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An Schnittstelle von Sage und Geschichte

So stellte sich Rathenows Ehrenbürgerin Erika Guthjahr (1916-2005) die bekannteste Riesin bzw. Göttin der Region vor. Frau Harke wird heute als Schutzpatronin ausgegeben. Kamern im Elb-Havel-Winkel beansprucht die mythische Gestalt für sich.
So stellte sich Rathenows Ehrenbürgerin Erika Guthjahr (1916-2005) die bekannteste Riesin bzw. Göttin der Region vor. Frau Harke wird heute als Schutzpatronin ausgegeben. Kamern im Elb-Havel-Winkel beansprucht die mythische Gestalt für sich. © Foto: weber
Rene Wernitz / 12.02.2017, 05:43 Uhr
Havelland (MOZ) Prinzessinnen und Ritter inspirieren auch die Jugend von heute. Zudem haben es erneut Riesen in den "Undine-Wettbewerb für neue Märchen" von BRAWO und Brandenburger Fouqué-Bibliothek geschafft. Kein Wunder, möchte man sagen. Sind doch riesenhafte Gestalten im Havelland nicht nur durch Sagen überliefert.

Beispielsweise erzählt man sich in Brandenburg an der Havel, dass der dortige Mariengrund, eine Mulde am östlichen Fuße des knapp 70 Meter hohen Marienbergs, dadurch entstanden sein soll, dass eine junge Riesin Erde in ihre Schürze häufte. Dort, wo sie die Erde aus Versehen fallen ließ, war lange vom Hünensteg die Rede. Dabei handelte sich um eine Halbinsel im Beetzsee, von der nach Ausbaggerungen für die Regattastrecke (1968/1969) die bei Brandenburgern sogenannte Insel Acapulco übrig blieb. Sogar der Marienberg selbst soll der Sage nach aus Erde entstanden sein, die eine Riesentochter an der Stelle fallen ließ.

Indes findet sich an einer Schnittstelle zwischen Sage, Legende und Geschichtsschreibung ein vager Hinweis auf tatsächliche Existenz riesenhafter Leute. Es handelt sich um Überlieferungen des gebürtigen Brandenburgers Georg Sabinus (1508-1560), der seiner Geburtsstadt ein Rätsel hinterließ: War Sabinus ein Spinner oder nicht?

Um es vorweg zu nehmen, der Delinquent war laut Angaben auf Wikipedia im Jahr 1538 zum Professor der Poesie und Beredsamkeit an der Brandenburgischen Universität Frankfurt ernannt worden. 1544 wurde er erster Rektor der in dem Jahr gegründeten Universität zu Königsberg. Also handelt es sich um einen gebildeten Mann. Doch was er Brandenburg an der Havel hinterließ, lässt heutige Geschichtsfreunde sich die Haare raufen. Einer, der die Überlieferung sorgenfrei wieder gab, war Historiker und Gymnasiallehrer Moritz Wilhelm Heffter (1792-1873) in seiner 1840 erschienenen "Geschichte der Kur- und Hauptstadt Brandenburg". Demnach berichtete Sabinus über die heroische Körpergröße eines slawischen Fürsten. Die Größe sei bezeugt durch Gebeine, "welche in den Gräbern liegen; denn zu meiner Zeit sind heimlich die Grabmäler auf Befehl des Brandenburgischen Bischofs Hieronymus geöffnet worden, in deren einem so große Gebeine gefunden worden sind, dass die Schienbeine derselben bis zur Hüfte eines Menschen von mittelmäßiger Statur gingen".

Dann gingen die Gedanken mit Historiker Heffter durch. Denn er resümierte in seinem Buch: "Ein so riesiges Geschlecht bewohnte ehemals unsere Fluren!"

Übrigens handelt es sich bei Bischof Hieronymus um den von 1507 bis 1520 waltenden Oberhirten im Bistum Brandenburg. Die erwähnten Gräber sollen sich auf dem Marienberg befunden haben, dort wo bis 1722 eine viertürmige Marienkirche stand, ein Wallfahrtsort des Mittelalters mit mutmaßlich wundertuendem Marienbildnis. Der Kirche wird ein wohl in den 1130er Jahren errichteter Vorgängerbau zugeschrieben. Bauherr müsste Pribislaw-Heinrich gewesen sein, letzter Slawenregent, der sich selbst Heinrich von Brandenburg nannte und bereits getauft war. In wie fern dieser nun mit dem riesenhaften Slawen verwandt gewesen sein könnte, ist völlig unklar.

Indessen ist es nicht ausgeschlossen, dass es einst tatsächlich sehr große Leute in Brandenburg an der Havel, im gesamten Havelland und auch im Elb-Havel-Winkel gab. Denn jene Slawen, von denen die Rathenower Historikerin Dr. Bettina Götze (*) meint, sie hätten die Region ab Ende des 6. Jahrhunderts besiedelt, haben einen originellen Stammesnamen: Wilzen. Manche machen beim Namen eine Verwandtschaft mit dem ostslawischen Wort "weliki" aus, was für "groß" steht. Auf Wikipedia ist ferner davon die Rede, dass der Stammesname Wilzen mit "Die Riesen" bzw. "Die Großen" übersetzt werden könnte. Derweil wird "groß" im Niedersorbischen mit "wulki" übersetzt.

Nun muss man auf der Suche nach echten Riesen der Wilzen-Spur nicht unbedingt folgen. Zumal die Wilzen von einer Vielzahl von Wissenschaftlern eher in Mecklenburg-Vorpommern angesiedelt werden. Doch gibt es einen weiteren Fingerzeig zu riesenhaften Gestalten bei uns.

Dabei handelt es sich um die Überlieferung des römischen Chronisten Cassius Dio. Dieser berichtete davon, dass Heerführer Drusus, immerhin der Sohn von Kaiser Augustus, am Ufer der Elbe einer germanischen Seherin von übermenschlicher Größe begegnet sein. Demnach prophezeihte diese riesenhafte Frau, dass Drusus ein weiteres Vordringen in das Land vom Schicksal nicht bestimmt sei und er bald sterben werde. So geht es aus dem Reallexikon der germanischen Altertumskunde von Johannes Hoops, Band 28, unter dem Stichwort "Seherinnen" hervor. Der auf diese Weise eingeschüchterte Drusus machte kehrt in Richtung Rhein, den er wegen seines tatsächlich eintretenden Todes (9 vor Christus) niemals mehr erreichte.

Hinter der Elbe, im Havelland und womöglich darüber hinaus, hatten die germanischen Semnonen gesiedelt. Zwei Seherinnen dieses Stammes sind durch die Geschichte bezeugt, ohne dass wir Kenntnis von ihrer Körpergröße erhielten. Forscher gehen übrigens davon aus, dass es zur Vermischung von slawischen Einwanderern und germanischer Restbevölkerung gekommen ist. Das Gros der Semnonen hatte es während der Völkerwanderungszeit, also lange vor Eintreffen slawischer Stämme, nach Südwesten gezogen.

Die Sagen aber, die von Riesen Riesentöchtern und Frau Harke berichten, haben sich offenbar aus germanischen Zeiten erhalten. Sogar der ursprünglich germanische Name des Marienbergs, früher Harlungerberg, blieb noch bis ins Mittelalter hinein in Gebrauch. Auch ist der Flussname Havel vorslawischen Ursprungs.

(*) "Seit Ende des 6. Jahrhunderts besiedelten slawische Bevölkerungsgruppen, von Osten und Südosten kommend, die von Germanen weitestgehend verlassenen Gebiete. Als eine Gruppe kamen die Wilzen in das Havelgebiet, unter deren Herrschaft die verschiedenen Gruppen vereinigt wurden und ab dem 9. Jahrhundert den Stamm der Heveller bildeten". Nachzulesen in Bettina Götzes Beitrag "Die Untere Havelniederung - eine gewachsene Kulturlandschaft? Über die Entstehung einer Kulturlandschaft im westlichen Havelland", Brandenburgische Umweltberichte (2003) der Universität Potsdam; im Internet: www.uni-potsdam.de.

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