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Inklusion
Vor Freude fast vom Stuhl gesprungen

Martina Günther und Stefan Käupler bedanken sich bei Nadine Fricke (Mitte) mit Blumen und Pralinen für deren erfolgreichen Einsatz.
Martina Günther und Stefan Käupler bedanken sich bei Nadine Fricke (Mitte) mit Blumen und Pralinen für deren erfolgreichen Einsatz. © Foto: Silvia Passow
Silvia Passow / 02.12.2018, 09:15 Uhr
Falkensee Nadine Fricke hält ein gebasteltes Namensschild aus gelben Papier in die Luft. „Ich möchte, dass wir heute ein bisschen kreativ werden und das ist ganz einfach. Bitte basteln sie sich jeder ein solches Namensschild.“ Die rund 25 Teilnehmer des 1. Fachtages zur betrieblichen Inklusion haben das Papier bereits in Händen. Fricke läuft durch die Reihen, geschaut werden darf, anfassen verboten. Es wird geknifft, gefaltet und Papier gerissen. Fricke nimmt indessen wieder ihren Platz am Pult ein. Was sie da gefaltet in den Händen hält, sieht gar nicht so schwer aus.

Wie fühlt es sich an, wenn man eine Aufgabe, noch dazu, wenn sie als ganz einfach angepriesen wird, nicht lösen kann? Wenn der Chef sagt, hier, so soll das Ergebnis aussehen, ist gar nicht so schwer, da ist das Material und verschwindet. Da kämpft man schnell nicht nur gegen das Papier, sondern auch mit dem eigenen Anspruch. Fricke zeigt, wie ihr Schild zustande kam, einfach, wenn man weiß, wie es geht. Eine von 25 hatte die Fähigkeit, sich vorstellen zu können, wie hier die Lösung aussehen könnte und hat es geschafft. Alle anderen benötigten Anleitung, dann aber hatte jeder sein Schild.

Am 1. Januar traten die Regelungen zum Budget für Arbeit in Kraft. Ziel dieser ist es, Behinderten Menschen einen Zugang zum ersten Arbeitsmarkt zu öffnen. Eigene Arbeit, eigener Lohn, nicht mehr von Transferleistung oder Aufstockung abhängig sein. In Berlin haben es mit dem Budget vier Menschen mit Behinderung in den ersten Arbeitsmarkt geschafft. Im Osthavelland sind es zwei.

Hier eröffnete im vergangenen Jahr die Beratungsstelle für betriebliche Inklusion im Havelland, gefördert durch die „Aktion Mensch“. Fricke arbeitet in der Beratungsstelle in Falkensee, gemeinsam mit Bettina Hegewald. Für die Betroffenen eine sinnvolle Unterstützung, denn die meisten Menschen mit Behinderung arbeiten in Werkstätten, wie Fliedners, wo auch die Fachtagung stattfand.

Die Teilnehmer kommen aus ganz unterschiedlichen Bereichen, der Landkreis ist vertreten, die Agentur für Arbeit aus Nauen, die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Falkensee, Manuela Dörnenburg, Mike Grajek, Geschäftsleiter bei Selgros in Falkensee, um nur einige zu nennen. Sie alle tauschen Erfahrungen aus, nach fast einem Jahr Budget für Arbeit. Eine der dringlichsten Aufgaben ist es, Arbeitgeber für das Projekt zu gewinnen.

Was Menschen behindern kann, ist vielfältig. Nur rund vier Prozent kommen mit ihrer Behinderung zur Welt. Die restlichen 96 Prozent kommen im Laufe ihres Lebens zu einer, mal mehr, mal weniger, ausgeprägten Einschränkung. Um diese Menschen in den Arbeitsmarkt zu bringen, wurde das Budget für Arbeit eingeführt. Es unterstützt mit Lohnkostenzuschuss und vergibt Fördergelder, wenn der Arbeitsplatz umgestaltet werden muss. Die Beantragung erfolgt formlos, Fliedner hilft dabei gern.

Doch schon beim Thema beantragen gehen viele Türen zu. Dabei muss von einer Umgestaltung am Arbeitsplatz gar nicht nur der behinderte Mensch profitieren. „Der Arbeitsplatz sollte so angelegt sein, dass ein Arbeitnehmer seine Stärken zeigen kann“, sagt Hegewald und das klingt für alle Ohren gut.

Morgens wie alle anderen zur Arbeit fahren. Die 32-jährige Martina Günther hat es geschafft. Sie bekommt einen Arbeitsvertrag in einem Seniorenwohnheim. Mit Menschen arbeiten, ihnen helfen, das ist für die junge Frau ein Traum. Sie hatte vorher einige Tätigkeiten ausprobiert, ihre Vorliebe für häusliche Aufgaben war dabei aufgefallen. Auch darin sehen Fricke und Hegewald ihre Aufgaben: Stärken finden und fördern.

Günther fing in der Seniorenresidenz an, zunächst im hauswirtschaftlichen Bereich, pflegerische Tätigkeiten kamen hinzu und Günther merkte, das ist es. Als das Angebot der Pflegeleitung kam, einen festen Arbeitsvertrag zu bekommen, da „wäre ich am liebsten mit einem lauten Juhu vom Stuhl gesprungen“, erzählt Günther. Auch Stefan Käuper identifiziert sehr mit seinem Arbeitsplatz. Der 31-Jährige arbeitet bei Hellwig in Falkensee und ist ein bisschen „Mädchen für alles“, aber genau das macht ihm Spaß. Er trägt seine Arbeitskleidung mit Stolz, erzählt Fricke und auch Günther mag ihre Arbeitsbekleidung sehr. Ein nach Außen sichtbares Zeichen: Ich gehöre dazu!

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