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Kreißsaalschließung
Kein Landeplatz für den Klapperstorch

Michael Zaske, Referandarleiter Gesundheit im Minsterium, und Moderatorin Ismahan Alboga vom rbb im Gespräch zur Kreißsaalschließung in Nauen.
Michael Zaske, Referandarleiter Gesundheit im Minsterium, und Moderatorin Ismahan Alboga vom rbb im Gespräch zur Kreißsaalschließung in Nauen. © Foto: Silvia Passow
Silvia Passow / 20.11.2018, 18:15 Uhr
Nauen Seit Anfang Oktober können werdende Eltern nicht mehr auf das Angebot rund um die Entbindung der Havelland-Klinik am Standort Nauen zurückgreifen. Damit müssen Schwangere auf andere Klinken ausweichen und lange Fahrzeiten in Kauf nehmen. Personalmangel, genauer ein Mangel an Hebammen, hatte den Schritt notwendig werden lassen.

Die neue Chefärztin Yvonne Schwarz hat im Ausschuss für Soziales, Bildung und Gesundheit des Landkreises Havelland ihr neues Konzept für die Entbindungsabteilung in Nauen vorgestellt. Hebammengeführt statt arztlastig soll es sein. Man will den Hebammen mehr Gestaltungsspielraum einräumen und so die Attraktivität des Arbeitsplatzes erhöhen. Mit der Neugestaltung und einem Mutter-Kind-Zentrum wirbt das Unternehmen auf seiner Internetseite. Ebenso mit einem „innovativen“ Grundgehalt und Geburtenprämien. Über die Höhe dieser Bezüge, möchte sich Babette Dietrich, Referentin für Unternehmenskommunikation, nicht äußern. Nur so viel: Es gibt ein hauseigenes Vergütungssystem, das Haus ist nicht tarifgebunden.

Das neue Konzept erntet Beifall. Wie Wolfgang Seelbach (B’90/Die Grünen) in einer Pressemitteilung erklärt, weißt das Konzept in die richtige Richtung. „Schwangerschaft ist keine Krankheit - deshalb soll die neue Geburtsstation auch hebammengeführt sein, nach dem Motto: viel Hebamme, wenig Arzt.“ Die Bündnisgrünen wollen das Konzept unterstützen, denn es werte den Beruf auf und bietet Chancen, Fachkräfte zu gewinnen, die aus Enttäuschung über schlechte Arbeitsbedingungen in andere Tätigkeiten abgewandert sind.

Auch Barbara Richstein (CDU) ist vom neuen Konzept überzeugt. „Das hat Hand und Fuß“, sagt sie und verspricht politische Rückendeckung aus ihrer Partei.

Die Wiedereröffnung der Geburtsstation steht ganz oben auf dem Wunschzettel, sagt Babette Dietrich. „Wir setzen alle Hebel in Bewegung, um dies zu erreichen.“ Rund 400 Geburten gab es 2017 am Standort. Die Geburtenraten sind in den letzten Jahren gestiegen. Zeitgleich schließen bundesweit immer wieder Kreißsäle, temporär oder dauerhaft. Der Deutsche Hebammen Verband zeigt auf einer im Internet einsehbaren Karte auf, wie viele Kreißsäle bundesweit geschlossen oder von einer Schließung bedroht sind. Zurzeit sind es 83 Standorte, Nauen steht also bei weitem nicht allein.

Für über die Hälfte wird dort Personalmangel, allein oder gekoppelt mit anderen Ursachen, angeben. Bis der Nachwuchs die Lücken schließen kann, wird es auch noch dauern. Im Land Brandenburg gibt es zwei staatlich anerkannte Ausbildungsstätten für Hebammen und Entbindungspfleger, in Cottbus und in Eberswalde mit zusammen 75 Ausbildungsplätzen. Damit wurden die Kapazitäten erst in diesem Jahr von 60 (Stand 2017) auf 75 erhöht. Weitere Erhöhungen sind, laut einer Antwort auf eine Anfrage der Linken-Landtagsabgeordneten Andrea Johlige vom 12. November nicht geplant. Drei Jahre dauert die Ausbildung zur Hebamme.

Traumberuf Hebamme -

an der Realität gescheitert?

Der Verband Deutscher Hebammen beklagt schon seit Jahren die Arbeitsbedingungen in bundesdeutschen Kliniken. Zu wenig Personal kümmere sich um immer mehr Patientinnen, Überstunden und nicht gemachte Pausen gehörten zum Alltag, so der Verband. Am 9. November hat der Bundestag die Aufnahme der Hebammen in das Pflegepersonal-Stärkungsgesetz abgelehnt. Die Hoffnung der Hebammen baut nun auf ein „Geburtshilfe-Stärkungsgesetz.“

„Hebamme ist der schönste Beruf der Welt“, sagt eine der Hebammen, die nun nicht mehr in Nauen arbeitet. Sie habe ein besseres berufliches Angebot bekommen, erzählt sie, mit familienfreundlicheren Arbeitszeiten. In den vergangenen Wochen sei sie mehrfach mit dem Vorwurf konfrontiert, eine (Mit)-Schuld an der Schließung des Kreißsaales in Nauen zu tragen. Sie sagt, sie wisse, dass dies nicht stimme und doch nagt der Vorwurf an ihr. War sie unzufrieden in Nauen? „Nein“, sagt sie, „wir hatten ein schönes Arbeitsklima.“ Als belastend empfand sie die Arbeitsbedingungen, Überstunden häuften sich an. Eine Kollegin war langzeiterkrankt, erzählt sie und sie ist nicht die einzige, die den Arbeitgeber gewechselt hat.

Acht Hebammen waren sie zuvor, alle arbeiteten in Teilzeit, was in etwa 5,5 Vollzeitstellen entsprach. Als dann zwei Kolleginnen gleichzeitig schwanger wurden, wurde es eng. „Bis es dann nicht mehr geht“, sagt Martina Schulze, 1. Landesvorsitzende im Brandenburger Hebammen Verband. „Dann sind die Kolleginnen ausgebrannt.“ Die ehemalige Nauener Hebamme nickt und sagt später dennoch: „Hebamme ist der schönste Beruf der Welt.“

Unterschriften gegen

Kreißsaalschließung

Julia Schmohl wird im Februar nächsten Jahres entbinden, sie hofft in Nauen. 515 Unterschriften hat sie mit ihrer Petition gesammelt. Neben ihr steht Frau R. aus Brieselang und sie hat sichtbar weniger Zeit. In vier Wochen ist Entbindungstermin. Und wo? Frau R. hat sich für Potsdam entschieden und hat ein bisschen Bammel vor dem langen Fahrtweg, rund 30 Kilometer. Es ist ihr zweites Kind, ihren Sohn hat sie in Nauen geboren. „Als ich von der Schließung erfuhr, war ich deprimiert. Ich fühlte mich in Nauen gut umsorgt und aufgehoben.“

Die Kreißsaal-Schließung schlägt Wellen. Am Samstag war der Rundfunk Berlin Brandenburg (rbb) mit dem Robur-Bus und Moderatorin Ismahan Alboga in Nauen. Neben Schulze, Schmohl und Frau R. sind auch interessierte Zuschauer dabei. Jörg Grigoleit, Geschäftsführer der Havelland Kliniken ist da, Michael Zaske aus dem Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie, sowie die Landtagsabgeordneten Ursula Nonnemacher (B’90/Die Grünen) und Andrea Johlige (Die Linke).

Grigoleit betont noch einmal die vorübergehende Schließung und dass diese Entscheidung nicht leicht fiel, aber der Sicherheit von Mutter und Kind geschuldet sei und man mit Hochdruck, auch überregional, nach Hebammen suche. Alboga´s Frage, ob man hier vielleicht die Zeichen der Zeit verkannt habe, hält er ein vehementes „Nein, haben wir nicht“, entgegen. Zaske betont das bundesweite Problem, welches, so Nonnemacher, seit Jahren bekannt sei. Nonnemacher sagt weiter, die Klinikbetreiber müssten bessere Arbeitsbedingungen schaffen. Gute Bezahlung, nennt sie hier ebenfalls.

Auch Johlige würde gern die Arbeitsbedingungen verbessert sehen. Für den Raum Brandenburg hält sie zwei Ausbildungsstätten für zu wenig, Cottbus und Eberswalde sind für manche weit ab vom Schuss. Und jetzt? Grigoleit sagt, die Personalsituation werde sich verschärfen. „Wir wollen die Versorgungssituation verbessern“, sagt er weiter.

Wie also jetzt die Hebammen nach Nauen locken? Alboga stellt Grigoleit die Frage nach dem gebotenen Gehalt und erhält keine Antwort. Mehr Geld für die Hebammen? Mehr Geld für alle Pflegekräfte, auch für die Hebammen, hält er für wünschenswert und schränkt doch ein, dass eine solche Gehaltserhöhung auch wirtschaftlich machbar sein muss. Und da sieht er die Krankenkassen in der Pflicht, sie bezahlen schließlich. Was Schulze bestätigt und auch als Problem sieht. Die Vergütung für die natürliche Geburt, die mal rasch und dann wieder zeitintensiv verlaufen kann, sei nicht angemessen, sagt sie.

Wenn aus einem Wort

Realität wird

Pflegenotstand, der Mangel an Fachkräften für Geburtshilfe, ein Begriff nimmt Form an. Die anwesenden Hebammen arbeiten gern in ihrem Job, sagen sie, Berlin mache aber einfach die besseren Angebote. 2.700 Euro brutto wird hier als Richtwert angegeben. Für die ehemalige Hebamme aus Nauen waren auch die Arbeitsbedingungen entscheidend. Die Diskussion in Nauen macht aber auch klar, es gibt nicht den einen Schuldigen. Hier sind viele Akteure, Politik, Krankenkassen und Klinikbetreiber gefragt. Knapp 1 Million Euro hat die rot-rote Landesregierung nun bereitgestellt, um die angespannte Lage im Bereich der Geburtshilfe zu lindern. Julia Schmohl hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, ihr Kind doch in Nauen zur Welt zu bringen.

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