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Brandkatastrophe auf der Magazininsel

Blick auf das gewaltige Königliche Proviantmagazin auf der Rathenower Magazininsel vor dem Brand vom 4. August 1891.
Blick auf das gewaltige Königliche Proviantmagazin auf der Rathenower Magazininsel vor dem Brand vom 4. August 1891. © Foto: Archiv W. Bleis
Hans-Jürgen Wodtke / 27.11.2016, 09:56 Uhr
Rathenow (MOZ) Vor 125 Jahren wurden die Gemüter der Rathenower Einwohner von einem Großbrand auf der städtischen Magazininsel heftig bewegt. Am Nachmittag des 4. August 1891 hatte bei einem starken Gewitter ein Blitz in den Ostflügel des dortigen Proviantmagazins eingeschlagen. Dieser setzte den dort für das Rathenower Kavallerieregiment lagernden Hafervorrat und schließlich den gesamten Gebäudekomplex in Brand. In nur drei Stunden brannte das zu dem Zeitpunkt größte Proviantmagazin Preußens bis auf den massiven Sockel ab. Die Folge war ein Totalverlust des Magazingebäudes sowie großer Mengen an Nahrungs- und Futtermitteln.

Wie Wolfram Bleis in einem Artikel im Heimatkalender von 1986 schreibt, verfügte das Magazin eigentlich über einen Blitzableiter, doch war dieser vorher als defekt abgebaut und nicht wieder ersetzt worden. Aus heutiger Sicht eine fatale Fehlentscheidung, die zu einem gewaltigen materiellen Schaden führte. Doch haben diese und ähnliche Katastrophen dem Gebäudeblitzschutz so nach und nach zum endgültigen Durchbruch verholfen.

Denn zu dieser Zeit steckte der Blitzschutz in Deutschland noch in den Kinderschuhen, obwohl die Idee, einen Blitz "aufzufangen" und sicher zur Erde abzuleiten, bereits aus dem Jahre 1752 stammte. Als Erfinder des Blitzableiters gilt der amerikanische Naturforscher und Politiker Benjamin Franklin. Auf Grund seiner Vorleistungen entstanden bereits Ende des 18. Jahrhunderts die ersten Blitzschutzanlagen auf Gebäuden. Das Grundprinzip dieser nun bald 265 Jahre alten Entdeckung hat sich bis in unsere heutige Zeit kaum verändert.

In Deutschland begann erst um 1880 ein Unterausschuss des Elektrotechnischen Vereins sich wissenschaftlich mit dem Thema Blitzschutz zu beschäftigen. Im Ergebnis dieser Untersuchungen veröffentlichte dieser im April 1901 erstmalig "Leitsätze über den Schutz der Gebäude gegen den Blitz". Diese Richtlinie war damals ein wichtiger Schritt für den Schutz von Menschen, Gebäuden und Sachwerten vor den Gefahren des Blitzschlags. Denn zu der Zeit gab es noch viele Formen des Aberglaubens und der Unkenntnis, wenn es um die Wirkung von Gewitter und Gefährlichkeit von Blitzen ging.

So empfahl ein Fachbuch für Elektrotechniker von 1899 zum Thema Rettungsversuch vom Blitz getroffener Personen folgendes: "Zeigen sich nach den bekannten Wiederbelebungsmaßnahmen nicht bald Lebenszeichen, dann lege man den Verunglückten in ein frischgegrabenes Erdbad. Dasselbe soll schon während der Belebungsmaßnahmen hergestellt werden, und zwar derartig, dass in Menschenlänge ein etwa 60 cm tiefer Graben ausgehoben wird, in den man den Verunglückten mit erhobenem Kopf nackt hineinlegt und seinen Körper 30 - 60 cm hoch mit Erde bedeckt. Denn durch ein solches Erdbad sollen schon viele vom Blitz Getroffenen gerettet worden sein."

Neben den Gebäude- und Erdleitungen wurde auch den Auffangstangen in der Anfangsphase der Blitzschutzgeschichte eine besondere Bedeutung beigemessen. Schließlich war das ja die Stelle, an der man den Blitz "einfangen" wollte. Dafür sollten möglichst ideale Bedingungen geschaffen werden. So wurde vorgegeben, dass diese Stangen den Dachfirst etwa drei Meter überragen und mit einer robusten Auffangspitze versehen sein sollten. Die Spitze bestand aus vergoldetem Vollkupfer und besaß im oberen Bereich eine auswechselbare Platinnadel. Eine für die damalige Zeit recht kostspielige Forderung, die man nur einige Jahre später aufhob, indem man auf Vergoldung und Platinnadel verzichtete. Dennoch blieb der Blitzschutz etwas für die privilegierten Schichten der Bevölkerung.

Ich selbst kann mich noch an eine Blitzschutzanlage in der Nachbarschaft aus dem sehr frühen 20. Jahrhundert erinnern. Zu der damals zwischen 1906 und 1910 errichteten Anlage gehörten, so raunten damals die Alteingesessenen immer in Ehrfurcht, zwei Auffangstangen mit hochwertigen goldüberzogenen Auffangspitzen und Platinnadeln. Erst Ende der 1980er Jahre wurden diese demontiert und fanden dann leider nur zu rasch den Weg zur volkseigenen Aufkaufstelle für Sekundär-Rohstofferfassung (SERO).

Heute bestehen die Blitzableiteranlagen aus verzinktem Stahldraht oder aus einer speziellen Aluminiumlegierung und sind damit zur preiswerten Massenware geworden. Doch nach wie vor bieten auch diese nur ausreichenden Schutz gegen Blitzeinschläge, wenn sie fachgerecht montiert und vor allem ordnungsgemäß in Stand gehalten werden. Daran hat sich heute wie vor 125 Jahren nichts geändert.

Das Königliche Proviantmagazin wurde von 1786 bis 1790 unter Leitung von Major Stein erbaut. Das Magazin war 157 Meter lang und 108 Meter breit. Es besaß zwei Innenhöfe von jeweils 57 mal 80 Meter. Auf einem massiven Sockelgeschoss mit bis zu 1 Meter starken Außenwänden, aus normalformatigem Ziegelmauerwerk, hatte man drei Geschosse in zeit- und landestypischer Fachwerkskonstruktion mit Ausnahme der Außenseiten errichtet. Diese Außenwände waren in rechtwinkliger Holzkonstruktion ohne schräge Streben, Kopfbänder o.ä. ausgeführt. 1891 wurde das Proviantmagazin des preußischen Staates durch Blitzschlag zerstört.

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