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Sorge um die vier Wände
Mieterinitiative Elstal fürchtet steigende Mieten

Mieterinitiative Elstal: Dietmar Wiegand und Harry Barth am Eulenspiegel-Denkmal in der Eulenspiegel-Siedlung in Elstal.
Mieterinitiative Elstal: Dietmar Wiegand und Harry Barth am Eulenspiegel-Denkmal in der Eulenspiegel-Siedlung in Elstal. © Foto: Silvia Passow
Silvia Passow / 20.12.2019, 11:11 Uhr
Elstal Das Fass lief für Harry Barth langsam aber stetig über. Es begann im letzten Sommer mit dem Gerücht, dass die Eulenspiegelsiedlung in Elstal verkauft werden sollte. Nachbarn sprachen darüber und fast immer schwang auch Angst und Sorge in diesen Gesprächen mit, erzählt Barth. Wer nun tatsächlich Eigentümer der Siedlung sei, das wisse er nicht. Er habe nur Kontakt zur Hausverwaltung, hier geht auch die Miete hin.

Zwei Mieterhöhungen hat Barth in den vergangenen fünf Jahren erhalten. Die letzte kam im Januar und hatte es in sich. 20 Prozent mehr zahlt er seitdem für seine Wohnung. Barth war nicht der Einzige, der eine saftige Mieterhöhung im Briefkasten vorfand. Auch sein Freund und Nachbar Dietmar Wiegand zahlt seit Jahresanfang 20 Prozent mehr Miete. Die ersten Nachbarn, erzählt Barth, seien bereits ausgezogen. Er erinnert sich an eine alleinerziehende Mutter, die mit ihrem 30-Stunden-Job die Miete nicht mehr stemmen konnte. Wiegand sagt, er zahle jetzt 7,80 Euro kalt für den Quadratmeter. Der Mietspiegel Wustermark geht von 10 Euro Miete pro Quadratmeter aus - ein Mittelwert aus Kalt- und Warmmiete. Die im Mietspiegel aufgeführten Tabellen zeigen, dass seit 2015 die Mieten in Wustermark deutlich steigen. 2011 zahlte man für eine 60 Quadratmeter große Wohnung im Schnitt 5,51 Euro für einen Quadratmeter, 2018 waren es für eine Wohnung gleicher Größe 7,92 Euro pro Quadratmeter.

Barth und Wiegand befürchten, dass sich mit dem Bau teurer Wohnungen die Mietspirale weiter nach oben dreht. Deshalb gründeten sie im Mai die Mieterinitiative Elstal. Dreizehn aktive Mitglieder aus verschiedenen Elstaler Wohnlagen gibt es. Die Initiative beobachtet, wie an vielen Standorten in Elstal gebaut wird und recherchiert anhand der Angaben auf Bauschildern und holt sich Informationen aus den Auftritten der Firmen im Internet. Es seien überwiegend teure Wohnungen, die entstehen würden, sagt Barth.

Die Mieterinitiative Elstal sieht diese Bauaktivitäten kritisch, sie positioniert sich gegen die Verdichtung von Wohnraum. "Wir sind nicht grundsätzlich gegen Wohnungsbau, aber es muss auch sozialverträglicher Wohnraum dabei sein", sagt Barth. "Die Mieten müssen zu den Arbeitsplätzen und dem, was man in der Region verdient, passen", fügt Wiegand hinzu.

Besondere Sorge bereitet den Beiden, dass viele der Bauvorhaben, ob nun Neubau oder Sanierung, von den Unternehmen Deutsche Wohnen und Vonovia durchgeführt werden. "Denen geht es allein um Rendite, um das Geld", sagt Barth. Der 60-Jährige lebt seit zwanzig Jahren in der Eulenspiegelsiedlung und hat nun Sorge, verdrängt zu werden. Er sieht diese Gefahr für viele alteingesessene Elstaler. Und er sagt: "Die Verdrängung hat bereits begonnen."

Die Deutsche Wohnen und Vonovia sind Riesen unter den Wohnungsunternehmen. Vonovia gehören 400.000 Wohnungen in Deutschland. Die Deutsche Wohnen besitzt 163.000 Wohnungen, die meisten davon in Berlin. Mitte Dezember bot die Deutsche Wohnen auf ihrer Internetseite zwei Mietwohnungen in Elstal an. 87 Quadratmeter am Karl-Liebknecht-Platz für 1.087 Euro warm und eine Wohnung im Kiefernweg, 110 Quadratmeter für 1.500 Euro, werden angeboten. Das entspricht einem Preis von 12,50 Euro beziehungsweise 13,60 Euro pro Quadratmeter.

Bürgermeister Holger Schreiber (parteilos) versichert, dass die Gemeinde Wustermark sich mit der Situation intensiv beschäftige. Einer der wichtigsten Schritte wäre es hier, die entsprechenden Fördermittel zu beantragen, sagt Schreiber. Und er versichert, ein gesunder Einwohnermix sei ihm in allen Quartieren wichtig. "Mein Ziel ist es, in jedem Quartier, auch im Olympischen Dorf, dafür Sorge zu tragen, dass sich der durchschnittliche Wustermarker Einwohnermix jeweils wiederfindet, also Wohnraum für jede finanzielle und soziale Gruppe jeden Alters", sagt Schreiber. So solle gesichert werden, dass ausgewogene und lebendige Wohnquartiere eine dauerhaft hohe Lebensqualität bieten.

Auch die Unternehmer der Region, die qualifizierte Arbeitskräfte suchen, möchten attraktiven Wohnraum in der Umgebung haben. Manche, wie zum Beispiel Robert Dahl, wenden eigene Strategien an. Laut Schreiber plant Dahl bei der Entwicklung seines Feriendorfes ein sogenanntes Werkswohnungssystem.

Wie bereits während der Investorenrunde angekündigt, will die Gemeinde ihre Zusammenarbeit mit der GWV (Wohnungsbau- und Verwaltungsgesellschaft) Ketzin ausbauen. Hier würden Wohnungen zu sehr akzeptablen Mieten angeboten, sagt Schreiber. Ziel könnte sein, auch Bereiche aus dem Bauabschnitt zwei im Olympischen Dorf durch die GWV Ketzin bewirtschaften zu lassen. Aufgrund der hohen Anforderungen und Baupreise sieht Schreiber Probleme im Neubau. Daher ist es ihm wichtig, mit öffentlichen Förderungen die Bauunternehmen zu unterstützen um Kaltmieten von 5,50 bis 7 Euro pro Quadratmeter anbieten zu können.

"Um gerade die Bestandsmieter in unserer Gemeinde gegen unverhältnismäßig hohe Mietpreiserhöhungen zu schützen, ist es aus meiner Sicht unbedingt notwendig, auch neuen Wohnraum zu schaffen, vor allem im Bereich kleinerer und barrierearmer zwei bis drei Zimmerwohnungen", sagt Schreiber. Der Bürgermeister sieht einen hohen Bedarf an gerade solchen Wohnungen. Die wenigen Wohnungen in dieser Größe wirkten sich auf die Mieten aus, so Schreiber.

Die Mieterinitiative Elstal hat derweil über Open-Petition eine Online-Petition mit dem Titel "Sozialen und bezahlbaren Wohnraum im Havelland erhalten und fördern" gestartet. Bis zum 28. Dezember kann unterschrieben werden. Und sie möchten mit dem Bürgermeister ins Gespräch kommen, sagen sie. "Wir würden sehr gern mit dem Herrn Bürgermeister zusammen an einer Lösung des Problems arbeiten. Unser Engagement soll keineswegs als Anschuldigung verstanden werden", erklärt Barth.

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