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Fährgeschichten
Über die Fähre nach China

Die Ketziner Fähre in der Wintersonne.
Die Ketziner Fähre in der Wintersonne. © Foto: Wolfgang Balzer
Wolfgang Balzer / 30.12.2018, 13:48 Uhr
Ketzin/Havel Die Weihnachtstage und Silvester sind für „Charlotte“ keine Ruhetage, aber ruhiger als sonst geht es schon zu, so die Erfahrung von Uwe König, Jahrgang 1957. Seit knapp 24 Jahren steuert der gelernte Binnenschiffer und langjährige Schiffsführer die auch bei Touristen immer beliebter werdende Ketziner Fähre in rund dreieinhalb Minuten vom Ketziner Havelufer bis zur 180 Meter entfernten Schmergower Seite im Landkreis Potsdam-Mittelmark.

„Weihnachten und Silvester ist man eher so eine Art Alleinunterhalter, aber die herrliche Natur rundherum ist zu jeder Jahreszeit erlebenswert“, meint er. Im Sommer sei es dagegen in den letzten Jahren richtig stressig geworden, erzählt er während seiner Vorweihnachtsschicht. Dann seien es schon mal 450 bis 500 Radler, die er neben den Autos und Fußgängern in einer Schicht übersetzt. 23.000 zählte die städtische Statistik im Vorjahr.

Und auch der Sportbootverkehr sei erheblich gestiegen. Die Boote würden immer größer, hat er beobachtet. Dann heißt es höllisch aufpassen. Manche würden fahren, als ob es keine Vorfahrtsregel für die Fähre gäbe.

Eine kräftige Brise weht gerade über die Havel. „Südwind, ist o.k., kein Problem“, meint er. Nordost-und Ostwind könnte an Wintertagen schon mal Probleme bereiten und die treibenden Eisschollen die Fähre lahmlegen, weil die Anleger beiderseits der Fähre das Eis an den Ufern zusammenschieben und regelrecht stapeln würden, meinte der langgediente Fährmann. Und bei starkem Frost setzt sich Eis auf das 22 Millimeter dicke Stahlseil und auf die Umlenkrollen. Anfangs hilft noch, heißes Wasser langsam auf die vereisten Rollen laufen zu lassen – jahrelange Erfahrungen der Fährleute.

Aber bei einem eher unwahrscheinlichen Motorschaden mitten auf dem Fluss würde nichts mehr helfen, außer Selbstinitiative und die heißt Beiboot ins Wasser hieven, zum Ketziner Ufer rudern und mit dem Arbeitsboot versuchen, die Fähre ans Ufer zu schleppen. „Meistens gelingt das. Ansonsten würde auch das benachbarte Wasser- und Schifffahrtsamt helfen“, ist Uwe König froh. Schließlich sei die Fähre rein rechtlich ein Binnenschiff.

Seit dem Jahre 1375 heißt es in Ketzin/Havel „Fährmann hol über“. Im genannten Jahr ist das damals selten vergebene Fährrecht urkundlich erstmals erwähnt worden. Nur ein einziger Untergang ist in der Chronik vermerkt. Der fand am 24. April 1945 statt. An diesem Tage schloss die Rote Armee bei Ketzin/Havel den militärischen Ring um Berlin und sowjetischen Einheiten wollten auch mit Panzern über die Fähre nach Ketzin vorrücken. Gleich der erste versenkte sie, 35 Tonnen waren bei einer Tragfähigkeit von 28 Tonnen wohl doch zu viel.

Versenkt wurden auch bereits mehrere PKW. Die Fahrer hatten wohl die Hinweisschilder übersehen und landeten mit ihrem Gefährt in der eiskalten Havel. Glücklicherweise konnten sie sich selbst aus ihren Fahrzeugen befreien. Deren Bergung übernahm anschließend die Ketziner Feuerwehr.

Die Zuverlässigkeit, aber auch das Erlebnis, während der nur 210 Sekunden währenden Überfahrt die Natur genießen zu können, hat sich offensichtlich weit herumgesprochen und so erinnert sich in diesen Tagen Uwe König gern an etwas kuriose Fahrgäste, über die er noch heute schmunzeln muss. So der Fahrer eines kleinen einzylindrigen Treckers, der mit seinem Wohnwagen am Haken von Wien nach Finnland unterwegs war. Ein anderer sei von Spanien gekommen und wollte Europa bereisen. Oder die zwei Schweizer, die über Russland nach China radeln wollten und ein Tourist, der mit seinem Rucksack am Havelufer nächtigte, um mit der ersten morgendlichen Fähre überzusetzen und seinen Fußmarsch an die Ostsee fortsetzen zu können.

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