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Ausstellung
Vom Sozialdemokraten zum Kommunisten

Tobias Bank, Hobbyhistoriker und Regionalpolitiker, bei der Eröffnung seiner Karl-Liebknecht-Ausstellung  in der Elstaler Bürgerbegegnungsstätte. Diese gestaltete er aus Anlass des 100. Jahrestags der Ermordung des Sozialdemokraten, der zum Kommunisten wurde. „Neben den wichtigsten politischen Aktivitäten und Verdiensten Karl Liebknechts wurden auch persönliche Informationen zu dem Revolutionär in der Ausstellung verarbeitet. Dabei waren die regionalen Bezüge besonders wichtig, sodass mehr als die Hälfte der 30 Ausstellungstafeln die Aktivitäten Liebknechts in seinem Wahlkreis thematisieren“, wie es auf www.tobis-bank.de heißt.
Tobias Bank, Hobbyhistoriker und Regionalpolitiker, bei der Eröffnung seiner Karl-Liebknecht-Ausstellung  in der Elstaler Bürgerbegegnungsstätte. Diese gestaltete er aus Anlass des 100. Jahrestags der Ermordung des Sozialdemokraten, der zum Kommunisten wurde. „Neben den wichtigsten politischen Aktivitäten und Verdiensten Karl Liebknechts wurden auch persönliche Informationen zu dem Revolutionär in der Ausstellung verarbeitet. Dabei waren die regionalen Bezüge besonders wichtig, sodass mehr als die Hälfte der 30 Ausstellungstafeln die Aktivitäten Liebknechts in seinem Wahlkreis thematisieren“, wie es auf www.tobis-bank.de heißt. © Foto: Silvia Passow
René Wernitz / 11.02.2019, 12:49 Uhr
Elstal (MOZ) Der Landkreis besteht zwar erst seit Ende  1993 in seinen heutigen Grenzen. Als Gesamtes betrachtet, hat das Havelland aber schon einigen weltberühmten Politikern als Sprungbrett gedient. So begann 1849 die Karriere des erzkonservativen  Schönhausers Otto von Bismarck, als er aus dem damaligen Wahlbezirk Westhavelland-Zauche heraus ins Preußische Abgeordnetenhaus gewählt wurde. Ein aus ganz anderem ideolgischen Holz geschnitzter Mann gewann  1912 im Wahlkreis Potsdam-Spandau-Osthavelland das Mandat, das ihn in den 1871 gegründeten Reichstag brachte. Überdies war der in Leipzig geborene Karl Liebknecht bereits seit 1908 Mitglied des Preußischen  Abgeordnetenhauses gewesen. Hatte Bismarck  mit Zuckerbrot und Peitsche sowie  Blut, Eisen und Kanonen ein deutsches Kaiserreich aufgebaut, hatte Liebknecht  ganz andere Ziele.

Als der Eiserne Kanzler 1878 das „Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ durch den Reichstag brachte, war noch Liebknechts  Vater, Wilhelm, davon betroffen. Er war neben August Bebel einer der Gründerväter der 1869  gegründeten Sozialdemokratischen Arbeiterpartei gewesen, die 1875 mit dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein zur  Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) fusionierte. Da war Karl noch ein kleiner Junge. Heran wuchs er in jenen Zeiten, als bis 1890 alle Aktivitäten der Sozialdemokratie, ihre Unterorganisationen, Veröffentlichungen und Versammlungen außerhalb des Reichstags und der Landtage verboten waren.  Nur weil Wilhelm Liebknecht zu der Zeit Abgeordneter im Reichstag war, konnte er trotz des Gesetzes zum politischen Kontrahenten Bismarcks  werden.

Die Zahl der SAP-Abgeordneten war seit 1871 (damals zwei) erheblich gewachsen. Bei der Reichstagswahl 1890 war die Partei bereits zur Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) geworden. 1898  holte diese 56 Sitze. Nachdem Karl Liebknecht für die SPD das Mandat im Wahlkreis Potsdam-Spandau-Osthavelland gewinnen und in den Reichstag einziehen konnte, war er dort einer von 110 sozialdemokratischen Genossen. Der Stimmenanteil der SPD-Fraktion betrug 34,8 Prozent, sie war die deutlich stärkste Kraft. Über insgesamt 397 Sitze verfügte das Parlament.

Karl Liebknecht, mit gerade erst 40 Jahren einer der jüngsten, agierte nun neben Männern wie dem gleichaltrigen Friedrich Ebert in einer Fraktion, der ebenso erstmals in den Reichstag gewählt wurde. Der eine glaubte an Sozialismus durch proletarische Revolution, der andere an Parlamentarismus, in dem die SPD auf ganz demokratischem Wege ihre Forderungen durchsetzen könnte. An der weiteren Entwicklung dieser beiden Parteimitglieder lässt sich am ehesten die sich anschließende Politgeschichte fassen.

So wie heute in der SPD gab es schon damals  Flügelkämpfe zwischen den Linksaußen und jenen Sozialdemokraten mit weniger linker Gesinnung. Einst gab es sogar Genossen, die heute als rechts gesinnt bezeichnet werden könnten. Zur ersten Zerreißprobe kam es am 4. August 1914, unmittelbar nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Im Reichstag, der die Budgethoheit hatte, stand die Abstimmung über dringend notwendige Kriegskredite an. Ende  Juli hatte die SPD noch Massen zu Anti-Kriegs-Demos im ganzen Reich mobilisiert, jetzt wollte sie für die Kredite und damit für den Krieg stimmen.

Innerhalb der Fraktion war das allerdings nicht unumstritten. Da aber den Mitgliedern Fraktionszwang auferlegt war, unterwarfen sich auch die Gegner wie Karl Liebknecht dem Mehrheitswillen. Ohne Gegenstimme votierte die SPD-Fraktion für die Vergabe der Kredite. Friedrich Ebert, seit 1913 Co.-Vorsitzender der Partei und ein Verfechter der parteilichen Geschlossenheit, konnte nicht anwesend sein. Es wurde aber in seinem Sinne gestimmt.

Diese Zerreißprobe hatte die SPD noch  schadlos überstanden. Im Dezember 1914 standen weitere Kredite zur Abstimmung. Diesmal, und das ging in die Geschichte ein, stimmte Liebknecht dagegen - als einziger! Noch stand er allein. Doch bis Ende 1915 taten es ihm viele andere Sozialdemokraten gleich.  Im Januar 1916 wurde der Widersacher aus der Fraktion ausgeschlossen, im März des Jahres erging es etwa 20 anderen ebenso. Sie bildeten im Reichstag eine Sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft (SAG), der Liebknecht aber nicht angehören wollte. Der radikale Sozialist gründete indessen mit Rosa Luxemburg und anderen den sogenannten Spartakusbund.

Inzwischen agierte Ebert, neben Philipp Scheidemann, als Fraktionschef der SPD, die im und außerhalb des Reichstags nun mit eigenen Leuten offen um den politischen Grundkurs rivalisierte. Als Parteichef musste Ebert auch die Spaltung der Partei befürchten.

Während er willig den sogenannten „Burgfrieden“ wahrte, also die bei Kriegsbeginn getroffene Übereinkunft der Parteien mit dem Kaiser, ihre Auseinandersetzungen nicht in die Öffentlichkeit zu tragen, agitierte der andere offen gegen Krieg, Kriegstreiber - und -gewinnler. Das war inzwischen höchst gefährlich für Liebknecht. Bereits im Februar 1915 war er als sogenannter Armierungssoldat zum Militärdienst eingezogen worden, „womit ihm jede politische Betätigung, außer der im Reichstag und im Preußischen Abgeordnetenhaus, untersagt ist“, wie es in einer Biografie auf www.dhm.de heißt.

Dieser linke SPD-Politiker lief nun Gefahr, bei Zuwiderhandlungen des Hochverrats bezichtigt zu werden. Während einer von ihm organisierten Friedensdemo auf dem Potsdamer Platz in Berlin wurde Karl Liebknecht am 1. Mai 1916 festgenommen. „Unter Verlust seines Reichstagsmandats wird er wegen Hochverrats zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt. In der Berufungsinstanz wird die Strafe auf vier Jahre und einen Monat erhöht“, wie es weiter in der Biografie auf der Webseite das Deutschen Historischen Museums heißt.

Erst als sich das Blatt für Kaiser, Parlament und Vaterland gewendet hatte, kam der in Luckau inhaftierte Liebknecht im Zuge einer Amnestie für politisch Gefangene wieder frei. Das war am 23. Oktober 1918. Zu der Zeit hatten die Deutschen längst um Waffenstillstands- bzw. Friedensgespräche bei den Kriegsgegnern ersucht. Die wollten aber erst verhandeln, wenn der Kaiser abgedankt hat. Die parlamentarische Monarchie, wie sie seit 1. Oktober 1918 bestand, genügte nicht. Der Countdown war ausgelöst.

Am 9. November des Kriegsjahrs 1918 schlug beider Stunde, die von Liebknecht und Ebert. Reichskanzler Max von Baden hatte eigenmächtig die Abdankung des Kaisers verkündet und übergab seinen Posten am 9. November 1918 an Friedrich Ebert. Fraktionschefkollege Scheidemann wurde dazu gedrängt, die Republik  auszurufen, um damit Karl Liebknecht zuvorzukommen.

Inzwischen war die Spaltung der SPD längst vollzogen. Die 1917 aus der Partei ausgeschlossenen Sozialdemokraten gründeten eine Unabhängige SPD, daher USPD. Die Partei um Ebert nannte sich Mehrheits-SPD (deshalb MSPD).   Der Spartakusbund hatte sich der USPD angeschlossen. Kurze Zeit nach Scheidemann  rief Liebnecht am 9. November 1918 eine sozialistische Republik aus. Das bolschwistische Sowjetrussland diente ihm als Vorbild.

Am Tag danach kam es zunächst zur Bildung des Rates der Volksbeauftragten, was einer Übergangsregierung entsprochen hat - paritätisch besetzt durch Leute aus gemäßigter MSPD und linker USPD. Wohin die politische Reise für Deutschland gehen sollte, war noch offen. Friedrich Ebert setzte auf Beruhing der Lage im Reich, Parlamentarismus und schnellstmögliche Einsetzung einer Nationalversammlung, um seine Ziele auf demokratischem Wege zu erreichen. Radikale Sozialdemokraten wie Karl Liebknecht wollten die Fortsetzung der Revolution, bis zum Erfolg.

Der Ebert-Groener-Pakt bezeichnet  ein Bündnis, zwischen dem Regierungschef und dem neuen Chef der Obersten Heeresleitung. Dieser hatte am 10. November die Loyalität des Militärs gegenüber den gemäßigten Kräften innerhalb der Regierung zugesichert. Mitte Dezember erhielt Ebert die erhoffte Legitimation durch Beschluss des  Reichskongresses der Arbeiter- und Soldatenräte, wonach am 19. Januar 1919 Wahlen zur Nationalversammlung erfolgen sollten. Die radikale Linke fand sich damit nicht ab.

In der Folge kam es zu Unruhen und Blutvergießen, was als Weihnachtskämpfe in die deutsche Geschichte einging. In der Folge scheiterte auch das rot-rote Zweckbündnis im Rat der Volksbeauftragten. Die USPD-Vertreter schieden Ende Dezember aus, MSPD-Politiker übernahmen die Posten - darunter Gustav Noske, den Friedrich Ebert zum Volksbeauftragten für Heer und Marine machte.  Als die USPD am 5. Januar 1919 zum Putsch in Berlin ansetzte,  bediente sich Noske der nationalkonervativen Verbündeten aus dem Militär. Er ließ Truppen um Berlin zusammenziehen.

Karl Liebknecht war weder Drahtzieher noch Auslöser des Putschversuchs, er unterstützte ihn aber. Aus dem Sozialdemokraten von einst war  ein  Kommunist geworden. Zum Jahreswechsel war der vormals der USPD angehörende Spartakusbund in der neu gegründeten Kommunistischen Partei Deutschlands aufgegangen. Nach Ende des Putschveruchs wollte Karl Liebknecht untertauchen. Gemeinsam mit Rosa Luxemburg geriet er am 15. Januar in die Fänge der Garde-Kavallerie-Schützen-Division. Beide wurden im Hauptquartier zunächst schwer misshandelt und anschließend ermordet.

Vier Tage später wurde die Nationalversammlung gewählt, die ab 6. Februar tagte. Am 11. Februar wählte sie  Friedrich Ebert zum Reichspräsidenten. Er starb 1925. In vielen Kommunen  erinnern die Namen von Straßen und Plätzen an den Politiker. In Rathenow ist nach ihm der Friedrich-Ebert-Ring benannt.  Auch an Karl Liebknecht erinnert in der Kreisstadt eine Straße. Indessen steht dieser Linksaußen der Sozialdemokratie im Fokus einer Ausstellung im osthavelländischen Elstal. Titel: „Karl Liebknecht in Zeit und Bild“.

Kurator der bis 29. März in der Bürgerbegegnungsstätte gezeigten Schau ist Tobias Bank, der der Partei Die Linke angehört. Wer deren Zeitstrahl  rückwärts verfolgt, gelangt über PDS und SED zum Ursprung der Parteigeschichte, die mit Gründung der KPD einsetzte. Die Schau am Karl-Liebknecht-Platz 2 ist derweil darauf ausgelegt, den Zusammenhang zwischen dem vor 100 Jahren ermordeten Politiker und  dem Havelland zu verdeutlichen. Der Eintritt ist frei.

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