Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Zweiter Weltkrieg
Tragik einer Brandenburger Familie wird auf dem Krematorium-Friedhof deutlich

Die Grabstätte der Brandenburger Familie Wachow.
Die Grabstätte der Brandenburger Familie Wachow. © Foto: Lutzens
Manfred Lutzens / 01.08.2020, 06:15 Uhr - Aktualisiert 01.08.2020, 09:54
Brandenburg an der Havel (BRAWO) Vor nunmehr 75 Jahren, genau am 1. Mai 1945, schwiegen die Waffen in unserer Stadt, hier zumindest war der Zweite Weltkrieg beendet. Jeder sechste Einwohner war an der Front gefallen oder durch Bomben sowie Kampfhandlungen innerhalb Brandenburgs – speziell noch im April  – ums Leben gekommen war.

Zu den hiesigen Begräbnisstätten, die für viele letzter Ruheort werden sollten, gehört vor allem der Krematorium-Friedhof in der Sängerstraße. Bei einem Gang durch Teile dieses parkähnlichen Ensembles erreicht der interessierte Besucher schon nach wenigen Schritten den "Friedhof der zivilen Opfer". Dort lassen sich an einer Stele detaillierte Auskünfte von Inschriften auf Messingtafeln einholen. "In den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges, am 31. März und am 20. April 1945, erlebte die Stadt Brandenburg die schwersten Bombenangriffe der britischen und amerikanischen Armee", heißt es einleitend. "Mindestens 1180 Menschen – Einheimische, Soldaten, Kriegsgefangene und Flüchtlinge – verloren dabei ihr Leben. Mehrere hundert Bombenopfer wurden auf dem sogenannten Terrorfeld (...) bestattet". Zudem fanden, wie weiter zu lesen ist, 388 Häftlinge und Vertriebene aus den ehemals deutschen Territorien in Ost- und Südosteuropa, die im Durchgangslager Quenz untergebracht waren, hier ihre letzte Ruhestätte. Insgesamt gibt es 1069 Einzelgräber. "Ehre den Opfern, den Lebenden Mahnung", verkündet ein Gedenkstein.

Gut vier Jahrzehnte nach Kriegsende sollte das Areal nochmals besondere Aufmerksamkeit finden. Grund dafür war ein vom DDR-Ministerrat am 10. Juni 1987 gefasster Beschluss zur Planung eines Museums für den antifaschistischen Widerstandskampf. Es sollte dort, am Marienbergabhang, seinen Platz finden. Im Auftrag des Kulturministers ließ deshalb die kommunale Verwaltung in einer Nacht- und Nebelaktion 824 (!) Leichen exhumieren. Sie wurden wie auch 26 Urnen umgebettet. Der von der allmächtigen Arbeiter- und Bauernpartei SED anvisierte gewaltige Museumsbau wurde aber nicht mehr verwirklicht (Zusammenbruch der DDR).

Beim weiteren Weg durch den Krematorium-Friedhof entdeckt der Wissbegierige direkt neben dem imposanten Bauwerk einen Gedenkstein für Flüchtlinge und Vertriebene. Ebenfalls als beklagenswertes Ergebnis des unseligen Weltkrieges, schließlich handelt es sich hier um 388 Frauen, Männer und auch Kinder, die aus Gebieten stammten, die bis 1945 zu Deutschland gehörten. Sie starben zwischen Mitte Oktober 1945 und Ende 1947 in dem Brandenburger Auffang- bzw. Durchgangslager auf dem Quenz und ruhen seitdem in der Nähe des "Rosenhains", seitlich vom Krematorium.

Besonders nachdenklich stimmt es wohl jeden Besucher, wenn er wenige Meter vor Verlassen der Friedhofsanlagen in der Sängerstraße die Grabstätte der Wachows erblickt. Künden doch die Inschriften von sieben (!) Familienmitgliedern der im Weinmeisterweg am Marienberg ansässigen Ackerbürgerfamilie, die am 4. bzw. 5. August 1945 - schon drei Monate nach Ende des Krieges - auf tragische Weise noch den Tod fanden. Sie wurden von einer im russischen Lkw vorfahrenden, vermutlich marodierenden Gruppe kurzerhand mit einer Maschinenpistole niedergestreckt, als man im Haus eine  Uniform der US-Armee gefunden hatte. Dem gingen Misshandlungen sowie Plünderungen voraus. Der damals zwölfjährige Fritz Wachow überlebte. Er verstarb 2019.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
© 2020 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG