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Ketzins wechselvolle Geschichte
Fischer-, Schiffer- oder Zieglerstadt?

Havelromantik bei Sonnenaufgang. Die Fischerei hat hier eine lange Tradition.
Havelromantik bei Sonnenaufgang. Die Fischerei hat hier eine lange Tradition. © Foto: Wolfgang Balzer
Wolfgang Balzer / 27.06.2020, 15:45 Uhr
Ketzin/Havel 1197 wird Ketzin/Havel erstmals urkundlich erwähnt und landläufig auch das idyllisch an der Havel gelegene Fischerstädtchen genannt. Zu Recht? Darüber gibt es unter Hobbyhistorikern immer wieder nicht ganz ernst gemeinte Diskussionen.

Tatsache ist, dass die evangelische St. Petri Kirche zwischen 1150 und 1180 in Form einer Wehrkirche gebaut und nach dem Apostel Paulus benannt wurde. Er war der Schutzpatron der Fischer und Schiffer. Wie der einzige in Ketzin noch ansässige gelernte, hochbetagte Fischer Gerhard Cuhrts erzählte, habe es 1900 in Ketzin/Havel 29 Berufsfischer gegeben, die gleichberechtigt auf der Havel um Ketzin ihren Beruf ausübten. 1950 seien es immerhin noch zehn gewesen. Heute fischt hier der Plauer Fischer Lutz Schröder und seit einigen Jahren sind wieder zwei aktive Ketziner im Besitz von Fischereirechten.

Die Ketziner Fischergilde wurde 1738 gegründet. Noch heute ist Fischer Cuhrts auf seinen größten Fisch stolz, ein Wels mit 42 Kilogramm, den er gemeinsam mit seinem Berufskollegen Achim Hecht in der Nähe der ehemaligen Zuckerfabrik aus der Havel zog. Noch bis vor einigen Jahren nahm er persönlich an einer Jahrhunderte alten Tradition teil, dem großen Fischzug nach der Ernte.

Irgendwann schlief die Tradition, Fischerfest mit Fischzug zu feiern, ein und wurde erst 1939 wiederbelebt. Den großen Fischzug gibt es noch immer, seit einigen Jahren sogar jährlich an der Havelpromenade. Das "Fangwasser" gibt es heute wie damals. Das spendiert traditionell der Bürgermeister den Fischern, wenn das "große Garn", das rund 400 Meter lange Schleppnetz, eingeholt ist. Geändert hat sich die Tradition, dass die Honoratioren der Stadt die größten Fische bekommen - heute wird versteigert.

Ab etwa 1860 nahm das kleine Städtchen eine rasante Entwicklung. Lehrer Kaselitz hatte unter feuchtem Wiesengrund Ton entdeckt. Nach und nach entstanden in der Gemarkung 18 größere und kleinere Ziegeleien, die in besten Zeiten bis zu 145 Millionen Ziegel im Jahr produziert haben sollen, die überwiegend mit Lastkähnen in das aufstrebende Berlin transportiert wurden. Da zu dieser Zeit viele Ziegeleiarbeiter katholischen Glaubens in das Städtchen kamen, wurde für die im Jahre 1885 hier gegründete katholische Gemeinde von 1910 bis 1911 die Kirche Rosenkranzkönigin gebaut. Im Jahre 1946 schloss auch die letzte Ziegelei der Stadt für immer. Es war die von Fritz Jöllenbeck im Ortsbereich Brückenkopf am Seeblickweg. Mehrere Werften notiert die Statistik für das Jahr 1890, unter anderem für die 17 Ketziner Bootseigner der damaligen Zeit. 51 Bootsmänner waren hier tätig.

Der Entwicklung der Ziegelindustrie ist heute das Naturparadies rund um Ketzin/Havel zu verdanken. So entstanden die 84 künstlichen Gewässer, die heute bei Ketzinern wie Touristen mit ihrer einzigartigen Flora und Fauna beliebt sind. Besucher Ketzins nutzen gern die verschiedenen Radwege und genießen während der knapp vierminütigen Havelüberfahrt mit der Fähre "Charlotte" die weite Flusslandschaft. Laut dem Landbuch von Kaiser Karl IV. hat Ketzin/Havel, die Stadt der Fischer, Schiffer und Ziegler, seit 1375 Fährrecht.

Wer sich mit der jüngeren Geschichte befasst, wird möglicherweise Ketzin ohne den Zusatz "/Havel" lesen. Der soll irgendwann verloren gegangen sein. Seit dem 1. Januar 2011 wird er wieder amtlich geführt.

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