Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de
Logo Brandenburger Wochenblatt

Innovation
Lesebrille 2.0: Kamera "liest" Blinden vor

Heinz Bräsecke lässt sich von OrCam-Managerin Jennifer Kietzke den neuen Alltagshelfer, die Brillenkamera, erklären.
Heinz Bräsecke lässt sich von OrCam-Managerin Jennifer Kietzke den neuen Alltagshelfer, die Brillenkamera, erklären. © Foto: Manuela Bohm
Manuela Bohm / 15.04.2019, 16:05 Uhr
Rathenow (MOZ) Durch das Bundes-Teilhabegesetz und die UN-Behindertenrechtskonvention sollen Menschen, die mit körperlichen und/oder geistigen Einschränkungen leben, Möglichkeiten der Selbstbestimmung und Teilhabe gegeben werden, um uneingeschränkt an allen Aktivitäten teilnehmen zu können, so heißt es zu Inklusion auf www.behindertenrechtskonvention.info.

Um mit seinen Einschränkungen unauffällig durch den Alltag selbstbestimmt gehen zu können, bedienen sich die Menschen oft verschiedener Hilfsmittel - teilweise ist die Orientierung ohne sie kaum bis gar nicht möglich. Das ginge bereits Brillenträgern so, würde ihre Sehhilfe unbrauchbar. Blinde und sehbehinderte Menschen bewegen sich mit teils ganz anderen, speziellen Hilfsmitteln. Da gibt es die Uhr, die die Zeit ansagt oder Geräte, die die Zeitung vorlesen. Aber auch Monokulare, mit dem Straßenschilder identifiziert werden, sind bisher wichtige Hilfsmittel.

Jennifer Kietzke, Regionalmanagerin eines international agierenden Unternehmens, besuchte kürzlich ein Treffen der Rathenower Betreuungsgruppe des Blinden und Sehbehindertenverbands Brandenburg. Gebannt und sehr aufmerksam hörten die Gruppenmitglieder Kietzke zu. "Die Kamera speichert nur die Gesichtspunkte, nicht das Foto", erklärte sie eine Funktion der sogenannten OrCam. Mit dieser können biometrische Daten bekannter Personen gespeichert werden. Trifft der Blinde den Bekannten, flüstert die kleine Brillenkamera dem Träger den Namen des Erkannten ins Ohr.  Diese Funktion ist bereits eine Erweiterung. Auch Objekte können erkannt werden - einige über Barcode beim Einkaufen, oder auch Geldscheine werden genannt. Zudem funktioniert die Brille über eine sogenannte Gestensteuerung. Ein Beispiel: Schaut der Nutzer auf sein Handgelenk, als würde er seine Armbanduhr ablesen, sagt das Gerät ihm die Uhrzeit an, auch wenn er gar keine Uhr trägt. Die Hauptfunktion besteht im Lesen, mit und ohne Gestensteuerung.

Für das häusliche Lesen der Zeitung beispielsweise hatten Betroffene bisher die Möglichkeit, über einen riesigen Apparat, mit dem die Zeitung gescannt wird, sich diese vorlesen zu lassen. Tragbar ist dieses Gerät nicht; Speisekarten in Restaurants blieben damit eine Herausforderung. Die OrCam wird via Magnet an der Brille befestigt. Sie ist zirka 8 Zentimeter lang und einmal ein Zentimeter breit und tief. Sie beinhaltet eine integrierte Datenbank, einen Akku, die Kamera selbst und einen Lautsprecher. Gesteuert wird sie über Berührung. Mit ihr können Informationen, die in Armeslänge entfernt sind die Größe eines DIN A4-Blatts haben, erfasst werden. Die Kamera generiert ein Bild und liest den Text vor. Dabei muss der Text nicht weiter vor das Gesicht gehalten werden. Die Speisekarte kann ohne fremde Hilfe erkundet werden.

Aber auch Schilder im Stadtbild, am Bahnhof, in Verwaltungsgebäuden und ähnliches können von der Kamera erkannt und vorgelesen werden. Dabei kann nicht nur die Stimme, ob männlich oder weiblich, ausgewählt , sondern auch die Lautstärke verstellt werden.

Nacheinander probierten einige der anwesenden Gruppenmitglieder die OrCam unter Anleitung von Jennifer Kietzke aus. "Nach drei bis fünf Tagen Training ist eine alltagstaugliche Nutzung problemfrei möglich", meinte sie. Allerdings komme es dabei auf das Zusammenspiel von Mensch und Technik an. "Die eigene Motivation muss gegeben sein, mit der Technik zu arbeiten."

Fragen nach dem Energiebedarf, Kosten und Beziehbarkeit wurden aus der Gruppe heraus gestellt. Bei intensivem Lesen, würde der Akku bis zu zwei Stunden halten. "Stellen wir die Kamera auf Messen vor, hält der Akku bis zu vier Stunden, weil sie selbst Pausen macht", sagt Kietzke über die Kamera. Sie empfiehlt aber ebenso eine Powerbank für unterwegs, wie das Zwischenladen.

Aus Technik für das autonome Fahren in Israel weiterentwickelt, fand die OrCam bereits Eingang in die Hilfsmittelkataloge der Krankenkassen. Dennoch sollten Interessierte sich vorab informieren, welchen Anteil ihre Kassen für die Geräte im Wert zwischen 3.500 und 4.500 Euro übernehmen. Ausprobieren und erwerben kann man das Hilfsmittel bisher direkt in Rathenow noch nicht, aber die Regionalmanagerin würde sich, nach eigenen Angaben, mit Optikern in Verbindung setzen, um dort Menschen mit geringer oder ohne Sehkraft ein modernes Mittel zur Orientierung anbieten zu können.

Fast unsichtbar

Die Entwicklung solcher Innovationen wie die OrCam aus bereits bestehenden Technologien ist machbar und möglich, doch in der Entwicklung kostenintensiv. Das israelische Unternehmen habe aus einem privaten Hintergrund heraus die Konzipierung der OrCam aufgenommen. Fünf Jahre arbeiteten die Ingenieure daran. Im vergangenen Jahr wurde ein mobiles Vorgängermodell, das noch an Gurten getragen wurde von dem kleineren Gerät für Brillen abgelöst. Nun werden immer mehr Funktionen hineingepackt. Die OrCam funktioniert unabhängig vom Internet über ihre eigene Datenbank, die mit Informationen durch den Hersteller und den Nutzer weiterentwickelt werden kann. Informationen zum Gerät, Vertrieb und der Übernahme von Kosten durch Krankenkassen sind auf der Internetseite orcam.de zusammengestellt

Ein kleiner Magnet wird am Brillengestell befestigt und das Gerät daran angeklickt.  Die vorlesende Stimme kann flüsterleise eingestellt werden - auch die Vorlesegeschwindigkeit ist verstellbar.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG