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Klärwerk
Seit 20 Jahren geklärte Verhältnisse

Silvia Passow / 08.07.2019, 12:06 Uhr
Wansdorf Im gewissen Sinne war jeder schon einmal hier, im Klärwerk Wansdorf. Oder besser das, das, was wir in die Freiheit entlassen, wenn wir auf dem stillen Örtchen das Knöpfchen drücken. Mit dem Wasser rauschen unsere Ausscheidungen in die Kanalisation, werden durch ein Labyrinth aus Röhren geleitet und landen dann schließlich im Klärwerk Wansdorf.

Da trifft dann alles zusammen. Maximal 40.000 Kubikmeter Abwasser können hier täglich geklärt werden. Geplant wird mit 4.000 Kubikmetern weniger, aber auch das ergibt eine Summe von 13,2 Millionen Kubikmeter im Jahr. In den 20 Jahren, in denen das Klärwerk die Abwässer der Region reinigt, sind 260 Millionen Kubikmeter Abwasser durch das Klärwerk in Wansdorf gelaufen. Das entspricht in etwa dem zehnfachen Volumen des Tegeler Sees.

Am 5. Juli feierte man in Wansdorf den 20. Geburtstag des Klärwerkes. Das Klärwerk Wansdorf ist ein Kooperationsprojekt der Gemeinden Falkensee, Hennigsdorf, Oranienburg, Velten und dem Trink- und Abwasserzweckverband Glien. Sie halten 51 Prozent der Gesellschaft. 49 Prozent halten die Berliner Wasserbetriebe, bei denen auch die Betriebsführung liegt. 1995 wurde das Klärwerk geplant, 1996 erfolgte die Gründung der Klärwerk Wansdorf GmbH und im gleichen Jahr auch die Grundsteinlegung. Ein Jahr später Richtfest. 1998 nahm das Klärwerk den Probebetrieb auf, am 5. Juli 1999 dann die feierliche Eröffnung. Geplant hatte man mit umgerechnet 60 Millionen Euro Baukosten, gekostet hatte es dann "nur" 50 Millionen Euro.

Anfangs kam ein Großteil der Abwässer aus Berlin, inzwischen ist das umgekehrt. Nun waren noch vor zwanzig Jahren bei weitem nicht alle Haushalte an das Abwassersystem angeschlossen, erinnert der ehemalige Bürgermeister von Oranienburg, Hans-Joachim Laesicke, zurück.

Früher war der Umgang mit dem Abwasser eher rustikal. Es gab Sammelgruben auf den Grundstücken, die nicht selten auch Sickergruben waren. Die Gruben wurden abgesaugt und der Inhalt auf sogenannte Rieselfelder gebracht. Bei Autofahrten, die an solchen Feldern vorbeiführten, nannte man die Gegend "Das Tal der gegenseitigen Verdächtigung", ob des ins Autoinnere einfallenden Geruchs. Oft sickerte der flüssige Teil durch die Gruben in die Erde. Feste Bestandteile (Achtung Kopfkino) wurden gern von den Grundstücksbesitzern als "humaner" Dünger auf die Gemüsebeete verbracht, erzählt Laesicke. Nicht selten landeten die ungeklärten Abwässer in den Flüssen, Seen oder Kanälen.

In Falkensee wurde die Erschließung 2009 im Wesentlichen abgeschlossen, sagt Thomas Zylla, Baudezernent der Stadt und auch unter den Gästen. In den Jahren 2000 bis 2018 wurden im Klärwerk 12 Millionen Euro investiert. Weitere Investitionen folgen, sagt Olaf Müller, Geschäftsführer der Klärwerk Wansdorf GmbH. So wird in den kommenden Jahren eine Prozesswasserbehandlungsanlage installiert. Sie soll helfen, noch mehr Stickstoff abzubauen.

Für die Klärwerke stellt die Reinigung des Abwassers durch Medikamente eine weitere Herausforderungen dar, denen man sich hier stellt. Mikroplastik, sagt Co-Geschäftsführerin Ulrike Franzke, sei dagegen kein Problem. Minimale Spuren im Klärschlamm kann sie nicht ganz ausschließen, doch anders als in anderen Klärwerken werde dieser hier nicht als Dünger an die Landwirtschaft weitergereicht.

Selbst mit verbundenen Augen wäre klar, wo man sich gerade befindet. Der strenge Geruch im Klärwerk entsteht durch die Faulgase. Diese weisen aber nicht nur einfach den Weg, immer der Nase nach, tatsächlich erfolgt im Klärwerk eine Umwandlung des Klärgases in Strom und Wärme. Letztere braucht es, um den Klärbetrieb auch im Winter am Laufen zu halten. Die fleißigen Mikroben, die hier ihren Anteil leisten, mögen es nicht kalt und somit wird das Abwasser bei Bedarf mit warmer Luft geheizt. 50 bis 60 Prozent des Energiebedarfs der Anlage kann mit eigener Energie abgedeckt werden.

Bevor das Abwasser als gereinigtes Wasser den Weg zurück in die Natur findet, muss es viele Stationen der Reinigung durchlaufen. In der ersten Stufe wird das Wasser grob gereinigt. Zwei Container fangen auf, was eigentlich nicht ins Abwasser gehört. Acht Tonnen fasst einer der Container, der nach drei bis vier Tagen gefüllt ist. Diese erste, mechanische Reinigung erfolgt in der sogenannten Rechenanlage.

Ein Blick hinein und man sieht jede Menge Tücher und ein Stück angebissene Wassermelone. Zur Melone kein Kommentar, die Tücher seien Feuchttücher, erklärt Arne Kuczmera, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit. Haushaltstücher, getränkte Pflegetücher, feuchtes Toilettenpapier, sie alle lösen sich nicht auf und werden in dieser Stufe aufgefangen. Besonders beeindruckend, ein Behältnis, in dem neben Klärschlamm auch einige hundert Wattestäbchen liegen. Es wurde, so Kuczmera, absichtlich nicht geleert, um zu zeigen, wie viele dieser Stäbchen in Toiletten landen.

Es folgen Sandfang, Vorklärung und biologische Reinigung. Beim Gang über das Gelände wird der beißende Geruch irgendwann von einer leicht frischen Note abgelöst. Tenside aus Waschmitteln vertreiben die beißende Schärfe. Erst wenn die Nachklärung erfolgt ist, darf das Wasser seine 1,4 Kilometer lange Reise zum Havelkanal antreten. Die Abwässer von 200.000 Menschen werden in Wansdorf gereinigt. Aus Brandenburger Sicht ist es damit ein sehr großes Werk. Aus der Berliner Perspektive ist es das kleinste der sechs Klärwerke unter der Federführung der Berliner Wasserbetriebe.

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