Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de
Logo Brandenburger Wochenblatt

Naturschutz
Zurück zum Ursprung

Silvia Passow / 13.03.2019, 15:56 Uhr
Falkensee "Für den Osthavelländer ist Nauen so eine Art Zivilisationsgrenze", sagt Rocco Buchta. Buchta ist Instituts-Leiter beim NABU (Naturschutz Bund) für Fluss- und Auenökologie. Er ist maßgeblich an der Renaturierung der Unteren Havel beteiligt und lebt selbst im "wilden Westen" des Havellandes. Am Montag berichtete Buchta in der Volkhochschule in Falkensee, über die Fortschritte der Mammutaufgabe.

Die Renaturierung der Havel ist Europas bedeutsamstes Flusssanierungsvorhaben. Aus einem kanalähnlichen Wasserweg soll wieder der Fluss werden, der er einmal war, mit Auen und Zulauf der Seitenarme, Altarme genannt. Das Projekt ist bereits weit fortgeschritten, die Ergebnisse kann sich jeder vor Ort anschauen. Buchta möchte hier einladen, sich den wiederbelebten Fluss anzuschauen, an seinen Ufern zu verweilen, die Landschaft zu erkunden und staunend zu genießen. Wer dabei ein wenig Zivilisation benötigt, kann den Fluss mit dem Ausflugsboot erkunden und hinterher die kulinarischen Reize des Westhavellandes ausprobieren.

Zu DDR-Zeiten wurde die Havel als Wasserstraße genutzt und entsprechend ausgebaut. Der Fluss wurde in ein Korsett aus Steinwällen gesteckt, Breite und Tiefe wurden den Bedürfnissen der Schifffahrt angepasst. In der Folge trockneten die zahlreichen Seitenarme des Flusses aus und verschlammten. Die Havel war kein Hochwasser-führender Fluss, statt steigender Wasserstände suchte sich das Wasser den Weg in die Breite und flutete die Auen. So war das zumindest mal, bevor die Wälle aus Stein dies verhinderten. Die Seitenarme wieder an den Fluss anschließen, die Ufer zurückbauen und die Auen wiederbeleben sind die Maßnahmen, die notwendig wurden, um aus der Schifffahrtsstraße wieder einen Fluss werden zu lassen.

Das gesamte Projektgebiet hat eine Größe von 18.700 Hektar und umfasst den gesamten Unterlauf der Havel, vom Kreis Havelland bis nach Stendal in Sachsen-Anhalt. Rund 40 Millionen Euro wird die Maßnahme kosten. Den Großteil der Kosten, 75 Prozent, übernimmt der Bund, 11 Prozent das Land Brandenburg, 7 Prozent das Land Sachsen-Anhalt und weitere 7 Prozent der NABU. Der NABU hat auch die Trägerschaft inne und konnte neben vielen privaten Spendern auch Sponsoren für das Projekt gewinnen. Buchta nennt die Familie Otto, den VW-Konzern und die Krombacher-Brauerei namentlich.

Bereits 1990 wurde das Areal als Naturschutzgebiet gesichert, 2005 begann man mit den Planungen, seit 2009 wird das Projekt vor Ort umgesetzt. 2025 soll die Untere Havel wieder ihren natürlichen Zustand erreicht haben. Für den NABU ist die Arbeit damit noch nicht getan. Für weitere zehn Jahre werden die Naturschützer die Entwicklung verfolgen und dokumentieren.

Es geht zügig voran

Für Buchta ist wichtig, alle Akteure, besonders die Betroffenen vor Ort, im Boot zu haben. Miteinander reden, mögliche Konflikte im Vorfeld benennen und Lösungen finden, mit denen alle Beteiligten gut leben können. "Aber nie Versprechungen machen, die nicht gehalten werden können", sagt er. Die Ergebnisse seiner Suche um diplomatische Lösungen lassen sich sehen. Bisher wurden von den 34 Altarmen der Havel neun wieder zu neuem Leben erweckt. 16 der kleinen Zuläufe werden gerade bearbeitet, 8 weitere sind in Vorbereitung. Von den 145 Hektar Auenland konnten 29 Hektar renaturiert werden, die weiteren 116 Hektar befinden sich in der Umsetzung.

Buchta, der nach eigener Aussage "quasi in einem Angelkahn zur Welt kam", kennt noch die Erzählungen seines Großvaters. Der habe in der Havel noch Stör und Lachs gefangen. Er selbst hielt das lange Zeit für ein Märchen, inzwischen hat er Hoffnung, die Fische könnten eines Tages wieder in der Havel heimisch werden.

Der wilde Westen

In der Havelniederung kommen laut NABU rund 1.100 stark gefährdete oder vom Aussterben bedrohte Tier- und Pflanzenarten vor. 250 Vogelarten wurden nachgewiesen, über die Hälfte von ihnen brütet auch dort. Rohrdommel, Tüpfelsumpfhuhn, kleines Sumpfhuhn, Uferschnepfe und Bekassine sind hier heimisch oder im Begriff es zu werden. Zu den Durchzüglern und Wintergästen gehören Saat- und Blessgänse, Kraniche, Kiebitze, Pfeifenten und Goldregenpfeffer. Idyllische Strände sind entstanden. Die untere Havel lässt sich zu Fuß, mit dem Rad, auf dem Pferd oder dem Kanu erkunden. Mit der Bahn bis Rathenow und auf geht’s. Wer mehr wissen möchte, findet im vom NABU betriebenen Besucherzentrum in Milow weitere Informationen. Der NABU bietet auch geführte Exkursionen an. Mehr auf www.nabu.de.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG