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Grüner Salon
Diskussion in Falkensee unter den Eindrücken des Mauerfalls

Die fast drei Stunden lange, lebhafte Diskussion mit Heiko Kohl (Moderation), Martin Burmeister, Monika Lazar und Dr. Manfred Wichmann im "Grünen Salon" in Falkensee.
Die fast drei Stunden lange, lebhafte Diskussion mit Heiko Kohl (Moderation), Martin Burmeister, Monika Lazar und Dr. Manfred Wichmann im "Grünen Salon" in Falkensee. © Foto: Silvia Passow
Silvia Passow / 09.11.2019, 07:45 Uhr
Falkensee Der Mauerfall jährt sich am 9. November zum 30. Mal. Dies nahm der "Grüne Salon" zum Anlass, zur Frage "Mauer im Kopf - Und wie weiter?" in Falkensee zu diskutieren. Der Schönwalder Pfarrer Martin Burmeister, die Grünen-Politikerin Monika Lazar und Dr. Manfred Wichmann, Sammlungsleiter und Kurator der Gedenkstätte Berliner Mauer, blickten auf die Zeit des Mauerfalls zurück und diskutierten gemeinsam mit den Besuchern über den Erfolg der Rechtspopulisten, die rasante Geschwindigkeit mit der Einheit und D-Mark gekommen waren und über den Zeitpunkt, ab wann die Mauer in den Köpfen endlich verschwinden würde und man gemeinsam in die Zukunft blickt.

Jeder weiß, wo er am

9. November 1989 war

Manfred Wichmann ist der "Wessi" auf dem Podium, verbrachte jene ereignisreichen Tage im Herbst 1989 in Niedersachsen, wo er auch geboren wurde. Er erinnert sich, dass nur wenige Wochen zuvor sein Cousin aus der DDR rübergemacht hatte, wie man sagte. Gemeint war die Flucht aus der DDR in den Westen. Wichmann erzählt, der junge Mann wäre grußlos von Zuhause verschwunden, hätte alles aufgegeben und zurückgelassen. Die Fassungslosigkeit in den Gesichtszügen seines Cousins wird er niemals vergessen, sagt er.

Monika Lazar war Anfang zwanzig, lebte in Leipzig und war aktive Umweltschützerin und bei den Demonstrationen in der DDR von Beginn an dabei. Auslöser für ihren Willen zur Veränderung waren die Kommunalwahlen im Mai 1989. Als Wahlbeobachterin erfuhr sie die Fälschung des Ergebnisses aus erster Hand. "Das war ein sehr prägendes Erlebnis", sagt sie. Sie ging weiter für Demokratie und Freiheit auf die Straße. "Die Einheit wollte ich damit nicht erreichen. Ich wollte, dass die DDR demokratischer wird", sagt sie. Martin Burmeister ist gebürtiger Pankower, übte im Herbst 1989 seinen Wehrdienst aus. Auch er war bei Demonstrationen dabei, erzählt er. Dann, ab Anfang November, spitzte sich die Lage in der Kaserne für ihn zu. Ausgang oder Urlaub werden nicht mehr gewehrt, Waffen und Fahrzeuge werden auf Einsatztauglichkeit geprüft und Burmeister stellt sich die bange Frage: "Kommt der Befehl, müssen wir raus, auf die eigenen Leute schießen? Und was mache ich dann? Nicht einsteigen, vom Wagen springen, die Waffe vergessen?" Burmeister musste, Gott sei Dank, keine Antwort auf diese Frage finden.

Nun sitzen sie alle in Falkensee am Gutspark zusammen und versuchen, Antworten auf die Fragen zu den Mauern im Kopf zu finden. Für Lazar ist der Erfolg der Rechtspopulisten im Osten dramatisch und doch erklärbar. Sie beschreibt, wie nach dem Fall der Mauer westliche Parteien und Gruppierungen in den Osten kamen. Darunter auch Parteien mit fremdenfeindlichem Gedankengut "Die haben gezielt missioniert und viele der Ost-Deutschen waren dafür empfänglich, die Anschlussfähigkeit an rechte Tendenzen war im Osten bereits da", sagt sie.

Die Aktivistin Lazar wird ungehalten, wenn sie die Plakate der AfD mit dem Slogan: "Vollende die Wende" sieht. "Höcke, Kalbitz, die stellen sich mit diesem Spruch als die Rächer der Enterbten dar. Das ist rotzfrech. Die waren beide nicht dabei, kommen beide aus dem Westen", sagt Lazar. Den Zulauf der Rechtspopulisten erklärt sie mit dem, was sie "pubertäres Wahlverhalten" nennt. "Wenn die einen Politiker nicht die gewünschten Ziele erreichen, dann müssen das eben die anderen schaffen", erklärt sie. Dabei werde der Politiker zunehmend als eine Art Dienstleister verstanden.Die Politik als Dienstleistung sieht auch Wichmann kritisch. "Politiker als Problemlöser, der Wähler wird zum Konsumenten. Dabei wird übersehen, dass jeder Bürger eine Verantwortung für die Gesellschaft hat, in der er lebt." Politik sei kein Problemlöser. Es sei ein Prozess, der den gesellschaftlichen Wandel begleite. Dieser Wandel  sei so schwierig, weil er so schnell ging und immer noch geht, so Wichmann. Ob nun damals für die Ost-Deutschen oder heute für alle. "Die Globalisierung macht uns alle fassungslos, der Wandel ist unglaublich schnell geworden."

Lazar plädiert für eine verständlichere Sprache in der Politik und Kompromisse müssten den Bürgern besser erklärt werden. Sie wünscht sich, Politiker würden ihre Fehler eingestehen. Fehler eingestehen, sagt Burmeister, sollten auch die Wähler. Man habe damals zwar für die Demokratie gekämpft, sie aber nicht umgesetzt, und stattdessen das West-Deutsche übernommen, so Burmeister. "Das waren die Leute selbst, die Wähler. Nur wollen die heute nichts mehr davon wissen." "Ja, das ging alles sehr schnell und viele wollten einfach nur Helmut Kohl und Westgeld", sagt Lazar. "Wir waren dann irgendwie Bundesrepublik. Allerdings fehlte uns das Grundlagenwissen, wie eine Demokratie aufgebaut wird", fügt sie hinzu. Zu der Frage, warum viele  Waren, die im Osten hergestellt wurden, den Mauerfall nicht lange überlebten, hat Lazar eine Antwort. "Weil nach der Währungsunion die Leute ihr Geld nicht mehr für Ost-Produkte ausgeben wollten." Sie weiß wovon sie spricht, ihre Eltern betrieben eine Bäckerei. "Die erste Woche nach der Währungsunion hätte die gar nicht öffnen müssen. Da kam keiner. Niemand wollte die Westmark für den bekannten Kuchen oder das Brot ausgeben", erinnert sie sich zurück. "Ja, es wurden auch viele Ost-Deutsche über den Tisch gezogen", sagt sie. Jede Münze, auch die Westmark, hätte zwei Seiten. Die Besucher der Veranstaltung hatten viele Fragen, trugen neue Denkanstöße und Betrachtungsweisen in die Diskussion. Besonders jene, die den Fall der Mauer als Kinder oder Teenager erlebten, trieb die Frage um, wann wir die Grenzen im Kopf überwunden haben und gemeinsam in die Zukunft schauen.

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