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Olympisches Dorf in Elstal
Über allem liegt der Hauch Olympias

Silvia Passow / 02.12.2019, 06:15 Uhr
von Silvia Passow Wer mag diesen Krug zuletzt in Händen gehalten haben? Wessen Blick fiel zuletzt auf das Geschirr und war es da bereits zerbrochen oder folgte die Zerstörung erst später, nachdem, wer und warum auch immer, das Geschirr unter einem Baum vergrub? Marco Voigt ist Projektleiter im Olympischen Dorf in Elstal, einer Baustelle, die keine normale sei, wie er sagt. Die ihn reizte und bis heute fasziniert - und die aus ihm einen Hobby-Archäologen werden ließ.

Voigt untersucht die Baugruben, hält schon mal einen Laster auf, der Erde abfahren will. Er sammelt die Scherben, reinigt sie, setzt sie in seiner Freizeit wieder zusammen. Später einmal, wenn das Speisehaus der Nationen wiederaufgebaut ist, Menschen sich diesen Ort zurückerobern, mit Leben, Liebe und Träume füllen, dann werden die Stücke dort zu sehen sein. Investor Erik Roßnagel möchte in dem Gebäude einen Museumsteil einrichten.

Das Olympische Dorf wurde für die Olympischen Spiele von 1936 erbaut. Die Spiele sollten für Frieden und Harmonie der Völker stehen, so der olympische Gedanke und gleiches betonten auch die Erbauer des Dorfes vor den Toren Berlins. Doch das war schlicht gelogen, dem Nazi-Regime, das hier baute, war Harmonie ein Fremdwort und bereits beim Bau flossen die kriegerischen Absichten ein. Das Olympische Dorf war nicht mehr als Theater für die Welt, eine Bühne, bei deren Errichtung bereits der nächste Akt eingeplant wurde.

Besonders gut sichtbar wird dies am Speisehaus der Nationen, dem Herzstück des Dorfes. Wie Requisiten auf einer Theaterbühne bedurfte es nach Beendigung der Spiele nur kleinerer Umbauten und fertig war das Lazarett. Nach dem Krieg nutzte die sowjetische Armee das Gelände. Nach deren Abzug fiel das Dorf in einen Dämmerschlaf. Die DKB-Stiftung hat sich des Dorfes angenommen und bietet Besichtigungen auf einem Teil des Geländes an. Auf der anderen Seite baut und saniert Erik Roßnagel mit seiner Firma terraplan seit September 2018. Seitdem bietet er, gemeinsam mit der Gemeinde Wustermark, auch immer wieder Touren über das Gelände an. Die letzte, Mitte November, war mit etwa 150 Besuchern gut nachgefragt, sagt Bürgermeister Holger Schreiber (parteilos). Schreiber wuchs in Wustermark auf, mit dem Olympischen Dorf hängen viele seiner Kindheitserinnerungen zusammen. Beim letzten Ortsbesuch waren viele der älteren Einwohner der Gemeinde dabei. "Die waren erstaunt und begeistert, von dem, was sie hier sahen", fügt er hinzu.

"Wenn du hundert Häuser baust und beim ersten feststellst, dies oder das geht nicht, dann weißt du das und kannst dieses Wissen bei den anderen neunundneunzig Häusern anwenden. Denkmalsanierung funktioniert anders, man lernt viel, übertragen lässt sich davon das Wenigste", sagt Roßnagel, der in seiner Laufbahn schon vielen historischen Gebäuden zu neuem Glanz verhalf. Seit 2013 ist er nun regelmäßig in Elstal.

Inzwischen führt eine neue Straße vom Kreisverkehr Elstal ins Olympische Dorf. Wer von hier das Dorf betritt wird linker Hand den ersten Neubau erblicken. Rechts stehen die Blockbauten, deren obere Etagen sollen abgetragen und die Häuser saniert werden. Der Abschnitt wird noch etwas warten müssen. Step by Step, sagt Roßnagel, der mit der "Einen-Schritt-nach-dem-anderen-Philosophie" immer gut gefahren sei, wie er sagt. Wer saniert muss ohnehin Zeit mitbringen und warum das so ist erklärt Roßnagel gern.

Zunächst musste das gesamte Gelände auf Kampfmittel und Altlasten untersucht und entsprechend bereinigt werden. Für das Olympische Dorf gab es so gut wie keine Baupläne, weshalb ein sogenanntes verformungsgerechtes 3D Aufmaß genommen wurde. Diesem technischen Aufwand folgte die Materialanalyse, zum Beispiel der Decken und Stützen. Weiter ging es mit dem Erstellen von bauhistorischenund bauphysikalischen Gutachten. Dabei geht es um Schall- und Wärmeschutz. Den Zustand der Statik bewertet ein weiteres Gutachten. Wenn alle Gutachten eingeholt sind, geht es an die Planung.

Bevor die Sanierung so richtig beginnt, geht es an die Dekontaminierung und die dauert schon mal ein Jahr. "Das Speisehaus ist ein Stahlbetonskelettbau, das bedeutet Betondecken, die auf Stahlbetonstützen liegen. Um die Betonkonstruktion sanieren zu können, müssen erst mit giftigen Materialen, wie zum Beispiel Teerpappe, bleihaltige Anstriche und belastete Leichtbauwände sowie der Estrich entfernt und entsorgt werden. Das hat für das Speisehaus aufgrund der großen Menge etwa ein Jahr gedauert. Zum Schutz des Gebäudes wurde dann als nächstes das Dach abgedichtet. Die Betonsanierung erfolgte durch Freilegen des Bewehrungsstahls. Nach dessen mühsamer Reinigung folgt das Auftragen von Spritzbeton, Schicht für Schicht", erklärt Roßnagel.

Dazu kommt, dass Roßnagel so wenig Kunststoff wie möglich verbauen möchte. So sind zum Beispiel die Fenster in Holzrahmen eingebettet. Eines der großen Fenster schlage mit 5.000 Euro zu Buche, sagt Roßnagel. Im Speisehaus werden rund 800 Fenster verbaut, nicht alle sind groß, aber alle haben einen Holzrahmen.

Wer saniert muss kreativ sein. Das historische Treppenhaus wird fachgerecht aufgearbeitet, doch eigentlich ist es zu groß, sagt Roßnagel. Es wird nun Teil einer Wohnung auf zwei Ebenen sein. Die Wohnungen, die Roßnagel als zu dunkel empfindet, werden mit Saunen aufgewertet. "Man muss kreativ sein und es wird immer jemanden geben, der das auch mag", sagt Roßnagel. Denkmal-Sanierungen sind aber auch deshalb so kostenintensiv, weil die Räume in den alten Häusern oft sehr viel höher sind als in Neubauten. Das schmälert den Erlös auf den Quadratmeter gerechnet. Im Speisehaus der Nationen sind bereits alle Wohnungen verkauft. Zum Speisehaus gehört auch die Sanierung des alten Heizhauses, jetzt Haus Central genannt. Sie bilden den Bauabschnitt eins in den Roßnagel mit terraplan inzwischen 21 Millionen Euro investiert hat.

Roßnagel ist es gelungen, im Speisehaus einen Energiestandard wie in einem Neubau zu erreichen, sagt er. Im Moment wird ordentlich im Innenhof gebaggert, die Tiefgarage wird ausgehoben. Wenn 2021 die Arbeiten an den Blockbauten beginnen, werden da unten vielleicht schon die Autos der Mieter stehen.

Insgesamt entstehen mit dem Projekt G.O.L.D Gartenstadt Olympisches Dorf von 1936 Wohnungen von 45 bis 200 Quadratmetern in verschiedenen Preiskategorien, dazu familienfreundliche Stadthäuser.

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