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Sacrower Heilandskirche
Wie in Paaren-Glien die Apostel gerettet wurden

Silvia Passow / 11.01.2020, 13:45 Uhr
Paaren-Glien/Potsdam "Ich dachte, das taugt doch nur noch fürs Lagerfeuer", erinnert sich Erwin Bathe an jenen Tag im September 1984. Grenzsoldaten hatten ihren Werdau 50, auch W 50 genannt, vor der Dorfkirche in Paaren-Glien abgestellt. Aus dem in der DDR gebräuchlichen Lastkraftwagen entluden sie zwei Holzkisten, ein Taufbecken und allerhand anderes Utensil. Der Pfarrer der Gemeinde, Hartmut Kurschat, klärte Bathe und jene anderen Helfer, die er eiligst zu sich gerufen hatte, auf. In den Kisten befänden sich die zwölf Apostel aus der Sacrower Heilandskirche. So dachte er wenigstens. Tatsächlich waren es eher Holztrümmer, die bei Bathe eben jenen Gedanken an Feuerholz hervorriefen.

In einem Aktenvermerk steht zu lesen, dass von den ursprünglich zwölf Aposteln noch sieben in Fragmenten erhalten waren. Dazu wurden etwa 40 größere Einzelteile und ein Korb mit Holzresten übergeben. Bathe sagt, der Pfarrer und auch er selbst waren entsetzt. Den Aposteln fehlten teilweise die Gesichter. "Sie wirkten wie frisch eingeschlagen", sagt Bathe. Bathe ist noch heute überzeugt, dass die Schäden an den Aposteln auch, aber nicht nur, Wind und Wetter geschuldet waren.

Die 1844 fertiggestellte Heilandskirche bei Sacrow hat diesen Hauch einer melancholischen, geheimnisvollen Schönheit, ein Ort der Ruhe. Als Deutschland geteilt wird, Zäune, Stacheldraht und Mauern die Trennung endgültig werden lassen, da wird die Kirche kurzerhand zum Teil der Sperranlagen. Am Heiligen Abend 1961 findet die letzte Messe statt, dann darf die Gemeinde nicht mehr in ihre Kirche, die nun Teil des Todesstreifens ist. Die Kirche wird dem Verfall überlassen, das marode Dach bietet bald keinerlei Schutz mehr. Karsten Knuth, der heute die Besucher in der Kirche empfängt und allerhand über das kirchliche Kleinod zu erzählen weiß, zeigt ein Foto, auf dem die Verwüstung sichtbar wird. Als wäre ein Tornado durch das Gotteshaus gefegt. Und voller Stolz führt er durch die kleine Kirche, zeigt die zwölf Apostel, die wieder hoch oben unter der Decke der Heilandskirche stehen.

Ein Pfarrer als rettender Engel

In Paaren ist man sich noch heute einig, die Rettung der Apostel ist Pfarrer Kurschat zu verdanken. Der hatte, als er Anfang der 1980er Jahre die Kirchengemeinde in Paaren übernahm, erst einmal nur den Gedanken verfolgt, seine Kirche zu verschönern. Paaren im Glien verfügt über eine erstaunlich große Kirche und man bekommt rasch der Eindruck, dem Bauherren sei beim Bau das Geld knapp geworden - für eine Innenausstattung hat es nicht mehr gereicht. Das wurmte den Pfarrer und er erkundigte sich beim zuständigen Baurat, ob es da nicht etwas zur Verschönerung im Inneren der Kirche gäbe. Zwei Wochen später hielt besagter W 50 vor der Kirche. Zwar entpuppte sich das angekündigte Taufbecken aus Sandstein als eine kunstvolle Marmorarbeit, doch die Apostelfiguren waren in einem jämmerlichen Zustand, teils als solche nicht mehr zu erkennen und es wurde bald klar, sie würden auch nicht alle zu retten sein.

Dokumente aus der Zeit belegen, dass es absolut nicht sicher schien, dass die von Jacob Alberty aus Lindenholz gefertigten Statuen gerettet werden könnten. Pfarrer Kurschat gab aber so schnell nicht auf, lud die geschundenen Apostelfiguren in seinen Wartburg und fuhr nach Berlin, zur VEB Dankmalschutz. "Das war damals ein großes Glück, dass die Restauratoren sofort erkannten, was für ein Schatz da vor ihnen lag", sagt Bathe. "Die waren sofort Feuer und Flamme und wollten die Apostel retten", erinnert er sich weiter.

Dafür brauchte es dann allerdings Geld und das war in der DDR, noch dazu für kirchliche Belange, nicht so leicht zu beschaffen. Bathe, der in Paaren jahrelang Bürgermeister war, hatte Beziehungen, sein Bruder Werner ebenso und Pfarrer Kurschat konnte mit Charme und guten Argumenten nicht nur Apostel versetzen. Wenn Bathe heute davon erzählt, schüttelt er immer wieder ungläubig den Kopf und lacht dabei. "Dass es uns damals in der DDR gelungen ist, Geld für die Restaurierung von Kirchengütern zu bekommen, darüber staune ich heute noch", sagt Bathe mehr als dreißig Jahre später.

100.000 Mark konnten die Paarener der DDR für die Restaurierung der Apostel abringen. Inzwischen hatte die Gemeinde Paaren die Leihgabe auch schriftlich erhalten, allerdings nur bis zu dem Tag, an dem die Sacrower Heilandskirche wieder in den Dienst gestellt werden würde. Daran glaubte in Paaren zunächst niemand. "Wir dachten, das ist reine Formsache"; erinnert sich Bathe. Die Restaurierung verzögerte sich indes, weil die Arbeiten zur 750-Jahrfeier in Berlin die Denkmalschützer vollständig auslastete. Und dann kam, was man in Paaren nicht für möglich gehalten hatte, die Wende. Fünf Apostel waren inzwischen restauriert und sie waren Paarens ganzer Stolz. Dennoch, sie wurden zurückgegeben und bis 1992 wurden zwei weitere Apostel restauriert.

Karsten Knuth sagt, das sei den Paarenern hoch anzurechnen, dieser Einsatz und die anstandslose Rückgabe. "Solche Rückgaben von Kulturgut finden ja leider nicht immer statt." Wie wichtig den Sacrowern ihre Kirche ist, konnte man bereits 1989 sehen. Nur wenige Wochen nach dem Mauerfall wurde der Heilige Abend in der kärglichen und strapazierten Kirche gefeiert.

Seit 2002 stehen wieder zwölf Apostel in der Sacrower Heilandkirche und begleiten die Gottesdienste, die hier seit 1995 wieder regelmäßig stattfinden. Die Konsolen, auf denen die Apostel stehen, wurden nachgebildet. Die Reihenfolge, in der sie ursprünglich aufgestellt waren, war nicht mehr nachvollziehbar. Von 1993 bis 95 wurde der Innenraum der Kirche aufwendig restauriert. Bemerkenswert war die Restaurierung des Äußeren des Kirchengebäudes, die in den Jahren 1984 und 1985 stattfand, also noch während des DDR-Regimes. Spendengelder aus West-Berlin hatten dies möglich werden lassen.

Vierzehn Apostel

Die zwölf Apostel sind also zurück in Sacrow. Dennoch, so ganz schmucklos blieb die Kirche in Paaren nicht zurück. Petrus und Philippus stehen als Replik in der Dorfkirche. Für die zwei stummen Zeugen der Geschichte sorgte wiederum Pfarrer Kurschat. Er orderte die beiden Repliken, schließlich sollte die Kirche nicht schmucklos zurückbleiben. Und da stehen sie nun, Petrus und Philippus, rechts und links des Altars in Paaren-Glien.

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