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Historisches
Kriminalität im Osthavelland im Jahr 1920

Helmut Augustiniak / 28.06.2020, 06:00 Uhr
Havelland Das Kaiserreich war Geschichte. 1919 etablierte sich die Weimarer Republik. Extreme linke Parteien kämpften gegen Anhänger der Monarchie, Freikorps gegen Rote Kolonnen. Der größte Teil der Bevölkerung litt unter diesen Zuständen. Firmenpleiten, Arbeitslosigkeit und Armut bestimmten das Leben. In dieser Situation blühte die Kriminalität. "Zeitgemäß" nannte die örtliche Presse diese Vorgänge.

Am frühen Morgen des 9. Januar 1920 freuten sich die beiden Ketziner Nachtwächter Karl S. und Wilhelm Sch. auf das Ende ihres Dienstes. Sie hatten eine lange kalte Winternacht "Dienst geschoben" und wollten jetzt nach Beendigung der Arbeit nach Hause. Als sie aus der Paretzer Straße kommend in die Friedrichstraße einbogen, begegneten sie drei Fremden, die mit Gepäck beladen ihnen entgegenkamen.

Die Wächter vermuteten sofort, dass es sich um Einbrecher handeln könnte. Sch. rief: "Stehen! Hände hoch!". Zwei der gestellten Männer ließen ihr Gepäck fallen und liefen davon. Aus größerer Entfernung schossen sie auf die beiden Nachtwächter. Wächter Sch. sah, dass der dritte Verbrecher sich ebenfalls schussbereit machte und auf S. zielte. Sch. kam seinem Kameraden zu Hilfe und streckte den Verbrecher mit einem Kopfschuss nieder. Bei den Einbrechern wurden Zigarren und Zigaretten im Wert von 7.000 Mark gefunden. Insgesamt stahlen die Räuber aus dem Geschäft von Edwin Jahn Waren im Wert von 10.000 Mark.

Ketzin/Havel mit seinen damals zahlreichen kleinen Läden und der Zuckerfabrik war sehr oft das Ziel von Einbrecherbanden. Eine dieser Banden versuchte sogar einen sogenannten Zuckerzug auszurauben, der auf den Betriebsgleisen vor der Fabrik stand. Gendarmerie konnte die Räuber vertreiben.

"Bolschewistisches Wetterleuchten im Havelland" titelte eine erzkonservative Rathenower Zeitung einen Artikel zu einem Raubüberfall in Paaren im Glien. In Wirklichkeit war es aber eine kriminelle Diebesbande aus Berlin. Diese Räuberbande drang in der Nacht zu Pfingstsonntag in das Haus des Gemeindevorstehers Wilhelm Bathe II. ein. Einige weckten Bathe und gaben sich als Vortrupp der Avantgarde der Roten Armee aus. Der Gemeindevorsteher glaubte ihnen, da einige der Eindringlinge uniformiert waren und aus der Ferne Marschmusik erklang. Eine Musikkapelle aus dem Nachbarort marschierte zufällig auf der Landstraße am Dorf vorbei.

Die Räuber fesselten Bathe, seine Frau wurde im Keller eingesperrt. Sie konnte sich befreien und verständigte ihren Schwiegersohn. Dieser begab sich mit einigen Helfern zum Gehöft seines Schwiegervaters. Hier beluden die Einbrecher gerade Bathes Kutsche mit den geraubten Sachen. Als sie die Männer kommen sahen, schossen sie auf sie und flüchteten mit der Kutsche und dem Raub in Richtung Berlin.

Die Paarener nahmen die Verfolgung auf und konnten zwei der Verbrecher in einem Waldstück bei Schulzendorf stellen. Durch Fahndungsmaßnahmen der Berliner Polizei konnten zwei weitere Verbrecher ermittelt werden. Wie sich nachträglich herausstellte, wurde der Raubzug von einer der organisierten "Weddingkollonnen" ausgeführt, die kurze Zeit davor die Domäne Berge ausrauben wollte, aber von den Gutsarbeitern in die Flucht geschlagen wurde.

Am 22. Mai 1920 gegen 01:00 Uhr verschafften sich zehn Dorffremde Einlass zum Domänenhof Berge. Dem Wächter bedeuteten sie, dass sie den Pächter zu sprechen wünschten. Dem Inspektor, der mit geladenem Gewehr aus dem Fenster sah, gaben sie sich als Quartiermacher der Roten Armee aus und wollten für 15 Offiziere und 420 Soldaten Quartier machen. Doch der Inspektor befahl dem Wächter, durch Sirenensignal den für des Schutz der Domäne und des Ortes gegründeten Sicherheitstrupp zu alarmieren. Daraufhin verschwanden die Eindringlinge. Der Gutsinspektor ging davon aus, dass der Trupp auf dem Domänenhof zu einem Lkw gehörte, der um 23:30 Uhr durch Berge in Richtung Ribbeck fuhr und kurz hinter Berge hielt.

Von den Medien wurde in dieser Zeit gefordert, dass umfangreiche Maßnahmen notwendig wären, um das Leben und das Gut vor allem der Landbevölkerung zu schützen. Der Ruf nach modernen technischen Ausrüstungen für die Polizei wurde immer fordernder, denn nachts waren die Polizeibehörden nicht zu erreichen.

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