Auch das die Bewohner von Stadt und Land unterschiedliche Angebote benötigen, wird berücksichtigt.

Die geschilderte Vision klingt zunächst verlockend, setzt aber auch einiges an Aufwand voraus. Der Lebenswirklichkeit entspricht das nicht. Das reizvolle Angebot müsste erst noch geschaffen werden. Wer heute mit dem Rad zum Bahnhof nach Falkensee fährt, hat erst einmal die Frage zu klären, wo abstellen? Danach begleitet die Hoffnung durch den Tag, es möge später noch dort stehen und nicht unfreiwillig den Besitzer gewechselt haben. Das Rad mitnehmen, weil man es am Zielbahnhof weiter nutzen möchte? Keine gute Idee, weiß Ursula Nonnemacher (Bündnis 90/Die Grünen). Sie selbst hat ein E-Bike und das wiege schlappe 25 Kilo, sagt sie. „Die Treppe schaffe ich das Rad nicht rauf.“ Also Fahrstuhl suchen. „Der ist dann oft defekt oder zu klein.“ Sie beschreibt, wie sie das Rad hochkant reinstellt. „Keine Ahnung, wie da im Zweifelsfall eine Trage reinpassen soll“, sagt sie. Im überfüllten Zug selbst findet ein Passagier mit Fahrrad wenig Gegenliebe.

Auch andere Frauen haben Vorbehalte gegen den ÖPNV. Verschmutzte Bahnhöfe, auf denen Obdachlose sitzen, Züge, die gar nicht oder zu spät kommen und zu den Stoßzeiten chronisch überfüllt sind. Sehr früh am Morgen oder spät am Abend wird der Takt überschaubar, für schichtarbeitende Frauen ist die Bahn damit kaum attraktiv, mal abgesehen vom Sicherheitsgedanken.

Der trägt auf dem Weg nach Hause, der „letzten Meile.“ Da mögen nur die wenigsten Frauen noch nachts am Wald, z.B. in Finkenkrug, entlang laufen. Sammeltaxis, flexible Busse, Bürgerbus, das könnten Möglichkeiten sein. Unheimlich empfunden wird auch das autonome Fahren. Es gibt lebhafte Diskussionen zum Verhalten von Autofahren, Radfahrern und Fußgänger. Und Ideen, mitgebracht aus anderen Städten, Beispiele, die Schule machen könnten. Viele Hände gehen hoch, Frauen wollen mitreden, das zeigte auch der 54. Falkenseer Frauenstammtisch aufs Neue.

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