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Kunstrasenplätze
Mikroplastik: Zahlen des Fraunhofer-Instituts angezweifelt

Kunstrasen sieht man nicht an, wenn es Winter ist. Diese Aufnahme entstand im Februar 2018 beim FSV Optik Rathenow.
Kunstrasen sieht man nicht an, wenn es Winter ist. Diese Aufnahme entstand im Februar 2018 beim FSV Optik Rathenow. © Foto: Roesenberger
René Wernitz / 24.07.2019, 12:39 Uhr
Havelland (MOZ) Da quakt keine Ente im Sommerloch. Tatsächlich sind Kunstrasenplätze nun ein heißes Thema. Die Öffentlichkeit hatte es solange nicht auf dem Bildschirm, bis in "Welt am Sonntag" (21. Juni) folgende Überschrift stand: "Geplantes Kunstrasenverbot bedroht Amateur-Fußball".

Allerdings geht es weniger um Kunstrasen als um das Grummigranulat zwischen den künstlichen Halmen. Weil gesundheitlich wohl unbedenklich stellt der Kontakt mit diesem aus Altreifen hergestellten Material aktuell nicht das Problem dar, sondern beim Sport freigesetztes Mikroplastik, das etwa in Wasser- und Nahrungskreisläufe gelangen kann. Das Fraunhofer-Institut listet Hauptverursacher für Mikroplastik in einer 2018 erschienenen Veröffentlichung auf (www.umsicht.fraunhofer.de). Daraus geht hervor, dass durch Abrieb von Autoreifen auf deutschen Straßen etwa zehn Mal mehr Mikroplastik freisetzt wird als bei Fußball auf Kunstrasenplätzen bzw. beim Abrieb der Sohlen unter unser aller Schuhe.

Vom Institut errechnete 8.000 bis 11.000 Tonnen Mikroplastik, die jährlich von Kunstrasenplätzen abgetragen werden sollen, geistern nun umher. Indes führt die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Sportämter (ADS) auf ihrer Webseite www.ads-sportverwaltung.de zum Stein des Anstoßes in der EU, denn sie hält zum Thema auf dem Laufenden, unter dem 27. Mai folgendes: "Die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) schlägt vor, das Inverkehrbringen von Kunststoffgranulaten zur Verwendung in Kunststoffrasensystemen künftig zu verbieten."

Ebenso im Mai hatten der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und der Deutsche Fußball-Bund (DFB) auf ihren Webseiten über die Gründung einer Arbeitsgruppe berichtet, die die Auswirkungen von Kunstrasenplätzen auf die Umwelt untersuchen soll. Die AG diskutierte freilich auch den von der ECHA "im März 2019 bei der Europäischen Kommission vorgelegten Vorschlag, nach dem die Verwendung von Produkten, denen bewusst Mikroplastik zugesetzt wird, deutlich eingeschränkt werden soll." Insbesondere schlage die ECHA vor, das Inverkehrbringen von Kunststoffgranulaten zur Verwendung in Kunststoffrasensystemen künftig zu verbieten.

"Vor einem Inkrafttreten dieses Verbots fordert der gemeinwohlorientierte Sport eine Übergangsfrist von mindestens sechs Jahren, wie sie die ECHA auch für andere betroffene Produkte vorgesehen hat." So steht es auf www.dosb.de und www.dfb.de. Die Übergangsfrist sei notwendig, um die hohen Investitionen für die Sanierungen der mehr als 6.000 kommunalen und sportvereinseigenen Kunststoffrasenspielfelder unterschiedlichsten Alters in Deutschland leisten und gleichzeitig den Sportbetrieb auf den betroffenen Sportanlagen aufrechterhalten zu können. Eine genaue Quantifizierung der in Deutschland von einem möglichen Verbot betroffenen Sportanlagen sei derzeit nicht möglich, da eine belastbare Datengrundlage fehlt.

Laut Angaben des Fußballpartner-Portals Fupa.net beläuft sich die Zahl der vom Fußballlandesverband Brandenburg für den Spielbetrieb zugelassenen Kunstrasenplätze auf 119. Im Fußballkreis Havelland gibt es mit 34 die meisten solcher Plätze. Auf wievielen hier Gummigranulat zum Einsatz kommt, ist unklar. Auf Anfrage betätigt der FSV Optik Rathenow, dass das bei dem von ihm genutzten Kunstrasenplatz (neben dem Stadion-Rasenplatz gelegen) der Fall ist. Auch der BSC Rathenow 94 ist  betroffen. In Falkensee gibt es drei solcher Plätze. Beim Schönwalder SV 53 wurde der mit Gummigranulat verfüllte Kunstrasenplatz erst im Frühling 2019 in Betrieb genommen. Rund 250.000 Euro, zum Großteil Fördergelder, wurden investiert.

Im Rathenower Rathaus reagiert man relativ gelassen. Auf Anfrage sagt Stadtsprecherin Anne Kießling, dass ja noch gar nichts entschieden sei auf europäischer Ebene. Zudem geht man davon aus, dass es im Fall der Fälle eine sechsjährige Übergangsfrist geben wird. Abwarten also.

Womöglich relativiert sich die Sache mit der Mikroplastik sogar in den nächsten Wochen. Denn rein mathematisch würden bei 8.000 bis 11.000 Tonnen Mikroplastik pro Jahr von jedem der mehr als 6.000 Kunstrasenplätze etwa 1,5 Tonnen stammen, die wieder aufgebracht werden müssten. Tatsächlich werden die Angaben des Fraunhofer-Instituts stark angezweifelt.

Der RAL-Gütegemeinschaft Kunststoffbeläge in Sportfreianlagen e.V. hat schon Ende Juni eine Stellungnahme zu Mikroplastik in Kunstrasen veröffentlicht. Diese ist auf www.ral-ggk.eu zu finden. Wörtlich heißt es darin: "Wir widersprechen ganz ausdrücklich den von Fraunhofer in Umlauf gebrachten Zahlen, die so auf Deutschland nicht zutreffen." Ferner sagt der Verein: "Es ist davon auszugehen, dass die Belastung der Umwelt mit Mikroplastik mindestens um den Faktor 10 niedriger liegt als vom Fraunhofer-Institut behauptet".

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