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Hochwasserschutz
Elbdeiche: Archillesferse des Havellands

Manuela Bohm / 26.06.2019, 15:58 Uhr
Rathenow (MOZ) Mit dem Schlagwort Hochwasserschutz wird die Sanierung bzw. die komplette Umgestaltung der großen genannten Hinterarchen begründet. Um die Kreisstadt vor herannahenden Wassermassen aus dem Einzugsgebiet der Havel zu schützen, wird die mögliche Durchflussmenge erhöht; Die Vorderrachen, auch kleine Archen genannt, werden zurück gebaut. Hier bleibt lediglich ein kleiner Durchlass, ähnlich wie Hellers Loch.

Die gesamte Staustufe Rathenow soll für den Hochwasserschutz ausgelegt werden. Maßgeblich sind Zahlen der zurückliegenden Jahrzehnte, beinahe über ein gesamtes Jahrhundert. Bei einem Hochwasser 1940 seien beispielsweise 295 Kubikmeter Wasser je Sekunde durch Rathenow geflossen. Um künftige Extremereignissen begegnen zu können, werden die Wehranlagen für eine Abflussmenge von 310 Kubikmeter je Sekunde ausgelegt. Für diese Abflussmengen müssen die Hinterarchen umgestaltet werden.

Die Anlage wird insgesamt verbreitert und derart gestaltet wie das sogenannte Mühlenwehr. Über vier Klappen werden an dieser Stelle der Wasserstand und der Abfluss reguliert. Die Anlage wird so gestaltet, dass, für den Fall eines technischen Ausfalls drei geöffnete Klappen ausreichen, um die Wassermenge von 310 Kubikmeter je Sekunde abfließen zu lassen. Hier wird zudem eine Fischaufstieghilfe angelegt, die immer Wasser führen muss.

Sicher bei Havelhochwasser

Die Vorbereitungen für den Umbau der Wehranlage Hinterarchen haben bereits begonnen, die Planung zieht sich bereits über Jahre - schon in den 1990er Jahren wurde über eine Umgestaltung der Anlage gesprochen.  Baugrunduntersuchungen wurden vorgenommen und das umgebende Gelände von Gehölzen freigeräumt. In diesem Jahr erfolgen weitere Vermessungen und die Darstellung der Profile, wie es aus dem Wasser- und Schifffahrtsamt (WSA) in Brandenburg an der Havel heißt. Im kommenden Jahr sollen dann die Arbeiten zur Erneuerung der Wehranlage erfolgen.  Bis zu 12 Millionen Euro werde die Umgestaltung der Hinterarchen und der Rückbau der Vorderarchen kosten. Um im Wehrarm der Vorderarchen  die Wasserqualität zu erhalten, wird an dieser Stelle ein Durchfluss gestaltet - ähnlich wie Hellers Loch. Mit der Verbreiterung und Ertüchtigung, um mehr Wassermengen abführen zu können, werden die Hinterarchen zum Hauptwehr. Das Wasser erreicht in Rathenow zuerst die Hinterrachen. Aber auch am Mühlenwehr können große Massen in einer extremen Situation abgeführt werden. Der Zusammenfluss beider Arme erfolgt beim Eingang der Schliepenlanke.

Zukunftsfähig seien dann die Anlagen und auch für ein mögliches Jahrhunderthochwasser gewappnet. Die Kreisstädter seien somit vor einem Hochwasser der Havel sicher. Doch die Berechnungen zur Modernisierung der Wehranlagen bezieht Wassermengen ein, die aus den Einzugsgebieten der Havel kommen. Diese findet ihre Quellseen bei Kratzeburg, östlich der Müritz und nimmt Wasser von Nebenflüssen auf. Erhebliche Mengen kommen dabei auch von der Spree, die ihre Quellen im deutsch-tschechischen Grenzgebiet im Freistaat Sachsen hat.

Hochwasserschutz an der Elbe

Nur wenige Kilometer von diesen Quellen entfernt windet sich der Fluss in seinem Bett, der ernstlich in den zurückliegenden 20 Jahren für Hochwasser-Problemlagen auch im Havelland sorgte - die Elbe. "Sie ist unsere Hochwasser-Achillesferse", weiß Rocco Buchta. Brechen bei Hochwasserereignissen der Elbe die Deiche, kann die Havel oberhalb von Rathenow schnell Hochwasser führen. 2013 kam das Elbwasser nach einem Deichbruch bei Fischbeck nicht bis an die Kreisstadt. Schaut man auf alte Landkarten, die Flussrinnen und alte Verläufe der Elbe darstellen, erkennt man auch, warum die Rathenower und ihre südliche Umgebung verschont blieben. Rinnen verzweigen sich südlich von Tangermünde und durchziehen die Flächen zwischen dem heutigen Elbverlauf in Richtung Schönhausen, Arneburg und Schönefeld. Dort entlang floss das Wasser ab, das durch den Deichbruch bei Fischbeck ins Hinterland der Elbe floss.

Würden aber in der Umgebung von Parey oder auch südlich davon bei Rogätz oder Niegripp die Deiche nicht halten, kann es zum sogenannten Stremmeszenario kommen. "Vor 7.000 Jahren erfolgte der Hauptabfluss der Elbe an Rathenow vorbei durch das heutige Havelland", erklärt Flussexperte Buchta. Erst seit dem Durchbruch des Stendaler Elbtals bahnte sich die Elbe ihren Weg beinahe gradlinig an den heutigen Elbanrainern Tangermünde, Arneburg und Sandau vorbei. Aber noch nach der Schaffung erster Elbdeiche im 10. und 11. Jahrhundert trat der Fluss bei Winterhochwasser über die Ufer und bahnte sich Abflüsse in alten Rinnen über Genthin, Schmetzdorf, aber auch über Bahnitz, Milow nach Rathenow sowie auch durch den heutigen Schollener See fließend zurück zum heutigen Elbbett. Erst nachdem die Deiche in der Mitte des 19. Jahrhundert erhöht wurden, kam es nur noch in Ausnahmefällen, wie Deichbrüchen, zur Flutung des westlichen Havellands.

Um Risiken, wie sie mit einem Extremereignis ähnlich den Elbehochwassern von 2002 und 2013 einher gingen, früher erkennen und angepasster reagieren zu können, erarbeitet der Landkreis Havelland ein Hochwasservorsorgemodell. Damit sollen Lehren aus dem Elbe-Hochwasser 2013 gezogen werden. Indes wurden Elbdeiche saniert, verstärkt und erhöht. Würde sich das Szenario von 2013 wiederholen, gäbe es weniger Deichbrüche entlang der oberen Elbe in Sachsen, Sachsen-Anhalt und an den südlichen Grenzen zwischen Sachsen und Brandenburg. Die gesamten Wassermassen würden daher bis in unsere Region getragen.

"Die Elbe selbst hat nur noch rund 15 Prozent ihrer eigenen Überflutungsgebiete nach der Eindeichung für die Ausbreitung von Hochwasser zur Verfügung", so Buchta. Um Wasser in die Fläche zu verteilen wurden 2013 Havelpolder zur Entlastung genutzt. Unter Umständen hat dieser Einsatz Elb-Ortschaften unterhalb dessen, wie u.a. Wittenberge, gerettet. Maßnahmen im nördlichen Sachsen-Anhalt geben zudem ihrem Fluss in Abschnitten wieder mehr Platz für Überflutungen. So werden Deiche bei Klietz, Schönfeld, bei Wulkau, Wahrenberg, linksseitig der Elbe, sowie bei Werben zurück verlegt.

Für den Fall eines eintretenden Stremmeszenarios wünscht sich Rocco Buchta weitergehende Hochwasserschutzmaßnahmen. "Vom Schmetzdorfer Raum könnte Flutwasser an Rathenow-West vorbei in einer alten Elbrinne fließen und bei Göttlin weiter mit der Havel abfließen", so Buchta. Doch diesem alten Verlauf steht die Moderne im Weg. Straßen- und Gleisbauwerke würden Flutwasser aufstauen - es würde sich andere Wege suchen. "Es gibt zwei Meinungen, wie sie sich beim Elbhochwasser von 2013 zeigten. Die einen meinen lieber einen großen Schaden auf kleinem Raum zu begrenzen und überflutetes Wasser einzudämmen. Ich bin eher für kleinere Schäden auf großen Gebieten."

In diesem Zusammenhang wurde eine Straße zwischen Wulkau und Kamern geöffnet, die wie ein Damm wirkte. Auch für den Fall des sogenannten Stremmeszenarios, bei dem in Rinnen des Marqueder Königsgrabens, der Stremme und des Böhnschen Königsgrabens Elbewasser in die untere Havelniederung gelangen, rät Rocco Buchta, Abflüsse frei zu räumen und Straßen abzusenken. "Die Fläche ist groß genug, so dass sich das Wasser verteilen kann, wird es aber beispielsweise an Dämmen von Verkehrswegen gestaut, entstehen Gefahrenlagen für die umliegenden Dörfer", so Buchta.

Wasser in Rathenows Straßen

Im Jahre 1566 brach ein Elbdeich bei Burg wohl auch mit verheerenden Auswirkungen für Rathenow. Der geschichtsinteressierte Prediger Samuel Christoph Wagener (1763-1845) befasste sich in seinen  "Denkwürdigkeiten der churmärkischen Stadt Rathenow" (1803) mit dem Deichbruch an der Elbe 1566. Im Kapitel "Wassernoth" schreibt er: "Die älteste Elbüberschwemmung, deren schreckliches Andenken die Voreltern verewigten, ist die vom 12. Februar 1566". 1595 sei ebenso ein Hochwasser in die Stadt geflossen. "Auch im Jahre 1653 band man (...) selbst an das Rathaus die Kähne, womit man in der Stadt umherfuhr", so Wagener. 1709 hätte eine Elbeflut die Osterfeierlichkeiten in der Stadt gestört, zitiert Wagener eine Triepkesche Chronik. Wagener vermutete eine Vielzahl von Elbfluten, von seinen Quellen ausgehend, in zurückliegenden Zeiten und verwies auf Bittschriften der Bürger, die über drei Fluten in fünf Jahren klagten. Nachzulesen unter: books.google.de/books

Durch die Deichbrüche an der Elbe von 1566 und 1595 seien das Haveltal und das Stremmetal überschwemmt worden, schreibt der NABU in einem Abriss zur Unteren Havel. "Der Hochwasserstand erreichte in Rathenow ungefähr 6,28 bzw. 6,59 m am Pegel (nach Berghaus)", fasst der Bericht des NABU zusammen. (https://www.nabu.de/imperia/md/content/nabude/lebendigefluesse/havelgeschichte.pdf)

Ortsvorsteher Winfrid Ganzer berichtet in seiner Chronik des Dorfes Milow von einem Ereignis von 1941: "Es war am 21. März 1941, abends 11 Uhr, da brach die Elbe bei Parey durch. Sämtliche Ortschaften wurden mobil gemacht. Am anderen Tag machte es sich schon bemerkbar, es stieg andauernd, und ein großer Teil der Milower Feldmark (Ackerland) war überschwemmt." (Seite 130, Milower Historisches aus Gewerbe, Vereinen & Gesellschaft, 2016)

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