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Flagge zeigen
173 angezeigte Fälle von häuslicher Gewalt im Havelland

Leider immer noch nötig: Flagge zeigen gegen Gewalt an Frauen, rund 20 Falkenseer setzten ein Zeichen!
Leider immer noch nötig: Flagge zeigen gegen Gewalt an Frauen, rund 20 Falkenseer setzten ein Zeichen! © Foto: Silvia Passow
Silvia Passow / 30.11.2018, 09:44 Uhr
Falkensee Alle zwei bis drei Tage wird, statistisch betrachtet, eine Frau in Deutschland von ihrem Partner oder Ex-Partner ermordet. 147 Frauen starben 2017 durch die Hand einer ihr vertrauten männlichen Person. „Für viele Frauen ist das zu Hause ein gefährlicher Ort“, sagt Familienministerin Franziska Giffey (SPD). 140.000 Fälle häuslicher Gewalt weist die Statistik zur Partnerschaftsgewalt des Bundeskriminalamts aus. Umgerechnet auf den Tag heißt dies: Alle fünf Minuten wird eine Frau zum Opfer von Gewalt.

Fast immer kennt das Opfer den Täter. Der Angreifer lauert nicht hinter dem nächsten Busch, viel zu oft sitzt er auf dem heimischen Sofa. Ob diese ohnehin erschreckenden Zahlen die Wirklichkeit widerspiegeln, ist unwahrscheinlich. Viele Fälle werden nie zur Anzeige gebracht, die Dunkelziffer dürfte entsprechend hoch sein. Um ein klares Nein gegen Gewalt an Frauen zu setzen, wurde auch in diesem Jahr wieder vor dem Falkenseer Rathaus die Terre-des-Femmes-Flagge gehisst.

„Schöner wäre, wenn wir diesen Anlass nicht mehr bräuchten“, so die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt, Manuela Dörnenburg, kurz bevor die blaue Flagge emporgezogen wurde. Eine Flagge, die Mut machen soll, Gewalt nicht einfach hinzunehmen, sondern zur Anzeige zu bringen. Allen Opfern, Männern wie Frauen, auch wenn die Frauen hier mit 82 Prozent der Betroffenen häufiger Opfer von Angriffen werden. So brauchen auch die 18 Prozent Männer diesen Mut, um die Gewalt im häuslichen Umfeld zur Anzeige zu bringen.

Wie groß die Not sein kann, wird klar, wenn Dörnenburg über die fehlenden Plätze in Frauenhäusern spricht, rund 5.000 bundesweit. Umso wichtiger, sagte sie, ist die finanzielle Unterstützung dieser Einrichtungen. Sie gibt ihrer Hoffnung Ausdruck, dass auch für das Frauenhaus in Rathenow mehr Gelder bereitgestellt werden. Denn neben der Hilfe für die Frauen, werden hier auch deren Kinder betreut, oft sind diese nicht weniger traumatisiert als die Mütter.

Gewalt gegen Frauen begleite die Menschheit durch ihre gesamte Geschichte, sagte Bürgermeister Heiko Müller. Er schaute in seiner Rede in die USA, wo er die Frauenrechte gerade auf dem Rückmarsch sieht. Falkensee ist beim Kampf gegen Gewalt an Frauen gut aufgestellt, erklärte er. Die Stadt hat gute Netzwerke gebildet, was nicht zuletzt der Arbeit Dörnenburgs zu verdanken ist.

Mehr Gewalt oder mehr

Mut zur Anzeige?

Nach Angaben der Polizeidirektion West gab es 2017 insgesamt 173 Fälle von zur Anzeige gebrachter häuslicher Gewalt im Havelland. Zur Anzeige gebracht wurden diese in den Revieren Rathenow, Nauen und Falkensee. In der Kreisstadt Rathenow gab es 2017 die wenigsten Anzeigen, nämlich 37. In Nauen gab es zum Vorjahr einen Anstieg, 2016 waren es 41 Straftaten, 2017 schon 54, den selben Stand gab es in Nauen bereits 2014. Falkensee führt die Statistik an, 82 Fälle von häuslicher Gewalt 2017, das ist ein deutlicher Anstieg zu 2016 mit 48 angezeigten Vorfällen.

Für eine korrekte Bewertung der Zahlen sollte die Einwohnerzahl der drei Städte berücksichtigt werden. 2017 hatte Rathenow fast 25.000 Einwohner, Nauen rund 17.000 Einwohner, Falkensee knapp 44.000 Einwohner.

Dennoch lässt sich der Anstieg der Fälle von häuslicher Gewalt nicht von der Hand weisen. Wurde 2017 in Falkensee tatsächlich mehr zugeschlagen, oder wurden mehr Fälle zur Anzeige gebracht? Grundsätzlich ist beides möglich. Vielleicht fruchten die Aktionen. Jana Reinhardt, die im Rathenower Frauenhaus arbeitet, hält es durchaus für möglich, dass mehr Frauen eine Straftat gegen sie zur Anzeige brächten. „Das Thema rückt vermehrt ins öffentliche Bewusstsein und damit auch die Botschaft: Man muss das nicht aushalten.“

Die Mitarbeiterinnen des Frauenhauses beraten in regelmäßigen Sprechstunden (siehe Infokasten). Reinhardt sagt, man habe hier keine konkreten Daten, aber jeder Frau werde angeraten, Gewalt gegen sich zur Anzeige zu bringen. Die Aufklärungsquote bei Delikten der häuslichen Gewalt liegt im Havelland bei 100 Prozent. Opfer und Täter kennen sich.

Dörnenburg machte auf eine Gruppe unter den Opfern aufmerksam, die oft nicht so recht einordnen können, was geht und welches Verhalten über die Grenzen des Zulässigen hinausgeht. Für behinderte Frauen, gerade für jene, die physisch auf Unterstützung angewiesen sind, deren Zustand einen engeren Körperkontakt zu Fremden notwendig werden lässt, können diese Grenzen verschwimmen. In den Werkstätten wurden deshalb Frauenbeauftragte eingesetzt, sagt sie.

Sie spricht damit ein weiteres Feld der Grauzonen an. Wer auf Hilfe, Unterstützung oder Pflege angewiesen ist, dürfte noch mehr Hemmschwellen zu überwinden haben. Nicht nur bei der Frage, geht das noch? Wer abhängig ist, angewiesen auf die Hilfe, nimmt vielleicht in Kauf, was sonst nicht hinnehmbar wäre. In diese Grauzone etwas Licht bringen, könnte tatsächlich eine große, zukünftige Aufgabe werden.

Kontakt

In Rathenow sind die Mitarbeiterinnen des Frauenhauses von Montag bis Freitag von 9.00 bis 17.00 Uhr erreichbar. Jeden 1. und 3. Donnerstag im Monat sind sie von 9.30 bis 15.30 Uhr im Bürgeramt in der Poststraße in Falkensee. An jedem 1. Montag im Monat von 10.00 bis 16.00 Uhr wird im 1. Obergeschoss im Familien- und Generationenzentrum in Nauen beraten. Telefonisch sind die Mitarbeiterinnen unter 03385/503615 erreichbar. Beratung erfolgt auf Wunsch anonym. Mehr Informationen gibt es online auf www.frauenhaeuser-brandenburg.de, wo auch über die Rathenower Einrichtung berichtet wird.

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