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Geiselnahme in Falkensee
Angeklagter muss 5 Jahre in Haft

Für fünf Jahre muss ein Mann wegen Geiselnahme, Freiheitsberaubung und gefährlicher Körperverletzung in Falkensee hinter Gitter, entschied das Landgericht Potsdam am Montag.
Für fünf Jahre muss ein Mann wegen Geiselnahme, Freiheitsberaubung und gefährlicher Körperverletzung in Falkensee hinter Gitter, entschied das Landgericht Potsdam am Montag. © Foto: Manuela Bohm
Ingmar Höfgen / 20.05.2020, 06:05 Uhr - Aktualisiert 20.05.2020, 10:43
Falkensee/Potsdam (MOZ) Für fünf Jahre muss ein Mann aus Kroatien wegen Geiselnahme, Freiheitsberaubung und gefährlicher Körperverletzung in Falkensee hinter Gitter. Nach den Feststellungen des Landgerichts Potsdam, das den 37-jährigen Julica E. am Montag zu dieser Strafe verurteilte, war er mit anderen Männern im Mai 2019 in ein Wohnhaus nahe der Stadtgrenze zu Berlin eingedrungen und hatte die Bewohnerin gefesselt, geschlagen und ihr mit einem Messer in den Hals geschnitten. Im Haus hatte er auf ihren Verlobten warten wollen. Das gelang ihm nicht: Als sie die von den Nachbarn herbeigerufene Polizei kommen sahen, flüchteten der Angeklagte und ein weiterer Mann.

Ehe Julica E. das Haus in Falkensee ansteuern konnte, beging er nach Ansicht der Richter eine weitere Straftat: Er zwang zwei andere Männer vom Balkan, die möglicherweise die richtige Adresse kannten, sich in einem Wald auszuziehen, und hielt ihnen eine Schreckschusspistole an den Kopf. Unter diesem Druck verriet einer schließlich die Adresse. Auch diese Scheinhinrichtung wurde am Montag mitbestraft. Rechtskräftig ist das Urteil noch nicht. Julica E. hatte gestanden, jeweils vor Ort gewesen zu sein, wollte sich wegen eines hohen Alkoholpegels aber nicht mehr an Einzelheiten erinnern können. Insgesamt, so die Richter, hatte E. vier Personen körperlich verletzt.

Die möglichen ökonomischen Hintergründe der schwerwiegenden Taten blieben im Laufe der nur drei Verhandlungstage weitgehend unbekannt. Auch Polizisten, die in dem Komplex ermittelt hatten, konnten keine Ideen präsentieren. Die geschädigte Frau schwieg, um ihren Verlobten nicht zu belasten. Von den verschiedenen Geschichten, die vom Angeklagten und von Zeugen immer wieder präsentiert worden waren, wollte die 3. große Strafkammer keine so recht glauben.

Hier finden Sie nähere Informationen zum Prozessauftakt

Zuletzt hatte der Angeklagte erzählt, dass er im Haus auf seinen Geschäftspartner "Mike" warten wollte. Ihm habe er angeblich 25.000 Euro in bar gegeben, um einen Bauauftrag in Berlin zu bekommen. Weitere 90.000 Euro in bar habe er ihm übergeben, um zwei Baumaschinen für seinen Betrieb in Kroatien zu kaufen. Aber die Maschinen, die wiederum einem anderen gehörten, seien nie bei ihm angekommen, auch den Bauauftrag habe er nicht bekommen. Die Nachfragen der Staatsanwaltschaft, die letztlich ohne substantielle Antwort blieben, ließen nicht lange auf sich warten: Quittungen? Verträge? Schmiergeld? Und wo ist die Umsatzsteuer? Dazu kam der Umstand, dass der Angeklagte weder den Nachnamen noch die Adresse von "Mike" kannte, dem er ohne Absicherung mehr als 100.000 Euro übergeben haben wollte. "Wirklichkeitsfern", urteilten die Richter.

"Mike" wiederum hatte vor Gericht erklärt, dass eine fehlgeschlagene Überweisung letztlich für die Spannungen sorgte. Danach habe er ein Konto gesucht, auf das ein Kaufpreis von 24.000 Euro überwiesen werden könnte, weil sein Konto gesperrt sei. Das fand er schließlich. Das Geld kam aber nie an. Wie und warum E. dann aus Kroatien nach Deutschland und ins Spiel kam, blieb offen. Auch das wirke konstruiert und wenig nachvollziehbar, so die Richter, die auch einer anderen Variante nicht folgen wollten. Diese hatte der scheinbar Hingerichtete, der als Nebenkläger auftrat, präsentiert. Er verriet letztlich die Adresse. Streit habe es nicht gegeben,sagte er, aber es ging um Prozente – wohl an der Summe. Warum der Mann trotz vieler Schläge lange nicht die Adresse von "Mike" verraten wollte, wo es angeblich doch keinen Streit gab, konnten die Richter nicht nachvollziehen. Für Richter Bodo Wermelskirchen "deutet es auf eine eingehende Verstrickung" des Mannes hin, dem E. versprach, 3.000 Euro Schadensersatz zu zahlen.

Die Richter glaubten "am ehesten" der Version aus einem anonymen Schreiben, nach dem ein "Mike" Konten in Deutschland sucht, um Gelder zu transferieren und hier in bar abzuheben. Bei Schwierigkeiten würden Personen aus Kroatien kommen, die sich kümmern. RichterWermelskirchen sprach von "geldwäscherelevanten Vorgängen". Eine andere Idee zur Ökonomie hatte der Staatsanwalt präsentiert, der neun Jahre Haft gefordert hatte. Er sprach von einer "Nigeria-Connection", die unter einem Vorwand Geld eintreibe, das dann "in Schwarzafrika versickert".

Julica E., dessen Anwalt nach Gerichtsangaben eine vierjährige Bewährungsstrafe und die Aufhebung des Haftbefehles gefordert hatte, war kein unbeschriebenes Blatt. Sechs Strafen aus seiner kroatischen Heimat, alle im Zusammenhang von Diebstahl, Erpressung und Gewalt, waren im deutschen Bundeszentralregister verzeichnet -und außerdem ein Supermarkt-Raub im bayerischen Regensburg im Jahr 2008. Damals wurde E. erkennungsdienstlich behandelt. Elf Jahre später fand man seine Fingerabdrücke wieder - auf einer weggeworfenen Bierdose in einem Falkenseer Garten, durch den er geflüchtet war.

Beendet sind die Ermittlungen damit noch nicht. Vielleicht hellt sich das ökonomische Dunkel noch auf, wenn die Staatsanwaltschaft zweier weiterer Männer habhaft wird, die an der Tat beteiligt gewesen sein sollen. Dass einer der beiden unter drei verschiedenen Namen bekannt ist, dürfte die Sache nicht leichter machen.

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