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Budget für Arbeit
Im Traumberuf angekommen

Bevor es in die Schuhe ging, wurde Martina Günther herzlich begrüßt. "Ich freue mich immer, wenn sie kommen", sagt die betagte Dame, die sich auch schon mal an die Schulter ihrer Pflegerin anschmiegt.
Bevor es in die Schuhe ging, wurde Martina Günther herzlich begrüßt. "Ich freue mich immer, wenn sie kommen", sagt die betagte Dame, die sich auch schon mal an die Schulter ihrer Pflegerin anschmiegt. © Foto: Silvia Passow
Silvia Passow / 22.04.2019, 09:00 Uhr
Falkensee "Moment, das muss ich unbedingt aufschreiben", sagt die 33-Jährige Martina Günther. Langsam schreibt sie, sehr sauber, auch ohne helfende Linien auf dem Papier. Erst die wichtige Information zu Papier bringen, dann alles weitere. Martina Günther arbeitet im ambulanten DRK (Deutsches Rote Kreuz) Pflegedienst, hilft bei der Betreuung betagter Menschen im sogenannten Service-Wohnen.

In dem Neubau in der Finkenkruger Straße leben mehr als 100 Menschen, etwas weniger als die Hälfte nutzt die Angebote des im Haus ansässigen Pflegedienstes. Seit Jahresbeginn gehört Martina Günther wirklich dazu, hat einen ganz normalen Arbeitsvertag unterschrieben. Altenpflege, ein harter Beruf, für dessen Ausübung sich weniger Menschen begeistern, als benötigt werden. Für Günther der Traumberuf. Günther ist erwerbsgemindert, hat eine Lernschwäche und ist chronisch lungenkrank. Dass sie nun dennoch einen regulären Arbeitsvertrag unterschreiben und arbeiten kann, verdankt sie neben der eigenen Courage dem Engagement zweier Frauen, die an sie glaubten und einer Neuerung im Bundesteilhabegesetz.

Mit dem Budget für Arbeit

in den ersten Arbeitsmarkt

Seit Januar 2018 können die Leistungen des Budgets für Arbeit abgerufen werden. Die Antragstellung erfolgt beim Integrationsamt des Sozialamtes. Doch bisher wurde dieses Angebot, dass helfen soll, Menschen mit Behinderung in reguläre Arbeitsverhältnisse auf den ersten Arbeitsmarkt zu bringen, kaum genutzt. Im Landkreis Havelland sind damit bisher drei Menschen mit Behinderung in den regulären Arbeitsmarkt gewechselt. Martina Günther ist eine von Ihnen.

Die Herausforderung

gemeinsam angegangen

Jeanette Kritzel, Bereichsleiterin Soziale Dienste beim DRK, sah zunächst ihr Unternehmen in der Pflicht, es mit Günther zu versuchen. Ein Praktikum schaffte Klarheit für beide Seiten. Denn für Kritzel stand die qualitative Versorgung ihrer Klienten an oberster Stelle. "Wir haben die Verantwortung für die Klienten." Qualität sicherstellen, das heißt, Günther musste sich ausbilden lassen. Im Sommer absolvierte Günther den 200 Stunden Pflege-Basis-Kurs, der für Kritzel die Grundbedingung zu Günthers Einstellung war. Kritzel sagt, sie habe viel Zeit und Geld in Martina Günther investiert. Sie sagt auch: "Es hat sich gelohnt. Wir haben eine hochmotivierte Mitarbeiterin bekommen. Frau Günther pflegt mit dem Herzen."

Das Team, die Klienten, Martina Günther, man hat sich eingespielt. Das ging nicht von jetzt auf gleich, sagen beide. Ohne den Einsatz von Nadine Fricke, auch da sind sich Kritzel und Günther einig, wäre das nicht gegangen. Nadine Fricke ist Fachberaterin für betriebliche Inklusion mit Sitz in Falkensee. Sie berät Firmen, die diesen Weg gehen und sie unterstützt die neuen Arbeitnehmer vor Ort. "Ohne Frau Fricke hätten wir das niemals gemacht", sagt Kritzel.

Fricke hilft mit den Anträgen, berät und ist häufig am Arbeitsort, schaut ob die Bedingungen für alle stimmen, sucht das Gespräch, passt an, wo es wackelt. Sie hat Martina Günther auf ihrem Weg ins Berufsleben begleitet. Praktikum, Ausbildung, regelmäßige Gespräche. Fricke ist da, wenn es brennt, meist sogar schon vorher.

Neben der Betreuung am Arbeitsplatz wirbt sie unermüdlich für das Budget für Arbeit. "Gerade der Fachkräftemangel ließe sich hier entschärfen", sagt sie. Viele Facharbeiter erledigen Arbeiten, die auch weniger qualifiziertes Personal übernehmen könnte. Hier sieht sie eine große Chance für Menschen mit Behinderung. Dennoch, drei sind nicht wirklich viel. Woran liegt das? "Unwissenheit", sagt Fricke, die regelmäßig in den Firmen das Budget für Arbeit vorstellt. "Viele Unternehmen kennen das Angebot gar nicht. Manche scheuen vor dem bürokratischen Aufwand zurück. Andere glauben, einen behinderten Mitarbeiter wird man so schnell nicht wieder los. Und dann gab es noch die eine Firma, die hatten Sorge um ihr Image. Sie wollten nicht, dass die Kunden denken, man bereichere sich zu lasten behinderter Menschen."

"Frau Günther ist hier nicht die Behinderte. Sie ist eine Mitarbeiterin, die besondere Aufmerksamkeit braucht", sagt Jeanette Kritzel, die weitere Menschen mit Behinderung an anderen DRK-Standorten einstellen möchte. Auch Martina Günther hat Pläne. Den Schulabschluss nachholen, den Führerschein machen, eine einjährige Ausbildung zur Altenpflege strebt sie an. Ihre erste "richtige" Gehaltsabrechnung hat sie kaum erfassen können. "Oh, so viel Geld", sagt sie.

Doch das ist es nicht allein. Günther, die früher nicht gern über Behinderung und Einschränkungen sprach, sieht da jetzt kein Thema mehr. Sie kennt ihre Schwächen, sie denkt sich Strategien aus, alles in Ruhe aufschreiben, ist eine davon. "Ich will beweisen, dass ich das kann", sagt sie fest, bevor sie sich umdreht. Die Arbeit ruft.

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