Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de
Logo Brandenburger Wochenblatt

Grundeinkommen
Gesellschaftsmodell zur Stärkung der Demokratie oder soziale Hängematte

Kleine Pause an einem Abend mit lebhafter Diskussion. Antje Stiegel und Eberhard Müller auf dem Landgut Schönwalde.
Kleine Pause an einem Abend mit lebhafter Diskussion. Antje Stiegel und Eberhard Müller auf dem Landgut Schönwalde. © Foto: Silvia Passow
Silvia Passow / 05.12.2018, 19:00 Uhr - Aktualisiert 05.12.2018, 19:31
Schönwalde-Glien (MOZ) Rund fünfzehn interessierte Teilnehmer besuchten den vergangenen politischen Salon auf dem Landgut Schönwalde, wo Prof. Dr. Eberhard Müller (B’90/Die Grünen), Autor des Buches „Architektur der Gerechtigkeit“ und Antje Stiegel, Soziologin und Politikwissenschaftlerin, referierten und zur Diskussion eingeladen hatten. Ihre Frage: Ist das bedingungslose Grundeinkommen ein neues Gesellschaftsmodell?

In Berlin wird seit einigen Wochen über das solidarische Grundeinkommen diskutiert. „Eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme“, sagt Müller. Das bedingungslose Grundeinkommen verlangt vom Empfänger keinerlei Gegenleistung. Das dürfte der entscheidende Unterschied zum solidarischen Grundeinkommen sein. Das bedingungslose Grundeinkommen würde jeder bekommen, egal ob arm oder reich. Damit würde die Stigmatisierung finanziell schwacher Menschen wegfallen, es gäbe keine Prüfungen auf Bedürftigkeit mehr.

Alle Menschen sind gleich und frei

Müller ist Befürworter des bedingungslosen Grundeinkommens. Er beruft sich auf die UN-Menschenrechte, genauso wie auf das Deutsche Grundgesetz, Artikel 1. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. Neben den Grundrechten hat er wirtschaftliche Betrachtungen dabei, so die Vermögensentwicklung in Deutschland. Als Grundlage dienen Müller die Theorien und Berechnungen von Thomas Piketty, einem französischen Wirtschaftswissenschaftler. Dessen 2014 veröffentlichtes Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ erntete weltweit große Aufmerksamkeit. In dem Buch argumentiert Piketty, dass unregulierter Kapitalismus unweigerlich zu einer Vermögenskonzentration für einige wenige führt. Diese starke Vermögenskonzentration führe zu einer stagnierenden Wirtschaft und sei damit eine Bedrohung für die Demokratie.

Müller hat auf Grundlage von Pikettys Forschung und Arbeit ein Berechnungsmodel für Deutschland mitgebracht. Er rechnet mit einem Prozent Wirtschaftswachstum und nach seinen Berechnungen dauert es gar nicht mehr so lange, bis die vier reichsten Menschen im Land sehr viel mehr als die restliche Bevölkerung besitzen. Wie Piketty sieht Müller darin eine Gefahr für die Demokratie. Bei den Zuhörern lösen die Zahlen Reaktionen aus, die Diskussion lässt sich schon bald nicht mehr auf den Anschluss der Vorträge vertagen, zu viele Fragen und Gedanken haben die Gäste dabei.

Nun geht es Müller aber nicht nur um die Frage der politischen Dimensionen, es sind auch gesellschaftliche Fragen. Könnte, wenn die Menschen finanziell abgesichert sind, eine weitaus größere Kreativität ihren Lauf nehmen? Könnte sich dann nicht jeder Mensch frei entfalten? Oder wäre die Versuchung zu groß, sich in der sozialen Hängematte einzurichten?

Arbeit umgestalten, ein Versuchsmodel

Antje Stiegel legt Wert auf die Feststellung: „Ich bin heute als Privatperson hier.“ Stiegel arbeitet bei einem großen Berliner Unternehmen und begleitete dort ein auf vier Jahre angelegtes Model. Grund hierfür war die Mitarbeiterunzufriedenheit, zu wenig Spielraum für die eigenen Entfaltung. 100 Freiwillige suchten Stiegel und ihr Team im Betrieb. Diese freiwilligen Mitarbeiter sollten nun, frei von Führungsstrukturen, ihren Arbeitsalltag selbst organisieren. Für die Mitarbeiter, alle in der Produktfertigung, war das Ziel vorgegeben, der Weg dahin konnte von ihnen selbst gestaltet werden. Am Ende, erzählt Stiegel, hätten die Mitarbeiter nichts anderes getan als zuvor, sie haben aber selbst Organisation und Struktur in den Arbeitsprozess gebracht.

Bis es so weit war, mussten hohe Hürden genommen werden. Denn zwischendurch glaubte Stiegel schon, ihr Projekt sei gescheitert. Wieder suchte sie das Gespräch mit den Mitarbeitern und stellte erstaunliches fest. Die Menschen vermissten jemanden, der ihnen sagte, was richtig oder falsch sei. „Wir haben dann neu angefangen, die Mitarbeiter erst einmal befähigt eigene Entscheidungen zu treffen und Vertrauen zu entwickeln.“

Stiegel zieht daraus folgenden Schluss: „Partizipation ist nicht immer per se möglich. Die Menschen müssen dazu befähigt werden.“ Nach den vier Jahren war die Mitarbeiterzufriedenheit deutlich gestiegen, so Stiegel. Nicht zuletzt, weil sich alle gleichwertig fühlten.

Müller sieht im bedingungslosen Grundeinkommen keine soziale Hängematte, ganz im Gegenteil. Denn mit dem Grundeinkommen würden die sonstigen Sozialleistungen wegfallen, jeder übernimmt mehr Verantwortung für sich selbst. Müller hat auch hier bereits konkrete Zahlen dabei. 1.100 Euro pro Kopf, bei Kindern weniger, Rentner bekämen 1.375 durch ein Extra aus einem Existenzvermögen. Das ist mehr als der Hartz-4-Regelsatz und mehr als die Grundrente.

Müller rechnet vor, wie dies machbar wäre. Dazu würde er zum Beispiel die Vermögenssteuer wieder reaktivieren. Ansonsten beruhen die Berechnungen zu einem Großteil aus der Umverteilung von Geldern. „Es ist bezahlbar“, sagt Müller.

Interessant zum Thema: Das Projekt „Mein-Grundeinkommen.“ Hier kann man sich nicht nur über Menschen informieren, die mit dieser Aktion für ein Jahr ein Grundeinkommen gewonnen haben, man kann auch selbst ein solches Grundeinkommen gewinnen oder das Projekt unterstützen. Mehr auf mein-grundeinkommen.de

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2018 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG