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Blaudruck in Wolsier ist immaterielles Kulturerbe

Hartmut Tonne-Thielemann mit einigen seiner Druckstempel.
Hartmut Tonne-Thielemann mit einigen seiner Druckstempel. © Foto: Simone Weber
Simone Weber / 11.01.2017, 15:30 Uhr
Wolsier/Havelland (MOZ) Als "Blau machen" bezeichnet man es, wenn man einmal "unentschuldigt" auf Arbeit fehlt oder sich spontan einen Tag frei nimmt. Die Herkunft dieses geflügelten Wortes geht auf ein Jahrhunderte altes, lange Zeit vergessenes Handwerk zurück. Die Blaudrucker gehörten vor Jahrhunderten zu einer Zunft, die Textilien blau färbten.

Dazu verwendeten sie natürliche Farbstoffe wie Färberwaid. In dem aufwändigen Verfahren wurden die in Lagen auf Eisenrahmen gehängte Leinenstoffe zum Färben in Farbbottiche, die Küben, getaucht. Der, je nach Einwirkzeit des Farbstoffs, unterschiedlich intensive blaue Farbton entsteht aber noch nicht im Farbstoffbad. Erst durch den Sauerstoff in der Luft oxidiert der gelbgrüne Farbstoff, mit dem der Stoff aus der Kübe kam, zu dem typischen Blau. Dazu hängten die Blaudrucker die Stoffe einfach auf die Leine - machten so "Blau" und konnten sich während dieser Zeit anscheinend ausruhen. Danach musste der Stoff noch gespült und gekocht werden. Die weißen Muster auf dem Stoff entstehen durch eine Schutzmasse, die mittels verschieden gestalteter Druckstempel vor dem Färben auf den Stoff aufgebracht wird.

Die 2016 verstorbene Angelika Thielemann begann in Brandenburg an der Havel bereits im Jahr 1969 damit, dieses alte Handwerk wiederzubeleben. 1978 meldete sie dafür ein Gewerbe an. Sie liebte die Möglichkeiten der Gestaltung, die Farben und entwarf unter anderem ihre Blaudruck-Dirndel. In den 1990er Jahren betrieb sie ein "Blaudruck" genanntes Café in der Brandenburger Steinstraße. Vor zehn Jahren zog Angelika Thielemann nach Wolsier ins Westhavelland, wo sie mit ihrem neuen Lebenspartner und späteren Ehemann, Hartmut Tonne-Thielemann, die Blaudruckerei pflegte. Jetzt führt Hartmut Tonne-Thielemann das alte Handwerk allein weiter.

Neben nicht einmal zwei Dutzend Museen und anderen Einrichtungen in Deutschland, die sich dem Blaudruck in irgend einer Form widmen, gibt es in Europa nicht einmal mehr zehn Werkstätten, die Kleidung im Blaudruckverfahren herstellen.

Zum Jahresende nun erhielt Hartmut Tonne-Thielemann mit seiner Blaudruckerei Wolsier auf ihre Bewerbung von der deutschen UNESCO-Kommission in Bonn als Anerkennung seines seltenen Handwerks die Aufnahme in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes. "Das Expertenkomitee würdigt ihren Vorschlag als über Jahrhunderte überlieferte Technik der Stoffveredelung", heißt es im Anerkennungsschreiben. "Die wenigen Werkstätten in Deutschland, die dieses traditionelle Handwerk noch heute betreiben, sind entscheidend für die Erhaltung dieser Technik und des damit verbundenen Wissens und Könnens."

"Jetzt bemühen wir uns um eine Anerkennung als immaterielles Weltkulturerbe", sagt Hartmut Tonne-Thielemann. "Die nationale Anerkennung war ein wichtiger erster Schritt." Gemeinsam mit Österreich, Ungarn, der Tschechischen Republik und der Slowakei wird die deutsche UNESCO-Kommission die Blaudrucktechnik im Jahr 2017 für die internationale UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes nominieren.

Mit dem Aufkommen synthetisch hergestellter Farbstoffe, wie dem künstlichen Indigio-Farbstoff für Jeans, verloren die natürlichen Farbstoffe ihre Bedeutung. Seit einigen Jahren erlebt die Färbung von Textilien mit natürlichen Farbstoffen, gerade im Kunstgewerbe, eine Renaissance. Der erste synthetische Farbstoff wurde zufällig entdeckt. Im Jahr 1704 entdeckte der Berliner Farbenmacher Diesbach beim Kochen von Tierblut mit verschiedenen Salzlösungen (dem als Blutlaugensalz bezeichneten Kaliumeisencyanid und Eisensalzen) den blauen Farbstoff Eisenhexacynaoferrat. Wegen seiner Verwendung zum Färben preußischer Uniformen erhielt der Farbstoff "Berliner Blau" auch den Namen "Preußisch Blau".

Mehr Informationen erhält man auf www.unesco.de/kultur/immaterielles-kulturerbe.html.

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