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Vor 50 Jahren
Als die Beatmusik unsere Dörfer eroberte

Hans-Jürgen Wodtke / 07.07.2018, 13:00 Uhr
Havelland/Vieritz Ende der 1960er Jahre befand sich die DDR-Jugendpolitik in einem tiefen Dilemma. Denn der jugend- und kulturpolitische Kahlschlag zum Jahresende 1965 hatte bei den politisch Verantwortlichen in den Städten und Dörfern zu einer großen Verunsicherung geführt, wie man mit dem Streben der Jugend nach zeitgemäßer und damit überwiegend westlicher Lebensart und Musik umgehen sollte. Verbote und deren drastische Kontrolle funktionierten zwar im Wesentlichen, entfernten aber die jungen Menschen immer mehr vom sozialistischen Staat und veranlassten diese, sich im Privatleben Alternativen zu suchen.

Eine Situation die das Politbüro auf keinen Fall weiter zulassen wollte und sich dabei  zusehends bewusst wurde, dass nur mit interessanten und  von der Jugend akzeptierten Alternativen diese Miesere abzuwenden war. Doch wie sollten diese aussehen? Die mit viel Aufwand inszenierte Singebewegung als staatlich verordnete musikalische Gegenbewegung  war es jedenfalls nicht, denn diese erreichte bestenfalls nur einen kleinen Teil der Ostjugend.

In seinem Buch „Jugend nach dem Mauerbau: Anpassung Protest und Eigensinn“ berichtet M.-D. Ohse unter anderem über die Arbeit einer Jugendkommission des Politbüros, die an Hand von umfangreichen landesweiten Untersuchungen die Voraussetzung für eine sachliche Auseinandersetzung mit den Problemen der ostdeutschen Jugendpolitik schuf. Die Arbeitsergebnisse der Kommission leiteten im April 1968 eine langsame jugendpolitische Trendwende ein.

„Einige der vorgeschlagenen Maßnahmen erinnerten“, nach Ohses Aussage, „an die liberale Zeit der Kultur- und Jugendpolitik von 1963 bis Ende 1965. (...) Auch wurde den Betrieben sowie Gaststättenleitern und –inhabern aufgetragen, sich intensiver um die Jugendarbeit zu kümmern und unter anderem auch für entsprechende Jugendtanzveranstaltungen zu sorgen.“

Soweit die Theorie. Doch sollte es noch einige Zeit bis zur endgültigen Trendwende in der offiziellen Jugendtanzpolitik dauern. Die noch dadurch verschärft wurde, dass der überwiegende Teil der Jugend es ablehnte, in die wenigen staatlichen oder betrieblichen Jugendklubs zu gehen. Ohnehin wäre ein beachtlicher Teil von diesen auf Grund ihres Aussehens und Auftretens von der Klubleitung nicht geduldet worden. Auch die Leiter von staatlichen und Inhaber privater Gaststätten befanden sich um 1968 in einer Situation, in der ihnen konkrete staatliche Vorgaben für die Durchführung von Jugendtanzveranstaltungen fehlten und damit Tor und Tür für mögliche behördliche Repressalien und nachträgliche Sanktionen offen standen. Deshalb waren es auch in unserer Region nur wenige, die sich zu der Zeit an das Thema Jugendtanz heranwagten und bei der Genehmigungsstelle beim VPKA (Volkspolizeikreisamt) eine Veranstaltungserlaubnis beantragten. Diese mit zumeist zahlreichen Auflagen belegte Erlaubnis galt jeweils nur für eine Veranstaltung und konnte bei Nichteinhaltung der polizeilichen Vorgaben, jugendlicher Randale, Alkoholmissbrauch oder gar Straftaten zu schmerzlichen Bestrafungen führen.

In der ersten Phase der Neuorientierung der ostdeutschen Jugendpolitik gab es vor allem auf den Dörfern mutige Veranstalter, die Angebote an Tanzveranstaltungen für die Jugend entwickelten.

So machte man sich auch in Vieritz Gedanken, wie man den vorhandenen Saal intensiver für Jugendtanzangebote nutzen könnte. Edmund Wiesener, Vereinsvorsitzender und Trainer des Fußballvereins „Traktor Vieritz“, entschloss sich, das Thema offensiv anzugehen und konnte dazu auch das ortsansässige Gastwirtepaar Inge und Paul Förster gewinnen. Den Start verknüpften die Drei geschickt mit einem Sportlerball anlässlich eines größeren Fußballturniers in Vieritz. Deshalb sahen die staatlichen Stellen bei der Genehmigung der Tanzveranstaltung keine Probleme. Schließlich meldete ein Sportverein anlässlich eines Turniers zum geselligen Ausklang einen Tanzabend an. Alles bestens!

Die abendliche Tanzveranstaltung mit den zu jener Zeit in der Region sehr beliebten „Hardys“ wurde ein Riesenerfolg. Das an dem Abend sich nicht nur Sportler über die Tanzfläche bewegten, sondern auch zahlreiche Tanzenthusiasten, wenn auch inoffiziell, aus den umliegenden Orten, fiel dabei nicht ins Gewicht. Alles lief ohne nennenswerte Vorkommnisse ab. Damit hatten der Vieritzer Sportverein für die Meldestelle beim VPKA in Rathenow die „Feuertaufe“ als Veranstalter bestanden und durften an weitere Tanzabende denken. Diese günstige Konstellation griff Vereinsvorsitzender Wiesener beherzt auf und organisierte alsbald die nächsten Beatbälle, wie man damals gern sagte. Neben den „Hardys“ gastierten in den Folgejahren weitere bekannte Amateurbands wie die „Graven‘s“, „Electric’s“ und andere Gruppen, vorwiegend aus dem näheren Umfeld. So entwickelte sich das über den Vieritzer Sportverein organisierte Tanzangebot zu einem beliebten Treffpunkt für junge Menschen aus dem südlichen Teil des Kreises Rathenow und nördlichen Bereich des Kreises Genthin.

Einen merklichen Zuwachs an Publikum aus dem Einzugsgebiet der Stadt Brandenburg gab es mit den Auftritten der in der Havelstadt einstmals recht geschätzten „Khaed’s“. Die Band war zudem ein Inbegriff des in den späten 1960er Jahren angelaufenen Stones-Revivals. Musik der Rolling Stones war den politisch-ideologisch Verantwortlichen in der DDR stets ein Dorn im Auge. Hatten doch diese noch die im September 1965 von den Stones-Fans zertrümmerte Westberliner Waldbühne im Hinterkopf. Und überhaupt, wenn schon Beatmusik, dann mussten es doch keine Stones-Titel sein, so die offizielle Meinung der staatstragenden Stellen. Doch dieses Quasiverbot machte diese Musik in breiten Teilen der Jugend zu jener Zeit erst so richtig beliebt.

Dass die „Khaed’s“ den Weg nach Vieritz gefunden haben, war zum Teil mein Verdienst. Denn in der  Berufsschulzeit „drückte“ ich die Schulbank mit Frank Mühlberg, dem Schlagzeuger der Band. Frank war als Ersatzmann für den zur NVA eingezogenen Trommler in die Formation eingestiegen. In der DDR war es gängige Praxis, immer nur einen aus der Band zum Pflichtwehrdienst zu ziehen, um auf diesem Wege so manchem Ensemble den Todesstoß zu geben. Denn ein neues Mitglied musste erst einmal gefunden werden und dann hatte der Neuzugang sich noch das gängige musikalische Repertoire anzueignen. An diesen Schwierigkeiten sind immer wieder Bands zerbrochen.

Im Juli 1969 veröffentlichten die Rolling Stones den Titel „Honky Tonk Woman“. Es geht dabei um eine Frau, die als Tänzerin und Prostituierte in einer Western-Bar arbeitet. Da nur die wenigsten von uns ein ausreichendes Englisch beherrschten, konnten wir auch die Aufregung um den Song und schließlich die Verbannung auf den Index nicht verstehen. Damit durfte „Honky Tonk Woman“ nicht öffentlich aufgeführt werden. Zuwiderhandlungen konnten die Spiellizenz kosten. Doch unbeeindruckt von dieser Gefahr wollten die Fans der „Khaed‘s dieses Lied unbedingt hören. Schließlich gab die Band nach und ließ zum ersten Mal in Vieritz die charakteristische Kuhglocke zum Titelbeginn erschallen.

Schon bei den ersten Tönen schien das Publikum im Saal förmlich zu explodieren und feierte anschließend ihre Band frenetisch. Den Titel trotz Verbots zu spielen war ein großes Wagnis für die Musiker, aber es ist alles gut gegangen und die, die dabei waren, werden es nie vergessen.Der Vieritzer Saal blieb bei dem tanzwütigen jungen Publikum über Jahrzehnte eine gern und viel genutzte Spielstätte und überstand den Übergang von der handgemachten zur Disco-Musik problemlos. Selbst nach der Jahrtausendwende gab es dort noch legendäre Depeche-Mode-Partys, die an die alte Tradition aus den späten 1960er Jahren erfolgreich anknüpften.

Dass man mit Jugendtanz gutes Geld verdienen konnte, war bald kein Geheimnis mehr. Die Erfahrungen, die die Vorreiter in Sachen Jugendtanz gemacht hatten und die zunehmende Lockerung staatlicher Vorgaben, veranlassten bald auch andere, eher zögerlich Agierende, in das Jugendtanzgeschäft einzusteigen. Diese Trendwende führte letztendlich zum endgültigen Durchbruch und brachte mehr Tanzveranstaltungen und Unterhaltung für die ostdeutsche Jugend. Der BRAWO-Beitrag „Parteipolitik contra Jugendtanz“ liefert hierzu weiterführende Informationen.

Wie es der „Dicke“ Strauch, Gastwirt der Milower HO-Gaststätte „Kastanienhof“, beim Geldverdienen beim Beatball etwas übertrieb, ist nachzulesen in einem unlängst erschienenen Buch von Winfried Ganzer über die DDR-Zeit im Haveldorf: „Die `Hardys´ spielten zum Tanz, mit Heinz Basner. Der `Dicke´ zog den Stromstecker aus der Verstärkeranlage der Kapelle, weil er seine Schnitzel mit Kartoffelsalat noch nicht an den Mann gebracht hatte. Brüllte: `Der Tanz geht erst weiter, wenn alles verkauft ist, ihr Kröpel!´“ Ähnliches habe auch ich bei vollem Haus und Jugendtanz mit den „Graven‘s“ erlebt. Doch damals waren es geöffnete Fischbüchsen mit Tomatenfisch, die Gastwirt Strauch loswerden wollte. Er verließ, allerdings ohne die Musik abzuschalten, erst dann unsere Tische, nachdem ihm mindestens zwei Büchsen pro Tisch abgekauft wurden. Als besonderen Service gab es damals weder Teller noch Brot, dafür aber so viele Teelöffel, die wir haben wollten.

Quellen:

„Jugend nach dem Mauerbau: Anpassung Protest und Eigensinn“, Marc-Dietrich Ohse, Ch. Links Verlag;

„Parteipolitik contra Jugendtanz“, von Hans- Jürgen Wodtke, BRAWO 20.08.2017;

„Milower Historisches - die Jahre in der DDR“, von Winfried Ganzer, Eigenverlag 2018

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