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Regisseur Jens Heuwinkel bringt am Donnerstag das Jugendabenteuer "Tschick" auf die kleine Bühne des intimen theaters

Die Wallachei ist nirgendwo und überall

Krasses Bühnen-Trio: Conrad Walligura als Maik Klingenberg (v. l.), Peter Benjamin Eichhorn als Tschick und der Schwedter Bühnenneuling Larissa Puhlmann als Isa.erproben die Freiheit.
Krasses Bühnen-Trio: Conrad Walligura als Maik Klingenberg (v. l.), Peter Benjamin Eichhorn als Tschick und der Schwedter Bühnenneuling Larissa Puhlmann als Isa.erproben die Freiheit. © Foto: MOZ/Oliver Voigt
Dietmar Rietz / 04.06.2014, 06:16 Uhr
Schwedt (MOZ) Die Bühnenfassung des Jugendromans "Tschick" von Wolfgang Herrndorf hat am Donnerstag im intimen Theater der Uckermärkischen Bühnen Premiere. Ein Stück, für das Jugendliche ihren Eltern wahrscheinlich gern Karten schenken würden.

Alles, was es braucht, um einen Ort Wirklichkeit werden zu lassen, sind scheinbar ein paar Bühnenstufen und Gummireifen. Das ist nirgendwo in Schwedt oder überall in der Welt oder eben in der Wallachei, dem unerreichbaren Ziel zweier pubertierender Jugendlicher, die ihre Weltreise in einem geklauten Lada antreten, die Welt atemberaubend erfahren und am Ende ebenso spektakulär scheitern wie wieder auferstehen. Sparsam ist das Bühnenbild von Anke Fischer. Sie ist eine Meisterin der Kunst des Minimalismus. Der Theaterkasse tut das gut und die Fantasie des Publikum wird angeregt wie auf einer Brechtschen Bühne.

Regisseur Jens Heuwinkel probierte in den zurückliegenden Wochen im Auftrag der Uckermärkischen Bühnen mit Conrad Walligura (Maik Klingenberg), Peter Benjamin Eichhorn (Tschick), Ireneusz Rosinksi (Maiks Vater) und dem Schwedter Bühnenneuling Larissa Puhlmann (Isa) die in Dresden und anderenorts bereits mit großen Erfolg gespielte Bühnenfassung von Wolfgang Herrndorfs hochgelobter Roman "Tschick". Der Zuschauer fragt sich: Wie passt ein Road-Trip im Lada auf die Bühnen des intimen theaters in Schwedt? Es scheint wunderbar. Ob am 5. Juni bei der Premiere das Publikum lacht, weint oder zumindestens ein Abenteuer erlebt, wie es seit Tom Sawyers und Huckleberry Finn selten und moderner nicht wieder erzählt worden ist.

Heuwinkel scheint auf die Kraft des gesprochenen Herrndorf-Wortes zu vertrauen. Die Sprache wird zum Kostüm, das die Darsteller mal schützend kleidet, mal entlarvt. Die meisten Requisiten aus der Geschichte bleiben zudem der Fantasie des Zuschauers überlassen, mit Ausnahme weniger konkreter Gegenstände wie dem Schlauch, den die Protagonisten auf einer Müllkippe suchen, um Benzin zu zapfen.

Auf der Probe begegnen Maik und Tschick Isa auf eben dieser einen Müllkippe, als sie den Schlauch fürs Auftanken ihres Ladas und Brombeeren suchen. Ja, selbst auf einem Müllberg treibt die Liebe Blüten und die Jugend Schabernack. Der Trialog zwischen dem mit herrlichem russischem Kunstakzent sprechenden Peter Benjamin Eichhorn als Tschick und Conrad Walligura als gefühlvollem und mitfühlendem Maik und der Dampfplauderin Larissa Puhlmann als Isa entwickelt sich herrlich politisch unkorrekt, ansteckend komisch und doch hintergründig. Die Müll-Lady entpuppt sich dabei sogar als Mathegenie, dagegen die Lada-Fahrer als Maulhelden, die ihrer ersten wirklichen Liebe entfliehen, dafür aber später jede Menge Leute treffen, die die Mär von der bitterbösen, kalten Welt und den kaltherzigen Menschen da draußen mit sehr viel Humor ad absurdum führen. "Die Welt ist schlecht, und der Mensch ist auch schlecht", sinniert Maik auf der Bühne. "Und vielleicht stimmt das ja auch, und der Mensch war zu 99 Prozent schlecht. Aber das seltsame war, dass Tschick und ich auf unserer Reise fast ausschließlich dem einen Prozent begegneten, das nicht schlecht war."

Maik ist ein wohlstandsverwahrloster, aber dennoch sympathisch tiefgründiger Außenseiter, der zwischen Swimmingpool und Playstation seiner Schwärmerei für die Klassenqueen Tatjana Kosic nachhängt. Am ersten Tag der Sommerferien bekommt er Besuch von Andrej, genannt Tschick, russischer Klassenneuzugang mit Alkoholproblem. In der Einfahrt des elterlichen Anwesens parkt Tschick einen himmelblauen Lada (angeblich geliehen und nicht geklaut!) und überredet Maik, loszufahren. Wohin? "In die Walachei«, sagt Tschick. "Die Walachei gibt's nicht", sagt Maik. Für ihn ist das ein Fantasieort, so wie "Jottwehdeh", "Pampa" oder "Dingelskirchen". Tschick sagt, sein Großvater wohne "irgendwo am Arsch der Welt in einem Land, das Walachei heißt. Und da fahren wir jetzt hin".

Es ist das alte Spiel mit der Vorstellung: Nur weil du einen Ort nicht gesehen hast, heißt das nicht, dass es ihn nicht gibt. Das fängt bei Heuwinkel damit an, dass die Zuschauer den Lada nie zu sehen bekommen, das Reisen mit ihm aber in ihre Köpfe gepflanzt werden muss. Sonst würde dieses im Bühnen-Neudeutsch als Road-Trip bezeichnete Ausreißerstück nicht funktionieren.

Wie spielen Erwachsene glaubwürdig 14-Jährige, die die Welt anders begreifen als wir anderen Kinder und weder mit sich noch mit dieser Welt im reinen sind? Man lässt sie sprechen wie den Maik oder den Tschick im Roman "Tschick". Wolfgang Herrndorf erhielt dafür im Jahre 2011 den Deutschen Jugendbuchpreis. Für Tschick-Darsteller Peter Benjamin Eichhorn ist die Rolle ein Glücksfall, sagt er. Auch der Sprache wegen.

Sammler von Theaterplakaten sollten sich das Tschick-Plakat des jungen Schwedter Malers Enrico Frontzeck sichern. Es wird ein Kultobjekt. Das Originalbild wird versteigert. Anfangsgebot: 50 Euro. Die Versteigerung startet mit der Premiere am 5. Juni. Das letzte Gebot wird am 12. Juli angenommen - am Besucherservice der ubs. oder per Internet (http://www.facebook.com/TheaterSchwedt). Der Gewinner wird auf dem POTY-Festival am 12. Juli bekanntgegeben.

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