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Landgericht
Wegen Mordes Angeklagte schweigen

Tatort in der Goethestraße 50 in Rathenow: In der Nacht zum 13. Januar 2018 wurden in einer dortigen Wohnung eine Frau und ihr Lebensgefährte getötet.
Tatort in der Goethestraße 50 in Rathenow: In der Nacht zum 13. Januar 2018 wurden in einer dortigen Wohnung eine Frau und ihr Lebensgefährte getötet. © Foto: Sandra Euent
Ingmar Höfgen / 12.02.2019, 14:47 Uhr
Potsdam/Rathenow Der Strafprozess wegen der grausamen Tötung von zwei Menschen in der Rathenower Goethestraße am 13. Januar vorigen Jahres wird wesentlich länger dauern als geplant und vermutlich erst im Mai enden. Die 1. Große Strafkammer des Landgerichts Potsdam, die seit 16. Oktober gegen zwei wegen Mordes angeklagte Männer aus der havelländischen Kreisstadt verhandelt, gab in dieser Woche bekannt, dass an 16 weiteren Tagen verhandelt werden soll. Nach der ursprünglichen Planung sollte am 12. Februar Schluss sein.

Um eines der schwersten und – wie sich am Montag zeigte  - auch brutalsten Gewaltverbrechen der jüngeren Zeit in der Stadt sicher beurteilen zu können, benötigen die fünf Richter offenbar wesentlich mehr Zeit, um Zeugen zu befragen und Indizien zu einem Gesamtbild zusammenzufügen. Die beiden Angeklagten, der 29-jährige Kevin M. und der 53-jährige Bodo K., haben sich an den bisherigen 18 Verhandlungstagen nicht zu den Vorwürfen erklärt, sie machen stattdessen von ihrem Schweigerecht Gebrauch. „Da sich die Angeklagten weiterhin nicht zum Vorwurf eingelassen haben, ist eine umfangreiche Beweisaufnahme zu allen Einzelheiten erforderlich geworden“, teilte die Pressestelle des Landgerichts auf Nachfrage mit.

Vorgeworfen wird ihnen von der Staatsanwaltschaft, im Januar 2018 ein Paar, Mitte 30, in deren Wohnung in der Goethestraße gefesselt zu haben. Dann sollen sie der Frau den Hals aufgeschnitten und ihr mehrfach massiv ins Gesicht geschlagen oder getreten sowie den Mann stranguliert, außerdem unter anderem in den Oberkörper geschnitten und in ein Bein gestochen haben. Im Anschluss sollen die Angeklagten nach Ansicht der Staatsanwaltschaft die Wohnung in Brand gesetzt haben, um ihre Spuren zu verwischen.

Beide Opfer starben laut Anklage erst durch eine Rauchvergiftung. Die Angeklagten sollen mit der Tötung bezweckt haben, die Frau als Zeugin zu beseitigen, so die Staatsanwaltschaft weiter. Sie hatte Bodo K. zwei Tage zuvor wegen Vergewaltigung angezeigt. Der Mann habe getötet werden sollen, damit es keinen Zeugen für die Tötung seiner Lebensgefährtin gibt. Erweisen sich die Vorwürfe als zutreffend, so droht beiden Angeklagten eine lebenslange Haftstrafe.

Wer auch immer das Paar getötet hat – er ist dabei bestialisch vorgegangen. Bei einer Projektion von Tatort-Fotos am Montag konnten einige der 20 Zuschauer und der Nebenkläger ihre Tränen kaum unterdrücken. Die beiden Getöteten waren teilweise entkleidet und an Füßen und Händen mit Stricken gefesselt, ihre Köpfe beide blutüberströmt.

Die vielen Aufnahmen aus dem Haus ließen auch in Ansätzen erahnen, was in der Nacht vom 12. zum 13. Januar 2018 passiert sein könnte. Das Wohnzimmer, in dem die getötete Frau unmittelbar hinter der Tür von Feuerwehrleuten gefunden worden war, war völlig verrußt. Aus Sofa und Sessel kam teilweise das Füllmaterial hervor, der Fernseher hatte sich teilweise verformt. In dem Zimmer fanden zwei Beamte von der Spurensicherung mehrere Messer und Schneidewerkzeuge.

Als sie in die dahinterliegende Küche gingen, fanden sie unter einem Tisch den getöteten Mann. Bis dahin war die Polizei davon ausgegangen, dass es nur ein Opfer gibt. Vom Balkon aus entdeckten sie eine frische Bruchspur auf einem Wellblech-Vordach, an die Hauswand gelehnt war eine Anstellleiter, auf der sich Schmutzreste fanden. Verhaftet wurde Bodo K. am 19. Januar in der Kneipe Zahni´s Schope, Kevin M. am 3. Februar in Stendal.

Die beiden Angeklagten, die in Handschellen in den Gerichtssaal gebracht wurden, verfolgten die fotografische Dokumentation auf ganz unterschiedliche Weise. Der 29-jährige M., ein kahler, großgewachsener und kräftiger Türsteher-Typ, schaute sich die Fotos an – nur bei den Aufnahmen, die die beiden Leichen zeigen, schaute er weg. Kaum eines Blickes würdigte dagegen der 53-jährige K. die Aufnahmen.

Durch das Schweigen der Angeklagten steht das Gericht vor der Schwierigkeit, die an den Opfern gefundenen Verletzungen den Angeklagten zuzuordnen und sich von einem gemeinsamen, geplanten Vorgehen zu überzeugen. Um Tötungen als Mord zu qualifizieren, muss zudem noch mindestens eines der gesetzlich aufgeführten Mordmerkmale festgestellt werden. Dadurch muss sich das Gericht auch ausführlich mit der Suche nach Tatmotiven beschäftigen.

An den vergangenen beiden Tagen wurden vom Gericht mehrere Polizisten befragt, die sich an das Geschehen von vor etwa einem Jahr erinnern sollten und die mit ihren vor etwa einem Jahr verfassten Vermerken konfrontiert wurden. Dabei ging es zum einen um eine mögliche gemeinsame kriminelle Vergangenheit der beiden Angeklagten aus den Jahren 2008 und 2009, ehe für K. mit einer Schizophrenie-Diagnose ein über Jahre dauernder Maßregelvollzug angeordnet wurde – weshalb auch in diesem Verfahren die Frage der Schuldfähigkeit offen scheint.

Auch die Nutzung einer EC-Karte des getöteten Mannes angeblich durch K., um am 13. Januar einen Kontoauszug zu ziehen, versuchten die drei Berufsrichter und zwei Schöffen zu ergründen. Ob Äußerungen von Kevin M. nach seiner Festnahme auch verwertet werden dürfen, wird die Richter ebenfalls beschäftigen. M. hatte vorher deutlich gemacht, dass er ohne seinen Anwalt nichts sagen will.

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